Karl Adam Bader an Gottlob Wiedebein in Braunschweig
Dresden, Samstag, 24. September 1825

Hochgeschätzter Herr Kapellmeister. Sehr werther Freund.

Wenn auch Verhältnisse und Umstände ein näheres Beysammensein und Befreundetseyn mit Ihnen mir gebieterisch versagen, so drängt es mich doch, für das Wohl der mir so werthen Braunschweiger Bühne mich lebhaft zu interessiren. So laß ich mit großer Freude in der Berliner Zeitung, daß Herr Gaßmann für Braunschweig gewonnen wurde, bei meiner Ankunft hier in Dresden wurde indeß diese Freude mir wieder benommen, indem es hieß der Churfürst wolle Gaßmann nicht eher entlassen, als nach Ablauf seines Contractes, Ostern 1828. Verhält es sich nun wirklich so, dann möchte ich Ihnen – Sie müssen mir es aber nicht übel nehmen – ein anderes höchst ehrenwertes Individuum empfehlen, daß Gaßmanns Stelle vollkommen ersetzen würde. Es ist dies Hr. von Zahlhaas, gegenwärtig bei hiesigem Hoftheater angestellt. Ich muß Ihnen gestehen, daß ich seit dem unglücklichen Leo keinen Schauspieler gesehen habe, der so natürlich, sinnig, wahr und verständig, ohne allen äußeren Prunk und Affectation, seine Rollen giebt, wie dieser v. Zahlhaas. Er hat bei uns in Berlin als Wallenstein, König Philipp, Klingsberg in „der unglücklichen Ehe* usw. lebhaftes Interesse erregt und eine angenehme Erinnerung an seine Kunstleistungen dort zurückgelassen. Auch hier gefällt er sehr, vorzüglich als Lord Domby in den beiden Briten*. Indeß scheint es mir, als würde er hier in seinem eigentlichen Fache – der edlen Väter, Charakterrollen, Heldenväter, Intriguants – nicht nach Verdienst beschäftigt, was in Braunschweig gewiß der Fall seyn würde. Deshalb, wenn Gaßmann nicht kommen kann, nehme ich mir die Freiheit, Ihnen dafür diesen Herrn von Zahlhaas für dessen Fach auf das angelegentlichste zu empfehlen. Sollte die Sache sich aber nicht so verhalten, sollte Gaßmann bei Ihnen bestimmt eintreffen, oder Sie schon einen andern an dessen Stelle engagiert haben, so werden Sie es mir nicht übel nehmen, dass ich Sie mit diesem Gesuche belästigt habe. Sie wissen ja, ich diene gern meinen Freunden und Bekannten. – Ich habe meine diesjährigen Ferien schlecht zugebracht; ich wollte hier eine Brunnenkur brauchen; kaum fing ich an einige Tage zu trinken, als ich wieder aussetzen mußte, indem ich von einer Halsentzündung befallen wurde – die ich mir freilich selbst zuzog –, welche mich 14 Tage lang das Haus hüten ließ! Gottlob, jetzt ist es wieder besser; ich will nun die paar Tage, die ich noch hier bleibe, so recht ordentlich geniessen. Heute höre ich Winters Maometta* in der italienischen Gesellschaft, welche einen schönen Sopran (Sigra. Palazezzi) und einen herrlichen Baß (Sigr. Zezi) besitzt. Am Montag ist Webers Freischütz* und am Donnerstag seine Euryanthe. Er ist nicht wohl aus dem Bade* zurückgekommen und ist jetzt mit dem Componieren der Oper Oberon für London beschäftigt; der erste Act ist bald fertig. Im November kommt er zu uns nach Berlin, um seine Euryanthe einzustudiren und zu dirigiren*. Ich besuche ihn sehr fleissig, wir sind ganz nahe Nachbarn; er wohnt in Cosels Garten und ich auf dem linkischen Bade. Seine Frau ist auch gar lieb und natürlich, es sind überhaupt ein paar herrliche Menschen! und zwei Kinder haben sie, zwei Jungen, wie die Engel, blühend und gesund. Der erste berühmte Don Juan, für welchen Mozart diese Parthie schrieb, Bassi, ist dieser Tage hier beerdigt worden. – Unsern alten Fischer haben wir in Berlin auch begraben! – Wie ist es denn, werther Freund, für meine Schwägerin ist wohl keine Aussicht bei ihnen? Sie haben wahrscheinlich schon eine Opernmutter? Wie wärs denn mit meiner andern Schwägerin? Sie ist jung, hübsch, hat eine sehr hübsche Stimme von großem Umfang und viel Metall, hat ein nettes Talent fürs Schauspiel; – singt Zerline, Blonde, Henriette (Schiffskapitän)*, Frau von Schlingen*, spielt Naive und Kammermädchen; aber für diese wird bei Ihnen auch nichts zu machen sein, denn Sie haben ja die Dermer, Schütz und wer weiß noch wen! Sollte aber eine Aussicht seyn, so bitte ich Sie darauf zu reflektieren, denn das Mädchen kann wirklich für die Bühne bedeutend werden, wenn sie erst in Routine kömmt und ihr einiger Unterricht in der Gesangsmethode ertheilt wird. Sie werden lachen über diesen Brief, nichts als Empfehlungen Anderer und Er selbst will nicht kommen, werden Sie sagen! Ja liebster Freund, Schicksal! ich kann nicht loskommen, wenigstens nicht ohne Skandal und das geht denn wahrhaftig nicht. –

Bleiben Sie mir gut und wenn was für den einen oder anderen meiner Empfohlenen zu machen ist, so handeln Sie als Freund. Behüte Sie Gott! In aufrichtiger Freundschaft und herzlicher Hochachtung Ihr Bader.

Apparat

Zusammenfassung

über evtl. Vertrag des Schauspielers Gaßmann in Braunschweig, bei Nichtzustandekommen Empfehlung von Zahlhaas; des weiteren über Dresdner Theateraufführungen, die er besuchen will; über Webers Person und Arbeit sowie Familie

Incipit

Wenn auch Verhältnisse und Umstände ein näheres Beysammensein

Verantwortlichkeiten

Übertragung
Solveig Schreiter

Überlieferung in 2 Textzeugen

  1. Verbleib unbekannt
  2. Neue Zeitschrift für Musik, Bd. 78, Heft 12 (23. März 1911), S. 177–178

Einzelstellenerläuterung

  • „… Klingsberg in der unglücklichen Ehe“Die unglückliche Ehe durch Delikatesse oder Der Ring, zweiter Teil; Lustspiel von Friedrich Ludwig Schröder.
  • „… Domby in den beiden Briten“Die beiden Briten, Lustspiel von Carl Blum .
  • „… Heute höre ich Winters Maometta“Maometto II.
  • „… Am Montag ist Webers Freischütz“Die Vorstellung war am Dienstag, den 27. September; vgl. Fambach (Dresden).
  • „… nicht wohl aus dem Bade“Weber weilte zur Kur in Bad Ems vom 15. Juli bis 20. August 1825; vgl. Bad-Ems Briefe.
  • „… Euryanthe einzustudiren und zu dirigiren“Die EA in Berlin fand am 23. Dezember (zweite Vorstellung am 28.) unter Webers Leitung statt .
  • „… , Blonde , Henriette (Schiffskapitän)“Der Schiffskapitän oder die Unbefangenen, Vaudeville in 1 Akt nach dem Fanzösischen des Theaulon frei bearbeitet von Blum.
  • „… (Schiffskapitän) , Frau von Schlingen“Luise von Schlingen, eine junge Witwe, als Wiener Dienstmädchen in Karl von Holteis Singspiel Wiener in Berlin.

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