Carl Maria von Weber an Wilhelm von Ungern-Sternberg in Biebrich bei Wiesbaden
München, 19. Juli 1811

Hochwohlgebohrner Herr!
Hochzuverehrendster Herr Kammerherr!

Durch Herrn Ahl* in Mannheim, erfahre ich, daß E: Hochwohlgebohren ihn beauftragt haben, an mich zu schreiben, und mir eine Anstellung in den Diensten des Durchlauchtigen Hofes von Naßau* anzubieten.

Ich unterstehe mich daher Ew: Hochwohlgebohren mit diesen Zeilen zu belästigen, Indem ich Hochdieselben um Auskunft über die näheren Details und Dienst Verhältniße dieses mir so schmeichelhaften Antrags bitte.

Vor allem interreßirt mich zu wißen, ob – Ein neues stehendes Theater errichtet wird, bey welchem ich mitwirken soll; – Unter welcher Gestalt, und mit viel Macht zum wirken, ich dabey in die Dienste S: Durchlaucht zu treten das Glük hätte, und ob ich Jährlich ein paar Monate Reise Urlaub zur weiteren Vervollkommnung und Ausbildung würde erhalten können.

Da ich schon in Breslau* zu der Zufriedenheit des Publikums /: von Wien aus eigends dazu hinberufen* :/ die Oper neu organisirte; so darf ich mir vielleicht schmeicheln sowohl durch meine Erfahrung als besonders auch durch meinen Eifer, den schönsten Lohn des Künstlers, – die Zufriedenheit seines Fürsten, zu erringen.

Indem ich nur noch 14t Tage hier zu bleiben, und dann die Schweiz zu bereisen
gedenke, wage ich es, Ew: Hochwohlgebohren um baldige Antwort zu bitten, und verharre
mit der ausgezeichnetesten Hochachtung
E: Hochwohlgebohren ganz ergebenster Diener
Carl Marie Fhr: von Weber.

Apparat

Zusammenfassung

bittet um Auskunft über Anstellungsbedingungen u. Theaterverhältnisse

Incipit

Durch Herrn Ahl in Mannheim, erfahre ich, daß E: Hochwohlgebohren

Verantwortlichkeiten

Übertragung
Eveline Bartlitz; Joachim Veit

Überlieferung

  1. Wiesbaden (D), Hessische Landesbibliothek (D-WIl)
    Signatur: Hs 144 (23)

    Quellenbeschreibung

    • 1 Bl. (2 b.S. o.Adr.)

    Dazugehörige Textwiedergaben

    • Schalk: "Carl Maria von Weber's Beziehungen zu Wiesbaden", in: Annalen des Vereins für Nassauische Alterthumskunde u. Geschichtsforschung Bd. 13 (1874), S. 359–360
    • Walter, K.: "Carl Maria von Weber's Beziehungen zu Wiesbaden", in: Monatshefte für Musikgeschichte, Jg. 23 (1891), S. 139–140

Einzelstellenerläuterung

  • „Ahl“Friedrich Ahl, vgl. Brief an Gottfried Weber vom 8. Juli 1811 .
  • „Hofes von Naßau“Der herzogliche Kammerherr und Regierungsrat Freiherr von Ungern-Sternberg hatte im Juni 1811 im Nebenamt die Intendanz des Wiesbadener Theaters übernommen, das bis dahin von Wandertruppen bespielt wurde – zuletzt von Karl Döbbelin bis Ende April 1811 – und allenfalls mit kleinen Zuschüssen aus der herzoglichen Kasse rechnen konnte. Mit dem neuen Intendanten führte die nach wie vor in angemieteten Räumen im Schützenhof residierende Bühne offiziell die Benennung Herzoglich Nassauisches Hoftheater, und Sternberg bemühte sich nun um die Aufstellung eines festen Ensembles. Sternberg war mit seinen Bemühungen um das Theater zwar erfolgreich – es gelang ihm, die Zuschüsse von 2.200 Gulden im Jahre 1810 auf 18.000 Gulden im Jahr 1811 und ein Jahr später auf 20.000 zu erhöhen – die Mittel waren andererseits aber zu bescheiden, um einen Kapellmeister mit den von Weber geforderten 1.600 Gulden Jahresgehalt anzustellen. Immerhin bestand das Theaterpersonal im September 1812 aus 23 Personen bei Oper und Schauspiel und je 18 Personen bei Orchester und Technik. Weber erhielt am 3. August von Sternberg das Angebot, die Stelle mit 1.000 Gulden anzutreten (vgl. TB u. Briefe an Giacomo Meyerbeer vom 12. August 1811, an Gottfried Weber vom 16. August 1811 und an Johann Gänsbacher vom 22. September 1811. ). Am 16. August schrieb er nochmals an Sternberg und forderte 1.400 bis 1.600 Gulden, erhielt darauf aber offensichtlich keine Antwort (vgl. Brief an Gottfried Weber vom 14. September 1811 ). Nachdem die Kapellmeisterstelle vorübergehend von den Musikern Halle und Burgmeister ausgefüllt wurde, gelang es Sternberg im Sommer 1813 mit Karl Guhr einen qualifizierten Leiter zu finden (mit immerhin 1452 Gulden jährlich und 100 Gulden Zulage für Korrepetitionstätigkeit). Bedingt durch die politischen Umstände wurde das Hoftheater dann aber schon Ende 1813 wieder aufgelöst und Karl Guhr verließ nach kurzem Intermezzo (ab 15. Dezember 1813 hatte er das Theater in eigener Regie übernommen) im April 1814 Wiesbaden. Carl Maria deutet in Brief an Franz Anton Weber vom 15. September 1811 an, daß sich sein Bruder Fridolin Ende 1811 ebenfalls auf die Stelle beworben habe; tatsächlich war Fridolin im Jahr 1812 als Musikdirektor mit einem Gehalt von 1144 Gulden angestellt, ohne daß sich über diese Tätigkeit Näheres ermitteln ließ (vgl. Wiesbaden HSA, Abt. 428, Nr. 189 und Abt. 246, Nr. 676). Lit.: Otto Weddigen: Geschichte des Königlichen Theaters in Wiesbaden. Wiesbaden 1894; Alexander Hildebrand: Zwischen Theatertruppen und Bürgerkommission 1765–1857, in: Hessisches Staatstheater Wiesbaden (Hg.): Theater in Wiesbaden 1765–1978. Wiesbaden 1978, S. 3–45; Wolf-Heino Struck: Wiesbaden in der Goethezeit (1803–1818). Wiesbaden 1979, S. 189–194.
  • „schon in Breslau“Weber wirkte vom 11. Juli 1804 bis Ende Juni 1806 als Musikdirektor am Königlich Privilegierten Breslauischen Theater.
  • „eigends dazu hinberufen“vgl. Brief an Thaddäus Susan vom 4. April 1804 bzw. Joachim Veit, Der junge Carl Maria von Weber, Mainz 1990, S. 73.

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