Giacomo Meyerbeer an Karl Gottfried Theodor Winkler
Paris, Freitag, 29. Dezember 1826

Sr Wohlgeb

Herrn Hofrath Winkler

Dresde

en Saxe.

Verehrter Herr und Freund!

Nicht freiwillig habe ich, wie Sie leicht denken mögen, so lange gezögert, Ihre beiden lieben Briefe zu beantworten, die Unpäßlichkeit, von der ich Ihnen schon früher sprach, ist durch das Hinzutreten eines heftigen Magenkrampfes, zu einer ernstlichen Krankheit geworden. Das Hauptübel ist dem Himmel sei Dank beseitigt, indeß bin ich für die erste Zeit, doch noch in meinem Zimmer gebannt, und weiß auch noch nicht, wenn ich Herr meiner Zeit, meiner Selbst, werden darf. Dieser traurige Umstand, hat mich auch gezwungen, das Geschäft der Madame Weber mit dem Odeon in die Hände des Herrn Schlesinger zu legen. Es schien mir nicht rathsam die Summe länger der Direction zu überlaßen, ich selbst kann in diesem Augenblick die Berichtigung nicht besorgen, und so habe ich Ihren Willen erfüllt, indem ich Herr Schlesinger zu meinen Stellvertreter gewählt habe.* – Schon früher haben Sie mein Schreiben erhalten, daß Ihnen den innigsten Dank für Ihre vielfältige Bemühungen bei der Aufführung des Crocciato’s sagen soll, auch hoffe ich, daß der Herr Capellmeister Morlachi einen Brief von mir erhalten hat. Mit Ungeduld sehe ich Ihrer Antwort, wegen einer neuen Dichtung, zu der beibehaltenen music des Crocciato’s entgegen, Sie wird mir Ihre | Meinung mittheilen, und im Fall daß Sie in den Plan eingingen bewahre ich noch mehrere musicstücke, mit denen er nun aufgeführt worden ist, die ich Ihnen dann übersenden werde. Daß die Uebersetzung meiner Margarethe von Anjou bereits in Frankfurth erschienen ist mir doppelt leid da sie nur nach einem fehler- und mangelhaften Clavierauszug, sein kann, indem die erste vollständige Partitur, hier in diesem Augenblick erst gestochen wird, sobald sie beendigt ist, werde ich so frei sein, sie Ihnen zu senden, und Sie werden nach Belieben darüber verfügen. Was die Bearbeitung meiner neuern Werke betrifft, so würde ich sie mit unendlicher Freude in Ihren Händen wissen, und so gebe ich Ihnen das Versprechen, mein nächst zu erscheinendes Werk die Donaunymphe, zu übersenden, noch ehe sie hier gestochen sein wird. Schließlich nun noch ein Wort über einen Gegenstand, der mich seit Monaten, mit Liebe u Eifer beschäftigt, die drei Pinto’s, nähmlich. Ich habe natürlich erst genau wißen wollen, wie viel Zeit, mir die beiden Opern, die ich contractmäßig verbunden bin, vor jeder andern Arbeit, für die hiesige Bühne zu vollenden, kosten würde, ehe ich mich bestimmt darüber äußerte.

Ich hoffe jetzt nach reiflichem Ueberlegen, Mitte des Sommers | damit fertig zu sein, um die ersehnte Beschäftigung beginnen zu können, u mich so aufs Innigste, dem innig geliebten Freunde, dem unvergeßlichen über Alles hoch geschätzten Kunstgenossen, anzuschließen. Familienverhältnisse, führen mich diesen Frühling nach Berlin, als ein heller Lichtpunkt dieser Reise, stehen mir die Tage vor Augen, die ich unfehlbar in Dresden zubringen, und wo mir dann endlich das Glück Ihrer persönlichen Bekanntschaft zu Theil werden wird. Ich bitte Sie daher auch recht sehr die musicstücke zu den Pinto’s sowohl, als das Gedicht selbst, mir bis dahin zu bewahren, wo ich es dann aus Ihren Händen mit doppelter Freude empfangen werde, u auch natürlich noch bevor, Rücksprache, mit Frau von Weber, deren besondere Zustimmung, dieses Unternehmen bedarf, nehmen werde.

[eigenhändig:] Mit Verehrung und Liebe Ew Wohlgb
ganz ergebenster Freund und Diener
J. Meyerbeer

Apparat

Zusammenfassung

Die drei Pintos JV Anh. 5

Incipit

Nicht freiwillig habe ich, wie Sie leicht denken mögen

Generalvermerk

Verantwortlichkeiten

Übertragung
Eveline Bartlitz, Joachim Veit

Überlieferung

Textzeuge

Berlin (D), Staatsbibliothek zu Berlin – Preußischer Kulturbesitz (D-B)
Signatur: Weberiana Cl. V [Mappe IA], Abt. 3, Nr. 15

Quellenbeschreibung

  • Brief in Kopistenhand, nur Adressenseite, ergänzende Korrekturen, Grußformel und Datum eigenhändig von Meyerbeer
Weitere Textquellen
  • Carl Maria von Weber, ... wenn ich keine Oper unter den Fäusten habe ..., S. 138f. (Faks. letzte Seite auf S. 145)

Textkonstitution

  • "Dank": Hinzufügung.
  • "Herr": Hinzufügung.
  • "leid": Hinzufügung.
  • "erst": Hinzufügung.
  • "zu senden": Hinzufügung.
  • "wollen": Hinzufügung.

Einzelstellenerläuterung

  • "… zu meinen Stellvertreter gewählt habe.": möglicherweise handelt es sich um den Anteil der Summe der Benefiz-Vorstellung des „Robin des Bois“ im Odéon-Theater, die der dortige Direktor Bernard für die Hinterbliebenen veranlasst hatte, vgl. Karl August Böttiger in seinem Erinnerungsartikel an Weber

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