Caroline von Weber an Friedrich Wilhelm und Ida Jähns in Berlin
Dresden, erhalten Montag, 6. September 1847

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Gewiss meine lieben wiedergeschenkten Kinder, habt Ihr schon in traulicher Abenstunde, wenn der Wilhelm von dem Arbeitstrubel nachhause kam, und fragte „ist noch kein Brief aus Dresden da?[] und Ida mit Nein! anworten musste, ein wenig gescholten dass die böse Mama den alten Fehler noch immer nicht abgelegt habe, und die Briefe an die lieben Freunde lieber mit dem Herzen als mit der Feder schreibe. Ich will nun auch heute die erste Seite des Briefs nicht mit Entschuldigungen verderben sondern einfach sagen dass erst heute früh Gabilongs abgereist sind welche in ganz Dresden keinen andern Menschen kannten als mich, und folglich fast den ganzen Tag bey uns waren, was mir auch ganz lieb gewesen wäre, wenn Gabillon der Mann so gewesen wäre, wie Gabillon die Frau. Leider aber ist die gute Seele nichts wie ein hübsches Menschengehäuse und ich muss es herzlich beklagen dass meine gute Nichte eine Wahl getroffen welche sie gewiss schon in einem halben Jahre bereuhn muss. Du lieber Gott! wie leichtsinnig sind doch die Menschen wenn sie einen Bund schliessen für das ganze Leben! — Der Wahn ist kurz, die Reuhe ist lang! Doch von Geschehenen muss man das Beste hoffen! – Bald wird es nun wieder recht einsam um mich werden denn den 13. reisst auch Nettchen mit meinen lieben kleinen Marichen wieder fort. Da Max sie nicht begleiten kann weil er sich nicht von Riesa entfernen darf, so werde ich sie begleiten müssen weil sie in der letzten Zeit wieder recht viel über Rückenschmerzen klagte, und die Strapaze der Reise, und des Auspakens ihr am Ende nachtheilig werden könnten. Leider muss sie sich die erste Zeit in Chemnitz nur mit der Amme behelfen weil das andere Mädchen dumme Streiche gemacht hat, und sich in Umständen befindet welche man in ihrer Lage nicht gute nennen kann. Die Sache ist für den Augenblick fatal denn Nettchen ist nicht thätig genug um sich mit einem Mädchen behelfen zu können. So will ich denn wenigstens ein paar Tage ihr beystehen bis wir so ein dienendes Wesen gefunden haben. Nettchen sieht jetzt so übel aus, und hat oft solche Fieberanfälle dass mir oft Angst und bange wird. Nun Gott wird auch wieder helfen, denn für Max wäre eine kränkliche Frau ein wahres Unglück. Unser Marichen wird aber mit jeden Tage lieber und freundlicher und ist wirklich gut wie ein Engel. Möge sie uns Gott erhalten ich fürchte sie wird Nettchen einmal viel ersetzen müssen — — Mit Gabilongs habe ich in der letzten Zeit viel Partien gemacht und mich einmal wieder an unserer schönen Gegend recht satt gesehen — Satt? ach nein! erst recht hungrich, denn mir ist jetzt immer zu Muth als müsste ich noch in aller Eile recht viel geniessen weil die Freude nicht mehr lang dauern wird. Auf unsern letzten Ausflug nach Tharant, als wir eben in den Ort hinein fuhren, sahen wir in einen Hause eine sehr elegante Gesellschaft stehen, wovon eine Dame mich plötzlich bey Namen ruft und an den Wagen eilt. Es war die Schröder Devrient, welche sich mir als junge Ehefrau des Herrn von Döring, des Mannes welcher sie um ihr ganzes Vermögen betrogen hat, vorstellte. Sie winkte auch ihren lieben Oskar herbey und führte auf offner Straße eine zärtliche Scene mit ihm auf. Es ist wahrhaft unbegreiflich wie diese geniale, geistreiche Frau durch Sinnlichkeit so hat verblendet werden können dass sie sich diesen Mann hat vermählen können. Er ist nichts wie ein Leutenant jeder Zoll ein Leutenant!

Ich kann ihn nicht einmal leidlich hübsch finden, denn er hat ein ganz fades blondes Gesicht ohne einen andern Ausdruk als das Bewustsein seiner Schönheit. Ach es ist kein Wunder wenn unser Geschlecht so in der Achtung der Männer sinkt wenn man sieht wie auch bey klugen geistreichen Frauen solche Männer wie Gabillon, und Döring, ihr Glück machen. An solchen Männern sollen die Frauen emporbliken? Durch ihren Umgang sich fortbilden? Ach wie oft bin ich in meiner Nichte Seele erröthet über all die Fadheiten, und das ungebildete Benehmen ihres Mannes, ja sie selbst kam mir in solchen Augenblicken weniger liebenswürdig vor, und es mischte sich in mein Mitleid mit ihr ein Gefühl der Missachtung. Ihr könnt Euch denken meine Kinder dass ich den Mann gerne scheiden sah welcher mir so viel Stunden verdorben hatte, besonders dann, wenn wir vor einer schönen Aussicht standen und er auch gar nichts dabey zu empfinden schien und nur Gemeinplätze sprach. Ach Kinder, mit solchen Menschen muss man rechte Geduld haben, und sich immer vorsagen dass die armen Leute mehr zu beklagen als zu verachten sind. Eure lieben Briefe haben mich wahrhaft gerührt, und ich kann es jetzt nicht begreifen wie der schwarze Dämon hat zwischen uns treten können. Gott lob! dass er gebannt ist, und auf ewig, wie ich hoffe. Mit Max habe ich auch viel über seine Unversöhnlichkeit gesprochen, und ihn jetzt schon viel milder und nachgebender gefunden. Gewiss, der Max ist gut, aber er redet sich zuweilen in Gefühle hinein, und lässt den Bildern seiner Phantasie so freyes Walten, dass Einer, der sein inneres Wesen nicht kennt, wohl eine falsche Meinung von ihm bekomen kann. So Gott will wird auch diese Spreu sich noch vom Weizen sondern, und Max dem Vater immer ähnlicher werden. Ach was gäbe ich darum dass er ihn gekant; dass er dies milde edle Herz hätte männlich fest, aber auch unendlich liebevoll hätte handlen sehen! Ja, es ist wohl möglich dass der Todt, welcher alles verklärt, mir auch dieses Bild verherrlicht, aber von allen Männern welche ich habe kennen lernen ist mir Weber doch stets der Beste und edelste erschienen, und ohne Flecken steht sein Charakter vor meiner Seele.

Doch nun auch ein Wort von Geschäften meine Kinder. Wahrscheinlich wird Herr Schlesinger nun wohl bald von seiner Reise zurückkehren und darum wird es jetzt besser sein ihn meinen Brief erst bey seiner Ankunft zu übergeben. Die Dokumente für ihn welche in beykomenden Paquet enthalten sind, seid so gut ihm selbst zu übergeben aber lasst es in seiner Musikhandlung wissen dass ich sie, so bald ich sie von der Behörde erhalten Euch zugesendet habe damit er nicht sagen kann er hätte durch meine Verzögerung in seiner Prozessangelegenheit Schaden erlitten. Der Postvorschuss seid so gut Euch dann wieder geben zu lassen, denn schicke ich ihm die Sachen so, so kann ich warten bis ich meine Auslagen wieder habe. Aber seit ja nicht böse dass ich Eure Güte imer in Anspruch nehme. Ihr wisst schon dass Mama darin ein wenig unbescheiden ist.

Und nun meine Lieben muss ich Euch Lebewohl sagen denn Nettchen ist zum Max gereisst und ich muss Mutter, und Grossmutter, in einer Person vorstellen, und zugleich der Popanz für die Mädchen sein.

Gott sey mit Euch Ihr Lieben. Schreibt mir bald, und küsst Eure Kinder in meinen Namen.
Nettchen würde grüssen wenn sie wüsste dass ich Euch schreibe.
Behaltet liebEureWeber

Apparat

Zusammenfassung

berichtet vom Besuch ihrer Nichte mit Mann, den sie nicht mag, berichtet von einer Begegnung mit der Schröder-Devrient und deren neuem Mann Döring, der sie um ihr ganzes Vermögen betrogen hat; ist froh, dass der „schwarze Dämon“ zwischen ihnen verschwunden ist; glaubt auch, dass sich Maxens Unversöhnlichkeit geben wird; erinnert sich ihres Mannes mit sehr warmen Worten; bittet Jähns um Übergabe eines Briefes von ihr an Schlesinger in dessen Prozessangelegenheit

Incipit

Gewiss meine lieben wiedergeschenkten Kinder

Verantwortlichkeiten

Übertragung
Frank Ziegler; Eveline Bartlitz

Überlieferung

  • Textzeuge: Dresden (D), Sächsische Landesbibliothek – Staats- und Universitätsbibliothek (D-Dl)
    Signatur: Mscr. Dresd. App. 2097, 99

    Quellenbeschreibung

    • masch. Übertragung nach dem verschollenen Original (Nr. 100 des Konvoluts)
    • 6 S.
    • am Kopf die Notiz: „Empfangen den 6. September. 1847. (Berlin)“

Textkonstitution

  • „Der“sic!

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