Chronik der Königl. Schaubühne zu Dresden vom 23. Oktober bis 1. November 1817

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Am 23. October. Scherz und Ernst. Mit früher anerkannter Virtuosität von Herrn Julius und Mad. Hartwig gegeben. Hierauf folgten: Die beiden Grenadiere, Lustspiel in 3 Akten nach dem Französischen, die abermals mit vollem Rechte ergötzten.

Am 25. October. Statt der italienischen Oper, Wiederholung der vornehmen Wirthe, wobei Herr Hellwig mit lobenswerthem Eifer in höchster Schnelle die Rolle des Charlot eingelernt hatte, welche durch den plötzlichen Abgang des Herrn Genasts erledigt worden war, und sie zu vollkommenster Zufriedenheit darstellte. Die allerliebste Oper gefiel wie bei den frühern Vorstellungen.

Am 26. October. Der Taubstumme. Herr Burmeister gab den Abbé de l’Epée noch mit mehr Studium als bei der Darstellung im abgewichenen Sommer, und ärntete besonders nach der trefflich gesprochenen Erzählung allgemeinen Beifall, welcher überhaupt dem sehr gut gegebnen Stücke zu Theil ward.

Am 27. October. Deutsche Treue. Herr Hellwig hatte die Rolle des Friedrich von Oesterreich übernommen, und zeichnete diesen Character vollkommen wahr und schön. Dennoch schien leider dieses dramatische Gemälde nicht mehr wie früher zu wirken.

Am 28. October. Der Wald bei Herrmannstadt. Wir haben dabei blos von Mad. Blume, vom Theater zu Lübeck, welche die Elisene als erste Gastrolle gab, zu sprechen. Ihre Gestalt ist nicht unangenehm, ihr Auge sprechend, ihre Stimme deutlich, jedoch von Dialektfehlern entstellt, wohin wir besonders das Aussprechen des o wie ou, und der Wörter Mitte, Bitte, Grimme u. s. w. wie Miete, Biete, Grieme u. s. w. rechnen. Sie gab durchaus mehr das Bauernmädchen als die Prinzessin von Bulgarien, und wenn auch in der bekannten schönen Scene mit Sokol ihr Bestreben nicht zu verkennen war, so müssen wir doch gestehen, daß wir in den Beifall, den ihr dabei das Publicum zollte, nicht unbedingt einstimmen konnten, weil sie viel zu viel gab, statt Innigkeit, Pathos, statt Lebendigkeit nicht stets geregelte Beweglichkeit. Es scheint uns daher, als ob diese Künstlerin für das Gebiet des Lustspiels mehr Talent besitze, als für das höhere, ja wohl auch nur sentimentale Schauspiel. Herr Ziegler gab den Sokol mit lobenswerther Treuherzigkeit.

Am 29. October wurde zur Feier der Vermählung Ihrer Königl. Hoheit der Erb-Großherzogin Maria Anna Carolina, geborne Herzogin von Sachsen, mit Ihro Königl. Hoheit dem Erb-Großherz. Leopold von Toscana, eine italienische vom Capell-Meister Frh. C. M. v. Weber componirte Cantate, bei völlig erleuchtetem Hause aufgeführt, wozu die Anwesenden, Eintrittskarten vom Königl. Hofe erhalten hatten, ¦ und welcher die ital. Oper: Die Großmuth des Titus, folgte.

Am 30. October. Wie machen sie es in der Comödie, oder die buchstäbliche Auslegung. Lustspiel in 1 Akt, von Brömel, und vorher, Standesproben. Lustspiel in 3 Akten von Babo.

Am 1. November. La Semplicetta componirt von dem Ritter Morlacchi. Zum erstenmale hatten wir die Freude diese Oper, welche der Meister schrieb ehe er dem Ruf nach Neapel folgte, hier zu hören, und gewiß ist es einstimmiger Wunsch aller Musikfreunde, daß sie oft wiederholt werde. Er selbst nannte sie eine Kleinigkeit, aber es gehört ächte und seltne Genialität dazu, eine solche Kleinigkeit zu schaffen. Ein hoher, kühn und phantastisch erfundner Stoff begeister leicht den Tonkünstler und giebt selbst den Ton an, in welchem er geschrieben seyn will. Ein so zarter Stoff hingegen muß erst in den Tönen gedichtet werden, die Worte sind nur die flüchtige Skizze, nur der hingeworfne Umriß. Und wie vollendet ist hier diese Tondichtung! hinreißender Zauber ist über die ganze Musik verbreitet, nichts ist unbedeutend, alles neu, alles zu einem Ganzen verschmolzen, reich an den lieblichsten Melodien und den durchdachtesten Characterzügen; ausgezeichnet schön ist die Instrumentirung, jedes einzelne Instrument wird zur mithandelnden Person, so passend ist der eigenthümlichste Reiz eines jeden benutzt, nur bei einem Orchester, wie das hiesige, kann diese Oper so gelingen, denn der Meister wußte die Virtuosität jedes Einzelnen anzuwenden. Der Styl der ganzen Oper ist schön durchgeführt mit Zartgefühl und Jugendfeuer. Signora Sandrini gab die Semplicetta ganz dem Character dieser Rolle gemäß, als argloses Naturkind, voll holder Unbefangenheit, die reinste Liebe mit dem heiligsten Pflichtgefühl vereinend, ein Bild ächter Kindlichkeit. Signor Benincasa hat in der Rolle des lustigen, gutmüthigen, ehrlichen Bedienten Gelegenheit, seine Talente zu entfalten; alle Vorzüge seiner Stimme werden in dieser ganz für ihn geschriebnen Rolle doppelt bemerkbar, sein Spiel war voll Feuer, Ausdruck und komischer Laune. Signor Benelli gab den Conte Roberto mit feinem Anstand, und sein Gesang war besonders angenehm in den Duetten, wo seine und Zelindens Töne sich so verweben, daß sie vereint zum süßesten Hauch des Gefühles werden. Alle sangen und spielten mit wahrer Lust und Liebe. Die treffliche Arie Zelindens macht durch die obligate und höchst kunstvolle Violinenbegleitung unsers Polledros eine vollendet schöne Wirkung.

Die ganze Oper ist ein neuer Beweis, wie glücklich es ist, wenn italienische Anmuth und melodische Fülle sich so mit deutscher Sinnigkeit, Kunstkenntniß und bestimmter Characterzeichnung einet, wie bei diesem Meister, dessen Kunstbildung Italien gründete und Deutschland vollendete.

C.

Apparat

Zusammenfassung

Aufführungsbericht Dresden: 23. 10. bis 1. 11. 1817

Entstehung

vor 17. November 1817

Überlieferung

  • Textzeuge: Abend-Zeitung, Jg. 1, Nr. 275 (17. November 1817), Bl. 2v

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