Friedrich Wilhelm Jähns an Fräulein Krug auf Gut Mühlenbeck bei Berlin
Berlin, Mittwoch, 5. Juli 1865

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Mein sehr verehrtes Fräulein,

Anbei erfolgt versprochenermaaßen ein Joh: Seb: Bach und noch einer, ein kleiner (der Choral) und ein Friedemann Bach. Außerdem das Portrait von Weber mit schönstem Dank und außerdem noch die Copie der Cabinetordre Friedrichs des Großen für Ihren Herrn Vater* nebst einem Schreiben des Preußischen Historiographen Hn: Professor Preuss*, was zwar an mich gerichtet ist, aber als Aufklärung über die Sache von Seiten der besten Autorität demselben natürlich ganz ergebenst dargeboten wird. Als kleines Anhängsel erfolgt noch für Sie, mein verehrtes Fräulein, ein Werkchen meines ältesten Sohnes, des Officiers. Nehmen Sie alles so gütig auf wie es Ihnen gegeben wird. So reich bin ich nicht wie Sie, daß ich so glückliche Leute machen kann, eben wie Sie. Dennoch bin ich so unbescheiden, noch einige erklärende Worte zu den Bach’s hinzuzufügen, weil ich Ihnen gegenüber mich doch nicht selbst herabsetzen möchte, indem ich es wagte, doch etwa Dinge, vielleicht gleich Null, Ihnen darzubieten, für ein so großes Opfer, wie Sie mir gebracht. Ich bin stolz und glücklich, ein noch so großes und gutes Blatt übrig gehabt zu haben, was ich kaum wußte. Die ganze letzte Seite, Aria überschrieben, u. die vorletzte bis zum rothen Strich aufwärts ist von Joh. Seb. Bach eigenhändig geschrieben. Eben so ist die Überschrift: „Alles nur nach Gottes WillenSebastians Hand und einzelne von mir roth angestrichene Wörter. Die Überschrift giebt namentlich seinen ihm ganz eigenthümlichen großartigen Schriftcharacter*.

Für den Fall, daß Sie Sich darüber wundern sollten, daß die Baßschlüssel auf pag. 3 sich eben wie unten so ähnlich sehen, diene zur Erklärung daß Sebastians ganze große Familie inclus. seiner Frau für ihn und zwar höchst fabrikmäßig für ihn schrieben, so wurden denn, ehe die Seite in den Noten geschrieben wurde, erst die Baßzeichen en masse gesetzt, u. da man wußte, was bei dem vielfachen Copiren der einzelnen Orchesterstimmen auf jeder Zeile zu stehen kommen mußte, so schrieb man sogar die Vor- u. Überschriften der einzelnen Sätze schon im Voraus, wie das mit dem Worte „Recit.“ auf der 4ten Zeile von unten hier auf pag. 3 der Fall ist, das nicht von Sebastians Hand, obwohl alles übrige unter dem rothen Strich von ihm ist, wie Sie das wohl selbst leicht entdecken werden, wenn Sie die Notenschrift vonpag 1 u 2 u. 1/3 3 mit 2/3 3 u. 4 vergleichen. Es ist mir eine große Freude, Ihnen ein grade dies geben zu können, weil es das letzte große Stück ist, was ich habe, denn der beigehende Choral auf dem 2ten halben Bogen pag. 2 wäre doch zu wenig gewesen. Ich hätte Ihnen gerne alle 4 Stimmen geschickt, leider aber sind die übrigen 3 die genaue Copie der mitkommenden Oberstimme, die das Orchester mitspielt. – Wie großartig ist auch hier wieder die Note wie das Wort „Choral“. Die 1ste Seite scheint ein ganz kleines „Bächlein“ oder ein […] „Bachius“ geschrieben zu haben.

Der Friedemann ist ganz eigenhändig. Das Werkchen meines Sohnes wird Ihrer gütigen Beachtung empfohlen. Wenn auch alle Väter auf Ihre Kinder eitel sein müssen, so ist doch wohl so viel Gutes in mindestens 1/3 des Ganzen, daß ich mich freuen kann, es Ihnen zu geben, ohne gar zu urtheilslos zu erscheinen. – Einen Brief von Weber für Sie schicke ich noch nicht mit, da ich noch [nicht] durch bin, weil eine Riesenlast von Arbeit auf mich gefallen ist, so wie ich hier ankam. Bald jedoch hoffe ich jedoch Ihrer Weisusng nachzukommen. – Außerdem erfolgt das mir gütigst geschenkte alte op.3* in einer neuen Auflage, ebenso das op. 10. Six pieces à 4mains den Würtembergischen Prinzessinnen auf Ihrem großen, alten Exemplar dedicirt*. Ist es Ihnen wirklich gleich, welches Sie besitzen, so bitte, behalten Sie das neue Exemplar u. senden mir gütigst Ihr altes Exemplar, wenn es nicht ungezogen von mir ist, immer noch Wünsche auszsusprechen. Aber sogar jetzt noch bin ich nicht am Ende damit, indem ich bitte, mir das Flemmingsche Portrait zum photographiren gütigst erlauben zu wollen. – Schließlich bitte ich, doch noch genau nachzusehen, ob Sie nicht die 2te Hälfte jenes abgerissenen Blattes irgendwo auffinden, dessen Sie Sich erinnern werden. Es ist ein Dank an die Sänger pp. bei Gelegenheit der 1sten Aufführung des Freischütz. Es wäre mir von höchster Wichtigkeit diese 2te Hälfte dieses Quartblattes, die nicht unter den Briefen lag, zu erlangen. Bitte, bitte, sehen Sie doch noch nach! Ich fürchte mich nicht, Sie durch diese nachträgliche Bitten zu erzürnen, denn Sie gaben um der Sache willen, wo die Person nicht den Schatten eines Rechtes oder Verdienstes hatte, um so großer Güte theilhaftig werden zu dürfen! – Und so bitte ich auch noch dieses Blättchens wegen, denn mir ist das Kleinste u. anscheinend Unbedeutendste von großem Werthe.

Und nun Lebewohl! Tausend tausend inniger Dank begleitet es u. die herzlichen wärmsten Wünsche für Sie Alle!! Ihnen Allen die verehrungsvollsten Grüße von Ihrem F. W. Jähns.

[Am linken Rande von Bl. 3r:] Sollte[n] Sie eine Abschrift der beiden verschenkten Briefe erlangen können, würde ich Ihnen höchst verbunden sein.

[Am linken Rande von Bl. 4v:] Verzeihen Sie die schlechte Schrift!!! Ich war in dringendster Eile u. wollte doch gerne alles für Sie bereit machen. – In nächster Woche komme ich wieder nach Berlin.

Apparat

Zusammenfassung

schickt Autographe von J. S. u. Friedemann Bach u. eine Kopie der Cabinettsordre Friedrichs II. für ihren Vater und gibt Erläuterungen dazu, des weiteren auch zu Weberiana. Erbittet Erlaubnis, das Flemmingsche Porträt fotografieren zu dürfen und bittet nach einem abgerissenen 2. Blatt von Weber zum Dank an die Sänger nach der Freischütz-Ursufführung zu suchen

Incipit

Anbei erfolgt versprochenermaaßen

Verantwortlichkeiten

Übertragung
Eveline Bartlitz; Joachim Veit

Überlieferung

  • Textzeuge: Berlin (D), Staatsbibliothek zu Berlin – Preußischer Kulturbesitz, Musikabteilung (D-B)
    Signatur: Mus. ep. Jähns, F. W. 5

    Quellenbeschreibung

    • 2 DBl. (8 b. S. o. Adr.)

Textkonstitution

  • „doch“durchgestrichen
  • „ein“durchgestrichen
  • unleserliche Stelle (ca. 1 Wort)

Einzelstellenerläuterung

  • „… Großen für Ihren Herrn Vater“Vater der Adressatin dürfte vermutlich Leopold Krug (1770–1843) gewesen sein, die Kabinettsordre war aber wohl an dessen Vater, Johann Philipp Krug, den Kontrolleur der Königlichen Holzmagazine in Halle/Saale, gerichtet.
  • „… Preußischen Historiographen Hn: Professor Preuss“Johann David Erdmann Preuß (1785–1868).
  • „… ganz eigenthümlichen großartigen Schrift character“Zur Continuo-Stimme der Kantate BWV 72 (heute im Bachhaus Eisenach) vgl. u. a. Dagmar Beck in Weberiana 8, S. 82.
  • „… gütigst geschenkte alte op .3“Das Exemplar des Erstdrucks der Six petites Pièces faciles (Augsburg: Gombart, 1803) aus dem Besitz von Friederike Koch ist Bestandteil der Jähns’schen Sammlung Weberiana (D-B, Weberiana Cl. IV A, Bd. 63, Nr. 549).
  • „… großen , alten Exemplar dedicirt“Vermutlich identisch mit dem Erstdruck des Zyklus’ in der Jähns’schen Sammlung Weberiana (D-B, Weberiana Cl. IV B [Mappe VIII], Nr. 1051).

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