Rezension der Klaviersonaten Nr. 2 As-Dur (WeV Q.3) und Nr. 3 d-Moll (WeV Q.4) von Carl Maria von Weber

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II. Recensionen.

1. Grande Sonate pour le Pianoforte Oeuvr. 39. (Pr. 1 Thlr. 12 Gr.) und

2. Grande Sonate pour le Pianoforte Oeuvr. 49, compos. par Charles Marie de Weber. Berlin, chez Schlesinger. (Pr. 1 Thlr. 12 Gr.)

Die Formen der Klaviersonate sind (so wie die, der Orchestersymphonie) in neuester Zeit so nach allen Seiten hin erweitert, und auch übrigens, wenigstens in der Gattung, die das Beywort „gross“ mit Recht führt, so umgestaltet worden, dass die ältern Vorschriften für dieselbe nicht hinten, nicht vorn mehr passen wollen. Die Kritik, wenn sie streng bey diesen Vorschriften beharrete, würde die Theorie in offenbaren Widerspruch mit der allgemein gebilligten Praxis setzen; und wenn sie blos von ihnen ausginge, in der Anwendung aber diese Praxis gelten lassen und schonen wollte; so müsste sie von einer Beschränkung und Umdeutung zur andern geführet werden, so dass man endlich wenig mehr hätte, als alte Worte in neuem Sinn – etwas Zweydeutiges, etwas, das eher Verwirrung, als Belehrung hervorbringen, eher Neckerey u. Spötterey, als Achtung u. Anerkenntnis finden würde. Wer die Sache mit Händen greifen will, der versuche es nur, und wende, nach der einen oder der andern bey der eben angedeuteten Verfahrungsarten, auf die grössesten und ausgezeichnetsten Musikstücke jener Gattungen an, was z. B. Sulzer in seiner Theorie über diesselben sagt, oder vielmehr sagen lässt; und will er ein Ueberflüssiges haben, so erinnere er sich dabey, dass, was in diesem Werke über jene Gegenstände stehet, ¦ noch vor fünf und zwanzig bis dreyssig Jahren, als zu weit gehend, zu nachgiebig, hin und wieder grossen Anstoss gab, ja von der orthodoxesten Partey wol gar förmlich anathematisirt wurde.

Was hat sie denn nun wol, die ehrliche Kritik, unter solchen Verhältnissen zu thun? Soll sie sich kalt und vornehm von dem zurückziehn, womit sie durch die Praxis in Verlegenheit gebracht wird? soll sie davon keine Notiz nehmen? Sie thut das wirklich, da und dort: aber es ist gewiss nicht rühmlich, denn es ist untheilnehmend, hochmüthig, und zeugt nicht selten, bald von Unbeholfenheit oder Trägheit, bald von Geistesbeschränktheit. Oder soll sie sich selbst geradehin für incompetent, und alles, was früher als Gesetz oder Regel bestanden, für Schulfüchserey erklären? soll sie dagegen, jugendfroh, alles mit Jubel aufnehmen, was nur eine recht tüchtige und nicht geistlose Opposition gegen jenes Bestandene bildet? Sie thut auch das wirklich, da und dort: aber es ist eben so wenig rühmlich, denn es ist leichtsinnig, übermüthig, und zeugt meistens, bald von Unwissenheit oder Rohheit, bald von Geistesschwäche. Nun: was soll sie denn da, die redliche, bedrängte Kritik, wenn sie weder dies, noch jenes soll? Zum wenigsten, denk’ ich, das! (Was zum meisten; darüber an einem andern Orte!)

Die neue grosse Sonate (wie die neue grosse Symphonie) ist, ehe sie irgend etwas Anderes ist, ein Werk der Tonkunst überhaupt; und da müssen denn auch die allgemeinen Gesetze und Regeln der Theorie der Tonkunst auf sie anwendbar, für sie gültig und bindend seyn und bleiben. Mit dem Besondern nun aber, was, um vergleichsweise zu sprechen, jenes grosse Gebäude zum altdeutschen Dom, jenes grosse Gedicht zum romantischen Drama macht – mit diesem ist in der | Musik die Theorie (will sie aufrichtig seyn) der Praxis noch nicht nachgekommen; und sie darf das ohne alle Beschämung gestehen, da die Praxis jederzeit der Theorie vorauseilet; jene Bauart aber, wie diese Dichtungsart, als ein, in höchsten Mustern, und durch sie, längst Gewordenes dasteht, die Musik hingegen, vornämlich in jenen Gattungen, eben erst im Werden ist. Dies Besondere, scheint es, sollte deshalb die Kritik vor der Hand auf sich beruhen lassen, achtsam abwartend, bis die mannigfaltigen Versuche – einer den andern verdrängt und vertilgt, oder ergänzt und vollendet, und so mit der Zeit sich auch hier etwas Feststehendes und als Vorbild für alle Zeiten Anerkanntes gebildet hat, von dem hernach sichere Grundsätze u. Regeln abgenommen werden können. Dies würde jedoch nicht ausschliessen, dass nicht die Kritik da und dort ein Wort der Warnung, einen Fingerzeig, oder so ’was – nicht als Gesetz oder Regel, sondern eben als Warnung, als Fingerzeig, und so ’was, sagen dürfte; was dann von den Meistern aufmerksam und erkenntlich aufgenommen werden müsste, selbst wenn sie glaubt, davon nicht unmittelbar Gebrauch machen zu können.

So viel davon hier, auf Veranlassung der genannten beyden Werke! Eine sehr natürliche Veranlassung; denn eben Hr. v. W. hat namhaft zur Erweiterung jener Musikformen beygetragen, von denen ich begann; und durch diese genannten Stücke trägt er von Neuem dazu bey. Es leuchtet sogleich ein, der Verf. habe in jedem von ihnen, und dann wieder in jedem Satze derselben, sich über die erwählten, ihm eigenthümlichen und stets bedeutenden Motive ganz u. vollständig aussprechen wollen – vollständig, bis zur Erschöpfung des Gegenstandes; und zwar habe er das thun wollen, nicht nur von Seiten der Phantasie und des Gefühls, sondern auch von Seiten kunstvoller Ausführung: was aber die Zuthat hierzu anlangt, so habe er es gewollt in grösster Fülle an Harmonie und Figuren, ohne alle Rücksicht auf mehre oder mindere Schwierigkeit für den Vortrag, nur dass dieser möglich und den vorzüglichsten Eigenheiten des Instruments angemessen bleibe. In Betracht aller dieser Momente gehören nun beyde Werke, so sehr verschieden sie übrigens von einander, und auch wieder von den frühern ähnlichen desselben Meisters sind – unter das Ausgezeichnetste, was in dieser Art überhaupt vorhanden ist; und ¦ unter das Eigenthümlichste, ja Individuelleste, gleichfalls. Dies Eigenthümliche und Individuelle erstreckt sich auch auf die Spielart dieses Künstlers, und schliesst selbst gewisse Fertigkeiten mit ein, die Hrn. v. W. zum Bewundern zu Gebote stehen, aber selbst alten Virtuosen kaum zugemuthet werden können; was dann die Ausführung hin und wieder ausserordentlich erschwert, aber freylich auch nebenbey denselben Vortheil für die weitere Ausbildung der Spieler gewähren kann, wie etwa manches des Schwierigsten in Cramers Etudes. Dabey darf jedoch nicht unerwähnt bleiben, dass Hr. v. W. nirgends schwierig schreibt, um schwierig zu schreiben; sondern man siehet leicht, wie überall etwas damit für den Ausdruck, oder für die Kunst der Fortführung, oder wenigstens für Symmetrie und Consequenz in der Aufstellung – mithin etwas für die Sache selbst erreicht wird. In dieser Hinsicht, so wie in dem zuvor berührten Punkte, möchten diese Compositionen für das Klavier sich am besten mit denen, Spohrs, für die Violin, vergleichen lassen; ja auch in anderer Hinsicht könnte man vielleicht eine Geschmacks- und Gemüths-Verwandtschaft zwischen diesen beyden trefflichen Künstlern auffinden. Von den Eigenthümlichkeiten der Schreibart des Hrn. v. W. in diesen beyden Werken, sey hier, im Allgemeinen, nur die eine noch angemerkt: er liebt es, zuweilen, besonders in cantabeln Sätzen, nicht selten der linken Hand, über dem Grundbass, eine höhere, ganz melodiöse, und zwar die Hauptstimme zuzutheilen, eben wie dem obligaten Violoncell in voller Orchestermusik; und, wie er dies nun, ohne Zwang für diese oder die Stimmen der rechten Hand, hingestellt hat, ist es stets von günstiger, und hin und wieder von tiefer, ausgezeichnet schöner Wirkung; so dass mir wol dabey einfallen konnte, wie – aber beym Gesang – der grosse Ehrenmann, Dr. Martin Luther, dieselbe Liebe hegt, und, an einem Orte, sich nicht genug freuen kann, wenn „um ein sanftes, helles Tenor die Andern als liebliche Kindlein spielen.“ – –

Wir gehen nun beyde Werke satzweise kürzlich durch, den in der Einleitung ausgesprochenen Ansichten gemäss, und auch, ohne zu wiederholen, was von beyden Werken überhaupt so eben gesagt worden ist.

Die erste Sonate fängt an mit einem Allegro moderato, dessen Vortrag näher bezeichnet wird | durch die Worte: con spirito ed assai legato. Der Satz ist in As dur und im Zwölfachteltakt geschrieben. Zu einem Tremolo des Basses beginnet die rechte Hand den melodischen, einfach-edeln Hauptgedanken; ist dieser beendigt, so werden nach einander, wechselnd, einige Figuren u. kürzere melodische Phrasen, jetzt noch ohne andern Zusammenhang, als den, des Flusses im Aeussern, und des Ausdrucks im Innern, angedeutet: über alle diese nun aber, und (besonders im zweyten Theile) über noch Manches, was sich damit in nahe Verbindung bringen liess, redet sich der Componist auf nicht weniger, als 11 enggestochenen Seiten, nach Herzens Lust und Liebe aus. Die Schwere, Fülle und Breite der gewählten Taktart wird überall festgehalten: und doch schafft sie zuweilen für die Summe dessen, was gesagt, wie es gesagt werden soll, kaum Raum genug herbey. In Hinsicht auf diese Fülle der Ideen und Combinationen zeichne ich vor allem, die, auch übrigens meisterhafte Stelle, von Seite 8, gegen das Ende, bis S. 9, zur Rückkehr des Anfangs, aus. Doch will ich nicht verhehlen, dass es mir scheint, der Componist habe sich durch jene Taktart und was von ihr abhängt, hin und wieder wol auch gar zu weit verlocken lassen, so dass Einem der Grundfaden entschlüpfen will, einigemal auch wirklich entschlüpft. – Der zweyte Satz ist ein Andante in C moll. Ein höchsteinfacher, sanftwehmüthiger Gesang in langen, festzuhaltenden Noten (der erste Theil in der obern Stimme, der zweyte im Tenor) fängt an, so dass die andern Stimmen blos die, gleichfalls einfachen, aber wohlgewählten Accorde, dazu ganz kurz u. leise anzuschlagen haben. Zwischen freyen, sehr abweichenden Zwischensätzen, kömmt dieser Gesang öfters, und immer willkommen, wieder, stets anders begleitet, gegen das Ende aber mit so vielen Figuren und künstlichen Wendungen umgeben, dass er, bey gehöriger Achtsamkeit, zwar entdeckt, wol aber schwerlich überall in seiner Klarheit vernommen, in seiner Schönheit empfunden wird. Hier, scheint mir, wäre, weniger gethan, mehr gewesen. Doch kann freylich ein ganz ausgezeichneter Spieler, der jeden Finger vom andern beym Ausdruck vollkommen abzusondern, und mit jedem (in beyden Händen) zugleich ganz Verschiedenes im Vortrag herauszubringen vermag, Manches, was über das günstigste Verhältnis hinaus zu gehen scheint, ¦ in’s Gleiche bringen. – Der folgende Satz, Menuetto, presto assai, und (gewiss!) capriccioso, in As dur, mit Trio in Des dur, ein fast 6 Seiten ununterbrochen fortströmender Erguss einer leidenschaftlichen, heftig aufgeregten Seele, und doch mit bewundernswürdiger Festigkeit zusammengehalten – dieser Satz ist ohne Zweifel eines der originellsten, trefflichsten u. effectvollesten Stücke dieser uns so werth gewordenen Gattung, seit sie, wie bekannt, J. Haydn zuerst eingeführet, nachdem sie, wie nicht eben bekannt scheint, C. Ph. E. Bach geschaffen hatte. Er ist, dieser Satz, so bestimmt und so vollständig, was er seyn will und soll, dass sich eben nichts weiter darüber sagen lässt, als: er ist es. Die nun „gesättigte Kraft“ wünscht „zur Anmuth zurückzukehren“; und der Componist kömmt ihren Wünschen entgegen. Er schliesst mit Rondo, Moderato, e molto grazioso; ein Satz, dem ein gefälliges, leicht hinfliessendes Thema zu Grunde liegt, und wo die Zwischensätze zwar lebhaft und zum Theil ziemlich brillant fortgeführt werden, doch immer freundlich u. heiter, auch leidenschaftlich bleiben. So schliesst sich das Ganze angenehm und befriedigend ab; die Musik ist nicht nur aus, sondern wirklich zu Ende. –

Die zweyte dieser Sonaten fängt an mit einem 11 Seiten langen Allegro; Feroce genannt: einem ernsten, kräftigen Bravourstück, aus D moll, mit dem Ausgang in D dur. Der Hr. Verf. hat ihm vornämlich in Verlängerung der Rhythmen u. in plötzlichen Wendungen der Harmonie nach fernen Tonarten sein Besonderes zugetheilt: es scheint mir aber, wo nicht durch beydes, doch durch das Erste, an natürlichem Fluss und jener Symmetrie der Theile verloren zu haben, welche die Uebersicht und Folge erleichtert, alles wie nothwendig zusammenhält; und welche man, was Einem auch dafür geboten werden möge, niemals gern vermisst. – Ein freundliches, sogleich ansprechendes Andante con moto, in B dur, folgt: es ist ohngefähr in J. Haydns Weise erfunden, und wird auch also frey variirt. Von S. 13 am Ende an treten wieder viele Figuren, hin und wieder auch harmonische Fortführungen ein, die, eben für dies Stück, zu willkürlich scheinen; ja, der ganze, unerwartete, dem Spieler, auch bey Wiederholungen, etwas fremd bleibende Zwischensatz, S. 16, oben, bis Syst. 4, wo das Thema unter neuer Begleitung wiederkehrt, wäre vielleicht besser weggeblieben. Von da an bis zu | Ende bleibt der Satz schön, und der Schluss, von Syst. 3, Mitte, an, ist, von Seiten der Kunst, wie des Ausdrucks, durchaus preiswürdig. – Jetzt beginnt ein wahrhaft grosses, ganz originelles Rondo presto, das, in ächtem Humor, bald wild und fortreissend sprudelt, bald anmuthig in’s Herz schleicht, bald possierlich umherspringt. Diese drey äusserst heterogenen Ingredienzen finde ich nämlich in den drey Hauptideen, wie sie im Laufe des Stücks immer, und fast immer gesteigert, wiederkehren. Des Höchstabstechenden dieser drey Hauptideen ungeachtet, ist dieser Satz doch, auf seinen 12 Seiten, so eng, nicht nur für das Gefühl, sondern auch für den Verstand, zusammengehalten, bildet solch ein in sich festabgeschlossenes Ganze, dass man es nicht ohne Bewunderung und lebhafte Freude hören, und den wahrhaft trefflichen Meister darin gar nicht verkennen kann. Zu diesem Finale und zu dem Menuetto der ersten dieser Sonaten wünsche ich Hrn. v. W. am unbedingtesten und dankbarsten Glück, und bin gewiss, weder bey Künstlern, noch Nichtkünstlern, ja, weder bey Freund, noch Feind, einen achtbaren Widerspruch zu erfahren. Was sich mit dem oben angeführten Violoncell-Solo (darf man so sagen) auf dem Pianoforte Reizendes leisten lasse, ist schwerlich von irgend Jemand so dargelegt worden, wie S. 20 unten, S. 21, und wo dieser Satz wieder vorkömmt; und wirrig Possierlicheres, als den Satz, der S. 23 um die Mitte zuerst vorkömmt, giebt’s wol auch nicht leicht auf dem Pianoforte.


Mit dieser Anerkennung seines grossen Talents und seiner ausgezeichneten Verdienste, wie beyde sich in den genannten Werken darlegen, nehme der geehrte Verf. vorlieb; und mit dem Geständnis meiner abweichenden Meynung in einigen Punkten seiner Leisung gleichfalls. Wäre er mir weniger, als er mir ist: ich würde ihm dies Geständnis nicht gethan haben. –


Das Aeussere beyder Werke sollte besser seyn. Der Stich – wie es scheint, pariser – nimmt sich zwar nicht übel aus, erleichtert aber das Lesen solcher Compositionen nicht; auch ist er nicht ganz correct. Abdruck und Papier sind aber, wenigstens in meinem Exemplar, noch weniger zu rühmen. Und doch ist der Preis beträchtlich höher angesetzt, als ihn andere Handlungen für ¦ sehr gute Ausgaben ihrer besten Artikel anzusetzen pflegen.

Rochlitz.

Editorial

Summary

Rezension Klaviersonaten Nr. 2 und Nr. 3 von Carl Maria von Weber von Rochlitz

Creation

Responsibilities

Übertragung
Kolb, Roland

Tradition

  • Text Source: Allgemeine Musikalische Zeitung, Jg. 20, Nr. 39 (30. September 1818), col. 681–688

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