Carl Maria von Weber an Friedrich Gottlieb Türke in Berlin
Wien, Dienstag, 6. April 1813

S: Wohlgebohren

Herrn Justiz Commissarius

Türke

zu

Berlin

Schinken Plaz.

Liebsten Freunde!
Beste Türkin!

Damit Sie nur nicht immer Ursache haben über meine Saumseligkeit zu klagen, so sollen Sie die Erste sein der ich von Wien aus schreibe, und die es weiß daß ich hier bin. Sie werden denken, nun das ist doch eine unruhige Seele der Weber, kaum ist er in Prag engagirt und man denkt er muß nun ein halbes Jahrhundert auf einem Flekke still sizzen, – Husch, fort ist er wieder. Das kam aber so. der Fürst Esterhazi hat seine Kapelle und Chöre abgedankt und das hiesige Ballet ist auch aufgelößt, dieß schien mir der günstigste Zeitpunkt mehrere gute Aquisitionen für unser Theater und Orchester zu machen, und der Entschluß war eben so schnell gefaßt als ausgeführtT. d: 11t schrieb ich an Sie durch Wollank, welchen Brief Sie hoffentlich erhalten haben, und d: 14t erhielt ich Ihren Tagebuchs Brief, der mir unendliche Freude machte, und womit ich viele Berliner Seelen erquikte, da alles so schön dettaillirt da war. haben Sie 1000, 1000 Dank dafür. ich hätte Ihnen gleich wieder geantwortet, wenn ich nicht gar zu viel mit dem Arrangement von 2 Concerten für die ArmenT zu thun gehabt hätte, besonders da auch Liebich krank war alle Geschäfte allein auf mir lagen, und ich auch schon an meine Reise nach Wien dachte, die denn endlich d: 27t März erfolgte, und wo ich d: 29t wohlbehalten hier ankam. In welchem Spektakel und Gewirre ich aber hier lebe, davon können Sie sich keinen Begriff machen, von Morgens 7 Uhr bis 10–11 Uhr wimmelt es in meinem Zimmer von Leuten die angestellt sein wollen, und 11 bis 2 Uhr fahre ich herum und mache – Visiten, da ich nur einige achtzig Briefe hieher habe die noch nicht alle abgegeben sind. dann geht es zu Tische dann ins Theater, dann in Gesellschaft bis 12 – 1 Uhr. Zugleich möchte ich auch nicht umsonst in Wien liegen, und gerne ein Concert geben; ich will also haben, daß Sie | mir es zu einem kleinen Verdienst anrechnen daß ich schreibe. Sie haben es aber – unter uns gesagt – nicht nöthig, denn thäte ich es nicht gerne so geschähe es doch nicht, und es ist mir eine wahre Erholung mit meinen Lieben zu plaudern, wenn es auch nur Fragmentarisch geschieht, denn ich kann kaum 2 Zeilen schreiben ohne unterbrochen zu werden. Ich gratulire von Grund des Herzens nachträglicher Weise zu dem Geburtstage vom 21t Februar. hoffe daß Sie ihn künftig fröhliger zubringen werden und wünsche dann ihn auch mitfeyern zu können.

Die Möser und Longhische Geschichte ist ganz herrlich und hat mich unbändig lachen machen. Hier hat der Teufel auch ein ganzes Rudel – Harfenistinnen zusammengeschleppt. Mlle Paskal, Demar, Pollet, Spohr pp Sie wißen wie zärtlich ich dieses Instrument liebe, und nur die Longhi fehlt noch um meinen Jammer vollständig zu machen.

Ich hatte mir vorgenommen Heute auch meiner lieben guten Koch zu schreiben, ich bin aber so oft gestört worden daß es nicht mehr möglich ist, grüßen Sie sie herzlichst von mir und sagen Sie Ihr womit ich es denn verdient hätte daß Sie mir seit beynah 4 Monaten keine Zeile mehr geschrieben habe. Habe ich Sie durch irgend etwas böse gemacht, nur frisch damit heraus aber nicht geschmollt und geschwiegen.

d: 25t huj: ist mein Concert fixirt, ich bin begierig wie es ausfällt.

Baron Moser und alle Bekannten grüßt mir 1000 mal. Was machen denn Schwarzens?* Marianne, pp Kein Mensch kann so begierig sein auf Nachrichten von Berlin als ich, und seit langer Zeit sind alle meine Correspondenten erlahmt. |

Ich hoffe daß Sie nicht auch diesem verruchten Beyspiele folgen, sondern mir recht bald und viel wieder schreiben werden. Ich hätte zu keiner glüklichern Zeit nach Wien kommen können, Vogler, Meyerbeer, Bärmann, die Schönberger pp kurz zahllose Bekannte von mir finde ich hier beisammen, das hält mich aber doch nicht ab mit der grösten Liebe nach meinem guten Berlin zu blikken, und ich kann nicht aufhören zu wiederholen, daß der Aufenthalt da zu den glüklichsten meines Lebens gehört.

nun lebt wohl und behaltet lieb Euren unveränderlichen treusten Freund Weber.

Apparat

Zusammenfassung

halte sich in Wien auf, um Aquisitionen für das Prager Theater-Personal zu machen; über Wiener Leben; Privates; "Berlin-Schmachten".

Incipit

Damit Sie nur nicht immer Ursache haben über meine

Verantwortlichkeiten

Übertragung
Eveline Bartlitz; Joachim Veit

Überlieferung

  1. Berlin (D), Staatsbibliothek zu Berlin – Preußischer Kulturbesitz, Musikabteilung (D-B)
    Signatur: N.Mus.ep.1532

    Quellenbeschreibung

    • 1 DBl. (4 b.S. einschl. Adr.)
    • Siegelspur und -loch
    • Zusatz (von frd. Hand) am Briefkopf: Nro 4.

    Dazugehörige Textwiedergaben

    • Hirschberg77, S. 52–53 (Nr. 5)

Textkonstitution

  • HGelöschter Text nicht lesbar.

Einzelstellenerläuterung

  • „… Was machen denn Schwarzens ?“möglicherweise die beiden Brüder (Musiker der Hofkapelle): Christoph Gottlieb Schwarz (1768–1829), Fagottist und Eberhard Friedrich Schwarz (1775 bis nach 1835), Violinist.

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