Carl Maria von Weber an Wilhelm Müller in Dessau
Dresden, Freitag, 12. November 1824

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Mein theurer Freund!

Wenn eine Sache gar nicht zu entschuldigen ist, so soll man auch nicht erst den Versuch wagen. ich ergebe mich also auf Gnad und Ungnade als herzlich reuiger Sünder, und frage nur so nebenher ganz dehmüthig an, ob es Ihnen nicht vielleicht auch schon im Leben begegnet ist, daß Sie durch Nebendinge verhindert wurden ein an und für sich höchst freudiges Geschäft sogleich vorzunehmen, und dann von jener wunderbaren Scheu davor befangen wurden, die in dem Schein der Vernunft auch schon fürchtet alles Recht auf Verzeihung verlohren zu haben. Ist Ihnen jemals so zu Muthe gewesen, so denken Sie Sich jetzt an meine Stelle, und vergeben dem wahrlich über alle Maßen noch immer mit Dienst überhäuftem, der seit einem Jahre nicht dazu kommen konnte eine Note zu schreiben, und vor lauter Künstlerschaft die Kunst ganz aus den Augen verliehrt.

Ich kann es Ihnen nicht genug ausdrükken, welche Freude es mir gemacht hat, diesen sprechenden Beweis Ihrer Freundschaft erhalten zu haben*. Ihre Lieder sind zwar schon von Haus aus mein eigen, von Ihnen selbst aber dieß bestätigt zu sehn, kann mich nur unendlich freudig berühren, und ich danke es Ihnen recht aus wahrhaft vollem Herzen.

Möge es doch bald wahr werden, was Sie von Uebersiedlen hoffen laßen. Daß Sie mich nicht finden sollten, darf Sie nicht bekümmern; es müßte wunderlich zugehen wenn ich deutsche Heymath mit einem andern Lande vertauschen sollte. Es ist allerdings fast gewiß daß ich gegen Ostern, England auf 3 – 4 Monate besuche* – deßhalb kommen Sie mir ja nicht vor dem August hieher – aber ich will nur allerley sehen und hören, und wo möglich einige englische Gewinne fürs Haus holen.

Meine Frau, die mit mir Ihre liebliche Hausfrau herzlichst grüßt, wiegt sich auch gar zu gerne in dem Gedanken, Sie bei uns zu haben. Gegen Weynachten erwarte ich einen neuen Weltbürger, Gott gebe es gnädig.

Malsburgs Hinscheiden hat uns alle tief erschüttert. Er fehlt überall. Sein mild heiterer Sinn, griff so schön verbindend überall ein; sein ganzes Wesen hatte so etwas versöhnendes daß seine Gegenwart immer wohlthätig einwirkte. und er lebte so gerne. –

Ich freue mich Ihrer Thätigkeit, und der Lust daran. Könnte ich Ihnen doch daßelbe von mir sagen. ich büffle aber nur um den Thespiskarren von einem Tag auf den andern schieben zu helfen. Den Oberon soll ich englisch componieren. eine böse Aufgabe. ich erwarte das Gedicht jeden Augenblik.

Unser LiederkreisT treibt sich etwas matt umher. es fehlt frischer Lebensmuth, und alles vereinzelt sich.

Tieks Gesundheit ist beßer als jemals. Leider ist seine Thätigkeit aber immer noch gelähmt. welcher Verlust für die Welt. Man hofft ihm beim Theater zu benuzzen.

Nochmals herzliche innigen Dank, Bitte, um Verzeihung, und Hoffnung daß Sie doch lieb behalten Ihren
treu ergebenen
Freund
CMvWeber

Editorial

Summary

entschuldigt sich für die verspätete Danksagung für die ihm dedizierten Gedichte (vgl. TB 14. Okt.); er werde voraussichtlich gegen Ostern England besuchen und bittet Müller, nicht vor August zu kommen; erwähnt bevorstehende Geburt seines Kindes, Tod Malsburgs; klagt über die Notwendigkeit, den Oberon in engl. zu komponieren; erwähnt Liederkreis und Tieck

Incipit

Wenn eine Sache gar nicht zu entschuldigen ist

Responsibilities

Übertragung
Eveline Bartlitz; Joachim Veit

Tradition

  • Text Source: Marbach (D), Deutsches Literaturarchiv Marbach (D-MB)
    Shelf mark: A: Stammbücher. Müller, Wilhelm "Griechenmüller". 94.147.1

    Provenance

    • Bonhams (London), Auktion 21. September 1994, Nr. 171, S. 28, mit Teilfaks. (Bl. 1v)

    Corresponding sources

    • Leistner, Maria-Verena, Ein bisher unbekannter Brief Carl Maria von Webers an Wilhelm Müller, in: Aurora. Jahrbuch der Eichendorff-Gesellschaft für die klassisch-romantische Zeit, Jb. 57 (1997), S. 195–201, Brieftext 197–198, Faksimile S. 200–201

Thematic Commentaries

    Commentary

    • “… Ihrer Freundschaft erhalten zu haben”Bd. 2 der Gedichte aus den hinterlassenen Papieren eines reisenden Waldhornisten (erschienen bei Christian Georg Ackermann, Dessau, 1824) mit Widmung an Weber.
    • “… 3 – 4 Monate besuche”Webers Londonreise verzögerte sich aus diversen Gründen und fand erst ein Jahr später (1826) statt.

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