Besprechung der Wiener Erstaufführung des Oberon im Arrangement von Franz Gläser am 20. März 1827

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Wien.

K. K. priv. Theater in der Josephstadt.

In diesem Theater macht eine neue Erscheinung großes Aufsehen. Dienstag den 20. März d. J. wurde zum Vortheile des Hrn. Kapellmeister und Opern-Regisseurs, Franz Gläser, zum ersten Mahle gegeben: „Oberon, König der Elfen“ Feenoper nach der Hell’schen Uebersetzung für diese Bühne bearbeitet vom Verfasser der „schwarzen Frau.“ Musik von Carl Maria von Weber. Für diese Bühne eingerichtet und mit einigen neuen Nummern vermehrt von dem Benefizianten.

Mehr war von dem Ursprung der Musik, wie man heute auf dem Zettel las, nicht angegeben, und der Musik wegen mochte wohl die Elite des Publikums, das sich ungemein zahlreich einfand, im Theater seyn. Es hatte damit aber folgende Bewandtniß: Hr. Kapellmeister Gläser hatte sich nicht an Weber’s Partitur halten mögen, sondern den Clavier-Auszug, welcher von derselben bey Schlesinger in Berlin zu haben ist, nach bester Ueberzeugung instrumentirt, vieles daraus weggelassen, anders aus Eigenem hinzugefügt, und so, Hand in Hand mit dem Verfasser der „schwarzen Frau,“ ein Werk hingestellt, wie es ihm für seinen Zweck tauglich schien.

Ohne die ethisch-artitische Frage zu beantworten: „ob Herr Gläser sich an die Instrumentation des Clavier-Auszuges aus der vorhandenen Weber’schen Partitur hätte machen sollen“ weil die Beantwortung dieser Frage ganz etwas anders als die Würdigung der vorhandenen und aufgestellten Arbeit werden würde, und vor der Hand nur diese geliefert werden soll, muß man gestehen, daß Hr. Gläser jenen Clavier-Auszug ganz vortrefflich instrumentirt habe. Er war in den Geist der Weber’schen Compositionen eingedrungen, hatte sich an die Partitur der Ouverture gehalten, die Andeutungen, welche aus derselben für die Instrumentation der Haupt-Momente der Oper selbst hervorging, mit Sinn und Verstand benützt, und so ein Werk geliefert, deren Partitur, mit der Partitur des unsterblichen Tonsetzers zu vergleichen nicht ohne Interesse seyn dürfte. Weil aber „Oberon,“ wie ihn der englische Dichter, Planche nach Wieland’s klassischem Ritter-Romane schuf, mit der ganzen Weber’schen Musik kein für diese Bühne geeignetes Werk gewesen wäre, so mußte der bekannte Hr. Verfasser der „schwarzen Frau“ das Buch verändern, komische Charaktere und Scenen hineinbringen, und zu diesem Zwecke componirte auch Gläser, statt dem Ausgelassenen, neue, komische Musik-Stücke; so entstand dieser Josephstädter-„Oberon.“ Da also nur von dem Vorhandenen für jetzt zu reden man hier beabsichtigte, so muß man sagen, daß von den neuen Tonstücken das erste Liedchen Fatimens sehr gelungen sey. Auch ein komisches Duett Fatimens und Scherasmins ist recht gut geschrieben, allein ein Lach-Chor im dritten Acte machte wenig Effekt. Die meisten wunderherrlichen Tonstücke Weber’s gingen ziemlich unbeachtet vorüber; ein Beweis, wie lebhaft Gläser von dem Bedürfnisse seines Publikums durchdrungen sey, und wie richtig er dessen Geschmack kenne, da er demselben mit komischen Tonstücken genügen wollte. In allen Weber’schen Nummern wußte Gläser mit recht delikater Würdigung der Weber’schen Melodien die Instrumentation so einzurichten, daß er die Webern eigenthümliche Benützung der Effekte in den Mittelstimmen, die Verwendung der Celli, der Harmonie, vorzüglich der Hörner, nachzuahmen wußte und dabey die Melodien nirgend deckte, störte, und sie allenthalben mit einer gewissen Scheu über dem Ganzen schwebend erhielt. Allein das Ganze bildete dennoch ein so barokes Vielerley, daß es zu keinem rechten Effekte kommen konnte. Die komischen Personen des Oberon und der Titania nahmen sich in der romantischen Grundfarbe des Urgedichtes wahrhaft sonderbar und befremdend aus. Aus Scherasmins Humor war eine Composition von alberndreister Spaßhaftigkeit geworden, wie sie einst in „Arsenius,“ „Arsena* und ähnlichen Stücken lachen gemacht hatte, und Gläser’s gute komische Musikstücke hatten dennoch eine Fremdartigkeit, die ihrer Wirkung offenbaren Schaden that. ¦

Die Aufführung geschah mit vielem Fleiße und redlicher Anstrengung von Seiten des verstärkten Orchesters, aller Mitwirkenden und des Chores. Dem. Vio sang die Partie der Regia wirklich Beyfalls würdig; besonders gelang ihr die große Arie, in deren Recitativ viel gestrichen worden war. Ihr zur Seite machte Mad. Kneisel durch Spiel und Gesang gute Wirkung. Hr. Kreiner gab sich viele Mühe, und trug manche Stelle recht schön vor. Weil nun ein Mahl Komik nach dem Zuschnitt dieses Theaters in dem Stücke seyn mußte, so spielten Dem. Blum und die Herren Scholz und Hopp ganz in diesem Geiste, und jedem Unbefangenen mußte der gutmüthige Pantoffel-Held, Oberon, wie ihn Scholz gab, sehr komisch seyn. Das äußerst zahlreiche, sehr gemischte Publikum wußte nicht recht, was es aus dem Compositum-mixtum machen sollte; demungeachtet mußte die Ouverture wiederholt werden, denn da sie rein Weber’s Werk war, fand sie gar keinen Widerspruch, sondern gewährte auch den reinsten Genuß. Die Direktion hatte für angemessene Ausrüstung durch Dekorationen und Garderobe gesorgt, und die folgenden Aufführungen werden zeigen, in wiefern der Antheil durch die eine oder die andere Seite der Leistung aufgeregt wurde.

Apparat

Zusammenfassung

Besprechung der Wiener Erstaufführung des Oberon im Arrangement von Franz Gläser am 20. März 1827

Entstehung

Verantwortlichkeiten

Übertragung
Ziegler, Frank; Jakob, Charlene

Überlieferung

  • Textzeuge: Allgemeine Theaterzeitung und Unterhaltungsblatt für Freunde der Kunst, Literatur und des geselligen Lebens, Jg. 20, Nr. 38 (29. März 1827), S. 154

Textkonstitution

  • „deren“sic!

Einzelstellenerläuterung

  • ethisch-artitischerecte „ethisch-artistische“.
  • „… Arsenius ,“ „ Arsena ““Arsenius der Weiberfeind, Zaubermärchen mit Gesang und Tanz von Meisl, Musik von Gläser, sowie Arsena die Männerfeindin, Zaubermärchen mit Gesang und Tanz von Meisl, Musik von Gläser.
  • Regiarecte „Rezia“.

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