Rezension von Webers Sonates progressives

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Six Sonates progressives pour le Pianoforte avec Violon obligé, composées et dediées aux Amateurs par Charles Maria de Weber. A Bonn, chez Simrock.

Da der Rec. in der ganzen bisherigen Anzeige* die musik.-pädagogische Ansicht verfolgte, so wird derselbe nicht in die Zergliederung des Kunstwerthes dieses schönen Werks eingehen, welchem nicht nur im Ganzen, sondern auch in jedem einzelnen Stücke, oft nur von ganz geringem Umfange, der Stempel des Vorzüglichen aufgedrückt ist. Rec. ist daher ungewiss, ob er mehr der Kunst, dem Verf., oder dem kunstliebenden Lehrer und Schüler Glück wünschen soll: jener, denn an dieser Art von Stücken, die in wenigen Sätzen so viele und tiefe Bedeutung darlegen, fehlt es noch immer in der Tonkunst, und unter den vorhandenen gebührt, nach Rec. Urtheile, diesen einer der höchsten Preise; dem Verfasser, denn sie werden näheren Aufschluss über den eigenen Geist geben, welcher seine Werke überhaupt charakterisirt: über das Gepräge der höhern Vernunftmässigkeit, welche dem unparteyischen und tiefer blickenden Kunstkenner ganz klar in diesen seinen Werken daliegt, wenn dieselben auch hier und da den ganz reinen Charakter noch nicht errungen haben, welcher in der Folge gewiss, von diesem schönen Geiste ergriffen, eine neue Seite der Tonkunst erscheinen lassen wird; dem Lehrer und Schüler endlich, wegen der vortrefflichen Gelegenheit zum mannigfaltigsten, geistvollsten Ausdrucke, wozu diese Sonaten auffordern. ¦

So beginnt die erste mit einem äusserst kräftigen Gedanken: Sonate Nr. 1, Allegro, T. 1–4 durch dessen richtigen Vortrag der Schüler den Begriff einer energischen Darstellung erhalten kann. In der darauf folgenden, so sprechenden Romanze kann der Lehrer die Grundsätze vom gehaltenen, gesangvollen Vortrage auf dem Fortepiano, so wie auch besonders beym Adagio der 2ten Sonate, üben, und in dem erwähnten letzten Stücke den Lernenden vorzüglich auf die Art aufmerksam machen, wie man den verschiedenen Anschlag in seiner Gewalt haben müsse, um jede, zum wahren musikalischen Ausdruck unentbehrliche Modification von Stärke und Schwäche geben zu können. Das Rondo amabile Sonate Nr. 1, Rondo. Amabile, T. 1–4 giebt Gelegenheit, die Art und Weise kennen zu lernen, wie sich mit dem Heitern und Frohen das Zarte und Liebliche verbinden lasse u. s. w. Da ferner die vorzüglichsten Ideen von dem Tonsetzer häufig in verschiedener Beziehung dargestellt werden, bald als Bezeichnung inniger, sanfter, froher, wie herber Gefühle, bald als Sprache der Kraft, z. B. in der 6ten Sonate: Sonate Nr. 6, Allegro con fuoco, T. 1–4 und 49–52 | T. 65–70 und 99–103 | so ergiebt sich daraus die Quelle zur mannigfaltigsten Darstellung, und die herrlichste Gelegenheit, den Keim zu einer schönen, vielseitigen Bildung zu legen, oder, wo dieser schon gelegt seyn sollte, denselben zu entwickeln und zur reife vorzubereiten. Zu dieser ästhetischen Cultur tragen die von dem Verf. als Hauptsätze angenommenen, und mit so viel Geist entfalteten, fremden Gesänge, z. B. Der russische, polnische, und die im spanischen, sicilianischen Charakter gehaltenen Stücke sehr vieles bey.

Aus dem Gesagten ergiebt sich schon die Wahrheit des oben gefa[e]llten Urtheils, obgleich Rec. den eigentlich künstlerischen Werth dieser Stücke nur andeuten konnte, worin der Genius der Kunst sich so deutlich zeigt, dass sein ausgezeichnetes Wirken kaum irgend jemand, der nur einige Kenntnis vom Wesen der Tonkunst überhaupt besitzt, verborgen bleiben kann.

Stich und Papier ist, wie immer bey Simrock, gut; die wenigen Stichfehler sind leicht zu verbessern, und der Preis sehr billig.

Prof. Fröhlich.

Editorial

Creation

Responsibilities

Übertragung
Ziegler, Frank

Tradition

  • Text Source: Allgemeine Musikalische Zeitung, Jg. 17, Nr. 36 (6. September 1815), col. 609–611

    Commentary

    • “… in der ganzen bisherigen Anzeige”Der Rezension gehen solche zum Musikalischen Schulgesangbuch von Karl Schulz (Sp. 601–607) sowie zu den Trois Sonates faciles von Jean Fuss (Sp. 607–609) voraus.

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