Adolf von Henselt an Friedrich Wilhelm Jähns in Berlin
Warmbrunn, Sonntag, 24. November 1872

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Hochgeehrtester Herr!

erlauben Sie gütigst mir Ihre Meinung zu erbitten, in einer Sache in welcher nur Sie mir maßgebend seyn könnten.

In op Webers D mol Sonate im langsamen Stück bei der ersten Recitando eine Lentando Stelle im Bass hab ich bisher in allen Ausgaben so gefunden: eine Lentando Stelle im Bass in allen Ausgaben ect; u nun | fand ich in Lißts Cotta’scher Ausgabe wohl so Lentando Stelle in Lißts Cotta’scher Ausgabe aber da ich von meiner Kindheit an mich in das erstere eingelebt u eingeliebt habe so genirt mich das zweite |: ich versichre Sie daß diese Sachen mich heute in meinem, Alter von 58 Jahren manchmal noch ebenso glücklich als damals machen; wen schon sie, wen man sie mit Beethoven’ u Mozart’schen Sonaten zusammenhält nicht klassisch zu nennen sind, so sind sie aber gewiß auch Etwas was die Andern nicht sind, | u. so freue man sich doch an dem was der liebe Gott einem Gutes u Schönes gegeben!:|

Um wieder auf die Sache zurückzukommen so mag wohl die Lißtsche Ausgabe auch berechtigt seyn, mir ist aber das  Lißtsche Ausgabe gradezu wehthuend! gebe aber zu daß das meiste bei der Sache meine lange Bekanntschaft u namentlich meine Kindesliebe dabei thut; obwohl mein | alter Sechter in Wien gesagt hätte: „hier könn Sie mit G unisono nur dann anfangen, wenn Sie so Vorschlag von Sechter in Wien geendet hätten, d. h. wenn vorher die Quinte nicht hörbar war, welche durch das G zur 7me wird.[] Ich glaube daß unser unsterblicher lieber Wohlklang Weber, vielleicht nicht so gedacht aber so gefühlt hat.

Verzeihen Sie hochgeehrter Herr meine Zudringlichkeit im Interesse der Sache, u genehmigen Sie den Ausdruck höchster Werthschätzung Ihres gehorsamen Dieners Ad Henselt

Wenn Sie die Güte haben Sich der Mühe einer Antwort zu unterziehen so wäre meine Adresse Warmbrunn in Schlesien.

Apparat

Zusammenfassung

bittet um Klärung von 2 Stellen in der d-Moll-Sonate, die in der Lisztschen Ausgabe bei Cotta anders als in den bekannten Ausgaben sind

Incipit

erlauben Sie gütigst mir Ihre Meinung zu erbitten

Verantwortlichkeiten

Übertragung
Eveline Bartlitz; Joachim Veit

Überlieferung

  1. Berlin (D), Staatsbibliothek zu Berlin – Preußischer Kulturbesitz, Musikabteilung (D-B)
    Signatur: Mus.ep. Henselt, A. 20

    Quellenbeschreibung

    • 1 DBl. (4 b. S. o. Adr.)
    • am oberen Rand Bl. 1r von Jähns (Blei) Biogr. Notiz zu Henselt

    Dazugehörige Textwiedergaben

    • Gebhard Kindl, Adolph von Henselts Briefe. Erstausgabe des im Henselt-Archiv des Stadtmuseums Schwabach gesammelten Briefwechsels von Adolph und Rosalie Henselt. Transliteriert von Gebhard und Ursula Kindl (Schriftenreihe des Stadtmuseums Schwabach, Bd. 8), Schwabach 2010, S. 374–375

Textkonstitution

  • „op“überschrieben.
  • „doch“über der Zeile hinzugefügt.
  • „dabei“überschrieben.

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