Friedrich Kind an Helmina von Chézy
Dresden, Samstag, 22. Januar 1842

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Verehrte Freundin!

„Ex hört doch nur, was heut die Lerchen singen –“ so erklang es mir, seit wir uns nicht sahen, unzählige Mal an heitern Morgen, oder bei Spaziergängen im großen Garten, aus dem Laube entgegen. Hätte ich noch den Glauben aus der „Liebe Heimathwelt“ gehabt, daß Worte, durch ein Astloch gerufen, durch das Echo dem Entfernten überbracht würden, so würde ich die Astlöcher noch weit eifriger, als in der Jugend nach etwaigen Rotkehlchen, aufgesucht haben. Wollt’ ich aber die Feder ergreifen, so wußt’ ich nicht, wo Sie zur Zeit anzutreffen? Die Unlust an aller Schreiberei kam dazu, genug, es ergieng mir mit Ihnen, wie mit den sehr wenigen Freunden, die ich noch hienieden habe. – Seit Sie mich durch ein Briefchen (vom 22. Oct. v. J. doch erst am 17. Nov. erhalten) erfreuten, hat es mir jedoch keine Ruhe gelaßen und nun – will ich nicht eher aufstehen, bis der Brief fertig ist!

Dank also zuerst für Ihre stets treu bewahrte Freundschaft, auch für die Bekanntmachung mit Hn. Cavallo*, in dem ich einen sehr liebenswürdigen Mann habe kennen lernen. H. Moralt ist nicht mit bei mir gewesen. Leider schienen die Herrn überhaupt durch den Tod der Königin Mutter auch hier sehr gestört, daher sie schon am nächsten Tage wieder abreiseten und ich Ihnen durch nichts föderlich seyn konnte. Meinen Töchtern konnte ich sie nicht vorstellen, weil diese – Vater und Mutter verlaßen haben. Die älteste ist, wie Sie vielleicht schon wißen | bereits so lange an einen Militair-Apotheker, einen sehr braven und thätigen Mann, verheirathet, daß eine achtjährige Enkelin, Adelaide, bereits mein Herzblatt worden ist – ein sehr zartes, blondes, fast ätherisches Wesen, nur – ich möchte sagen, leider! – zu wißbegierig, ernst und fleißig. Die jüngere hingegen, Roswitha, vermählte sich kurz vor Johannis d. J. mit einem Sohne meines Bruders, u. lebt jezt, als Frau Advokat (Alexander) Kind, in Leipzig, nach allen Briefen und sonstigen Nachrichten zufrieden und glücklich. Kommen Sie einmal nach Leipzig, so schenken Sie ihr ja die Freude, Ihre Bekanntschaft von Angesicht zu Angesicht zu machen; sie ist unendlich begierig darauf, und wohnt Thomaskirchhof N. 12/70 2r Stock.

Mein weiland Haus habe ich, zu dergl. Verwaltung nicht mehr geeignet, mit mäßigem Gewinn vor einigen Jahren verkauft. Wir wohnen jetzt sehr ruhig und hübsch, Dohnaische Gaße N. 15. 2. Treppen, oder volksthümlich zu sprechen: am Judenteiche.* Er nimmt sich, besonders bei Mondschein, gar herrlich aus, und die Aussicht geht nach dem Großen Garten. Ich und Friederike, die Sie tausendmal grüßt und küßt, sind im Ganzen gesund – bis auf das, was die Jahre nun mit sich bringen. So kennten Sie denn, so viel sich schriftlich thun läßt, so ziemlich unsere damaligen Hühner und Gänse! | Was Sie mir von Ihren Söhnen schreiben, hat mich sehr gefreut, von dem einen habe ich Manches im Morgenblatt gelesen, das mir gefallen hat*.

Was ich zu T. in Sanssouci* sage? – Ich weiß es nicht! – Die, stets stachlichen Berliner witzeln von 7. Weisen, oder von Siebenschläfern, oder spielen auch auf den Hof der Königin Christine von Schweden an, wo einige gelehrte Alterthumsforscher in Person Griechisch tanzen und nach Griechischer Weise singen mußten. Den Wohlstand gönne ich T. von Herzen, ohne übrigens seine Stellung angenehm zu finden. Wir haben stets freundlich mit einander gestanden, doch nie nah.

Was dichten Sie denn jezt? Dichten Sie überhaupt noch? – Bei mir kommt es selten dazu und neuerlich habe ich nur 2. mal etwas drucken laßen. Sonst bereite ich meine Schriften zu einer Ausgabe – vor, oder nach dem Tode! – Nebenbei auch eine Ausgabe letzter Hand des Freischützen, mit einem Anhange und mancherlei Urkunden. Diese wird Neugier erregen – besonders mehrere Briefe. Es ist so Mancherlei über die Sache geschwatzt worden, und ich habe mir früher nicht die Mühe genommen, etwas zu widerlegen.

Ins neue Theater bin ich noch nicht gekommen, auch seit lange nicht mehr ins alte*. Die hiesige Intendanz hat mich, blos weil ich keine Aufwartung mache u. keine Lob-Psalmen drucken laße, gerade so […] edel behandelt, wie die Pariser weiland Rousseau für den dort. Wahrsager*. Ihre Euryanthe ist schon öfter | gegeben worden*; an der Decoration des Freischützen wird noch gearbeitet*. Daß Göthe und Schiller sehr unbequem sitzen*, u. ein, ich glaube, 600. Centner schweres, Basrelief*, mitselbst Haken und Klammern gleichsam in die Schwebe hat gehängt werden müßen – weil man an seine Schwere früher nicht gedacht, haben Sie wohl schon gelesen. –

Wenn man in Elysium lebt, wie die Dichter träumen, möcht’ ich wohl wißen, ob Weber nicht recht bald der Karschin* u. Klenke* seinen Ehrenbesuch abgestattet? Und zwar in doppelter Hinsicht. Wahrscheinlich verdankt er diesen beiden ursprünglich einen Theil seines Ruhms. Hinsichtlich der Eurianthe bedarf es keiner Erklärung. Aber – auch hinsichtlich des Freischützen. Ich habe schon früher einmal in der Morgenzeitung (12 10 v. J. 1828. N. 101.) angeführt, daß mich – Ihre Mutter* in die dramatische Welt eingeführt hat. Ich war 7. bis 8. Jahr alt, und der ehrliche Schweizer* machte eine unaussprechliche Wirkung auf mich. Wer weiß, ob ich ohne jenen Eindruck meine Feder fürs Theater angesetzt. S auch hierüber Reichards Theater.Alm.* 1777. S. 186. und S. 15.

Bis zur Asche Ihr ehrender und liebender
Freund
Friedrich Kind.

Apparat

Zusammenfassung

diverse private Mitteilungen, u.a. von seinen Töchtern, vom Verkauf des Hauses; über den Umzug Tiecks nach Berlin bzw. Potsdam; berichtet über die neue Herausgabe seiner Schriften und die Ausgabe letzter Hand vom "Freischütz"; fragt sich am Schluss des Briefes, ob Weber im Himmel der Großmutter und Mutter von Helmina einen Ehrenbesuch abgestattet hat

Incipit

„Ex hört doch nur, was heut die Lerchen singen –“

Verantwortlichkeiten

Übertragung
Solveig Schreiter

Überlieferung

  • Textzeuge: Krakau (PL), Uniwersytet Jagielloński. Biblioteka Jagiellońska (PL-Kj)
    Signatur: ML 100

    Quellenbeschreibung

    • 4 b. S. o. Adr.

Textkonstitution

  • „gehabt“über der Zeile hinzugefügt.
  • e„c“ durchgestrichen und ersetzt mit „e“.
  • sie„ihr“ durchgestrichen und ersetzt mit „sie“.
  • „d. J.“über der Zeile hinzugefügt.
  • „ja“über der Zeile hinzugefügt.
  • „geschwatzt“Unsichere Lesung.
  • „weil“über der Zeile hinzugefügt.
  • „[…]“Gelöschter Text nicht lesbar.
  • „12 10“durchgestrichen.
  • „v. J.“über der Zeile hinzugefügt.
  • war„habe“ durchgestrichen und ersetzt mit „war“.

Einzelstellenerläuterung

  • „… die Bekanntmachung mit Hn. Cavallo“Münchner Hofmusiker Johann Nepomuk Cavallo (1784–1858)?
  • „… volksthümlich zu sprechen: am Judenteiche.“Vgl. Eintrag „Dohnaische Gasse “ im Stadtwiki Dresden.Dohnaische Gaße.
  • „… gelesen, das mir gefallen hat“Wilhelm von Chézy veröffentlichte "Zwölf neue Stücklein. Reihe 1838–1840" in mehreren Nummern von Cottas Morgenblatt für gebildete Leser.
  • „… ich zu T. in Sanssouci“vgl. Potsdamwiki .
  • „… lange nicht mehr ins alte“zu den Theaterbauten in Dresden s. unter Intendanz Dresden.
  • „… Rousseau für den dort. Wahrsager“Rousseaus Oper Le devin du village („Der Dorfwahrsager“), zuerst am Hof, 1753 in Paris aufgeführt.
  • „… ist schon öfter gegeben worden“EA in Dresden am 31. März 1824; vgl. Aufführungsberichte; lt. Fambach Dresden bis 12. September 1829 19-mal aufgeführt .
  • „… des Freischützen wird noch gearbeitet“EA in Dresden am 26. Januar 1822. Am 24. August 1842 fand die 100. Aufführung des Werkes (zum ersten Mal im neuen Theaterbau) in Anwesenheit der Witwe und Söhne Webers statt; vgl. AmZ, Bd. 44 (1842), Sp. 766.
  • „… und Schiller sehr unbequem sitzen“Ernst Rietschels (sitzende) Plastiken von Johann Wolfgang von Goethe und Friedrich Schiller am Eingang der Semperoper (1841).
  • „… glaube, 600. Centner schweres, Basrelief“ Flachrelief (frz. basrelief), von frz. bas = niedrig, flach.
  • „… nicht recht bald der Karschin“Anna Louisa Karsch (1722–1791), Dichterin, Großmutter von Helmina von Chézy.
  • „… bald der Karschin u. Klenke“Die Mutter von Helmina von Chézy, Caroline Luise, geb. Karsch (1754–1802), ebenfalls Dichterin, in erster Ehe mit dem Stiefbruder ihrer Mutter, Ernst Wilhelm Hempel, verheiratet (Scheidung 1779), lebte ab 1882 in zweiter Ehe mit Friedrich Carl von Klencke (1762–1826), dem Vater von Helmina, zusammen.
  • „… daß mich – Ihre Mutter“(s.o. unter Klenke).
  • „… alt, und der ehrliche Schweizer“Drama von Caroline Luise Hempel (erschienen 1776 bei Decker in Berlin; 108 S.) wurde 27-mal in Berlin aufgeführt.
  • „… S auch hierüber Reichards Theater.Alm.“Gothaer Theaterkalender auf das Jahr ..., hg. von Heinrich August Ottocar Reichard; Gotha: Carl Wilhelm Ettinger.

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