Aufsatz über das Musik-Konservatorium in Prag (Teil 1 von 2)

Das Conservatorium der Musik zu Prag.

Es ist bekannt, daß vor einigen Jahrzehnten Böhmen als die eigentliche Wiege der Tonkunst angesehen wurde, und wohl konnte man dies zu einer Zeit, wo in den meisten Klöstern und Palästen der Großen eigene Kapellen unterhalten wurden und gleichsam das ganze Land musikalisch war. Leider hat auch dieß Verhältniß den Wandel des Zeitlichen erfahren und die Stürme der Zeit verminderten endlich den musikalischen Ruhm der Böhmen gar sehr; doch war der Verfall unserer Kunst noch nicht so entschieden, daß dem Reiche nicht noch viele bedeutende Musiker in Erfindung und Ausführung geblieben wären, und vor allem war es den gefährlichen Neuerern in der Kunst nicht gelungen, in Geist und Gemüth der Böhmen den richtigen Sinn für das wahre Schöne in der Musik zu verlöschen; und wie die Großen dieses Landes sich zu allen Zeiten durch die regste Theilnahme an allem Schönen und Guten hervorgethan haben, so entstand auch unter ihnen ein Verein zur Beförderung der Tonkunst, der mit Kraft und Würde dahin strebt, die Funken der Kunst zur hellen Flamme anzufachen, und Böhmens alten musikalischen Ruhm zu erneuern.

Den vereinten Bemühungen dieser edlen Großen verdankt Prag den Ruhm daß in seinen Mauern das erste teutsche Conservatorium der Musik gegründet wurde, welches erst fünf und ein halbes Jahr besteht und in diesem Zeitraum schon hinlänglich beurkundet hat, zu welchen schönen Hoffnungen dieses musterhafte Kunstinstitut berechtigt.

Das Conservatorium wird durch unterzeichnete Beyträge derjenigen Adeligen erhalten, welche sich im Jahre 1810 vereinigten, um die Kunst in Böhmen zu unterstützen. Die Beträge werden immer halbjährlich voraus bezahlt, und wer im sechsten Jahre nicht aufkündigt, macht sich stillschweigend verbindlich, noch weiter zu zahlen. Auch ist es bey dem edlen Kunstsinn und Eifer zur Beförderung alles Gemeinnützigen, welche den hohen Adel unseres Kaiserstaates beseelen, gar nicht zu erwarten, daß einer der Theilnehmer austrete; viel eher ist zu hoffen daß sich die Anzahl der Beförderer dieses schönen Zweckes von Jahr zu Jahr vergrößern werde.

Aus dieser Gesellschaft ist ein Ausschuß unter dem Namen Direction des Institutes gewählt, welche aus einem Präsidenten, Referenten und Geschäftsleiter, Kassier und vier Beisitzern besteht; diese hält, wo es die Gegenstände erfordern, ihre Sitzungen, ernennt die Lehrer, bestimmt die Aufnahme der Schüler und erstattet in einer Generalversammlung aller in Prag wohnenden oder anwesenden Mitglieder, Bericht über den Fortgang des Institutes und den Zustand der Kasse.

Da der Hauptzweck des Instituts ist, tüchtige Instrumental-Musiker zu bilden, so ist auch dahin das erste Augenmerk gerichtet. Alle zu einem vollständigen Orchester erforderlichen Instrumente werden von eigenen Lehrern gelehrt, im Gesang erhalten die Schüler nur denjenigen Unterricht, der zur allgemeinen musikalischen Bildung, und insbesondere zur Komposition nothwendig ist. Nebst diesem wird die Theorie der Musik in ihrer ganzen Ausdehnung vorgetragen, so daß man mit Sicherheit darauf rechnen kann, jeder mit einigen Anlagen begabte Knabe werde als ein braver Ripienist herauskommen, jedes musikalische Genie aber die nöthige Unterstützung finden um als selbständiger Virtuose aus dieser Kunstschule hervorzugehen.

Das System, nach welchen hier Jünglinge zu Künstlern gebildet werden, beruht auf einer wohlberechneten Stufenfolge vom Leichtern zum Schwerern, und auf der ungetrennten Verbindung der theoretischen Kenntnisse mit den praktischen Fertigkeiten. Von beyden müssen die Zöglinge in den öffentlichen Prüfungen (im April und September) Proben ablegen; jeder Einzelne muß die schwere Aufgabe lösen, sein Instrument ohne Begleitung hören zu lassen, bis sich endlich alle diese jungen Kunst-Talente vereinigen, um durch eine ¦ vollständige Symphonie jenen Gesammt-Eindruck hervorzubringen, der bei jedem Zuhörer Bewunderung und Rührung erwekt.

Die Theorie der Musik – in welchem Gegenstande sich die Kräfte und Talente am sichtbarsten theilen – trägt der Direktor des Instituts, Hr. Fr. D. Weber vor, und wenn man einer Prüfung beywohnt, so kann man kaum begreifen, wie er im Stande ist, diese abstracte Lehre selbst den kleinsten Knaben, die oft kaum der teutschen Sprache mächtig sind, beyzubringen, und es ist selbst für den Uneingeweihten ein Genuß, hier die Kunst in ihren einfachsten Elementen dargestellt zu finden, aus welchen sich nach und nach die Harmonie-Lehre in ihrem ganzen Umfange entwickelt. Die Leitung des Unterrichts überhaupt und die innere Verwaltung steht unter dem Direktor; ihm ist ein Adjunkt beygegeben, welcher den Gesang-Unterricht ertheilt.

Weniger in Verbindung mit der Kunst selbst, um so mehr aber mit der, dem Künstler unentbehrlichen Geistesbildung, stehen die übrigen wissenschaftlichen Gegenstände; denn da es Grundsatz des Instituts ist, den Jüngling nicht nur zum ausübenden Künstler, sondern auch zum ausgezeichneten Menschen zu bilden, so sind hier auch Religionslehre, Logik, Geschichte, Mathemathik, Geographie, Naturlehre, Naturgeschichte, teutsche und italienische Sprache, Dichtkunst, Aesthetik und Mythologie nicht vergessen.

(Der Beschluß folgt.)

Apparat

Zusammenfassung

Beginn des Berichts über das Musikkonservatorium in Prag

Entstehung

vor dem 26. April 1816

Verantwortlichkeiten

Überlieferung

  1. Kaiserlich Königlich privilegirte Prager Zeitung, Jg. 3, Nr. 117 (26. April 1816), S. 467

    Dazugehörige Textwiedergaben

    • Kaiser (Schriften), S. 36–38 (Nr. 88)

Textkonstitution

  • „welchen“sic!

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