Carl Maria von Weber an Moritz Benedict in Stuttgart
Dresden, Sonntag, 10. Februar 1822

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Früher für Ihre geehrten Zeilen und das freundliche Geschenk zu danken*, wurde ich stets besonders deßhalb verhindert, weil ich Ihnen gerne recht ausführlich schreiben wollte, und dazu immer die Zeit sich nicht finden wollte.      Heute endlich, wenige Stunden vor meiner Abreise nach Wien, müßen Sie meiner Kürze noch mehr Nachsicht schenken.

Mein guter Julius macht mir viele Freude, und ich hoffe daß Zeit, ernstes Studium und Fleiß, mit seinen übrigen Geistesgaben und wirklichem Talente verbunden, der Welt einst einen tüchtigen Künstler geben werden. Die lange Trennung von dem theuren Sohne, muß Ihnen allerdings höchst schmerzlich sein; aber ich halte es für meine Pflicht Sie dringend darauf aufmerksam zu machen, ja nichts halb zu thun, und sich doppelte Freude und Beruhigung fürs ganze Leben, in jeziger Entsagung zu versichern.

Das ernste tiefe Studium der Kunst, kann nur langsam und Stufenweise fort schreiten, und dadurch innere Sicherheit begründen.      Es ist eben das traurige Zeichen unserer Zeit, das alles sich mit der Oberfläche begnügt, und der Schule zu früh entlaufen | dann in ewig unsicherem Schwanken nach Effekten hascht, die eben so schnell wieder vergehen, als sie unbegründet entloderten. Man kann sich eines trüben Lächelns nicht erwehren, wenn man sieht, daß Jedermann es natürlich findet, die Handlung z. B. mehrere Jahre lernen zu müssen, ja dem Handwerker, nebst den 3 – 4 Lehrjahren auch noch die Wanderjahre für nöthig gehalten werden, und nur in der Kunst, in dem tiefsten, allumfassendsten Studium des Lebens vielleicht, soll es mit flüchtigem, mondenlangen Links und Rechts schon abgethan sein.

Ich habe Ihren Sohn, statt der versprochenen 12 Lektionen monatlich, täglich bei mir gesehen. Damit will ich mir keinen Dank von Ihnen verdienen, sondern es soll Ihnen nur zeigen, was für Zeit nur zu den einfachsten Vorstudien gehört. Ich habe, um seinen Erfindungsgeist rege zu erhalten, ihm jetzt schon Arbeiten erlaubt, die er eigentlich noch nicht hätte machen sollen, aber dem Himmel sei Dank, ich habe mich durch sein eigenes richtiges Gefühl reich belohnt gefunden, indem er eben durch diese Arbeiten einsehen lernte, wie weit noch zum Ziele sei. – Ich breche ab, weil mein reichhaltiger Stoff mich zu weit führen würde. Dies Wenige kommt aus meiner innersten Ueberzeugung und meiner wahrhaft herzlichen Theilnahme und Zuneigung zu meinem guten Julius.

Ich theile mit Ihnen in Gedanken die Freude des Wiedersehens, und indem meine Frau mit mir Ihre freundlichen Grüße bestens erwiedert, bin ich mit aller Achtung Ew. Wohlgeboren
ganz ergebener
C. M. v. Weber

Editorial

Summary

in Kürze vor der Abreise nach Wien Dank für Brief und Bericht über den Fortschritt des Sohnes im Unterricht und allgemein über das “Studium der Kunst”

Incipit

E Wohlgebohren Früher für Ihre geehrten Zeilen

General Remark

Übertragung nach Faksimile bis Ende der Rectoseite “entlaufen”, Rest nach ED

Responsibilities

Übertragung
Eveline Bartlitz; Joachim Veit

Tradition

  • Text Source: Verbleib unbekannt

    Provenance

    • Stargardt Kat. 591 (1969), Nr. 779 mit T-Faks. (nur Rectoseite)

    Corresponding sources

    • Jähns, F.W.: Ein Brief C.M.v.Weber’s an den Banquier M. Benedict in: Berliner Musik-Zeitung Echo, 21.Jg., Nr. 5 (1. Februar 1871), S. 45–46 (nach einer eigenh. Kopie des Briefes von Felix Mendelssohn-B.)
    • Lettera di Weber, in: L’Italia Musicale, Jg. 6, Nr. 27 (5. April 1854), S. 106 (in ital.)
    • L'Art musicale, Jg. 1, Nr. 4 (27. Dezember 1860), S. 28 (in frz.)
    • MMW II, S. 389–390 (unvollständig)

    Commentary

    • “… das freundliche Geschenk zu danken”Weber hatte zum Dank für den Unterricht, den er Julius Benedict gab, von dessen Eltern zu Weihnachten 1821 einen Ring mit Smaragd und Brillanten erhalten; vgl. die Tagebuchnotiz vom 27. Dezember 1821.

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