Carl Maria von Weber an Caroline Brandt in Prag
Liebwerda, Dienstag, 26. bis Mittwoch, 27. und Mins, Sonntag, 31. Juli 1814 (Nr. 7)

Meine gute theure Lina!

Jezt erst konnte ich recht dazu kommen die lieben Züge Deiner theuren Hand recht innig und ungestört an meine Lippen drükken zu können, und recht mit glüklicher froher Begeisterung alle die Liebe fühlen und faßen die darin lebt und webt.      Ich komme mir vor wie ein zum Tode Verurtheilter, der ganz auch schon auf sein Leben Verzicht gethan hat und dann in einem Augenblik statt des Todesstreiches ein neues verschönteres Leben vor sich aufgehen sieht. Noch kann ich mich und meine Freude nicht recht faßen. ich bin wie ein Träumender, wie ein Nachtwandler, ich sehe alles an, im rosigen Lichte, aber es ist mir als müße ich mich immer selbst dabey anfaßen und fragen, ob ich es auch wirklich bin ob es wahr, ob es möglich ist.      Was ich dir vor wenig Stunden in Friedland geschrieben habe, weiß ich nicht, und auch was ich jezt schreibe, ist mehr der unendliche Drang mit Dir zu sprechen, und mich zu Dir zu denken, als zusammenhängender Brief oder Rede. –      Vergeblich würde ich es versuchen dir zu beschreiben, was in mir vorgeht, wie es wogt, stürmt, aber froh und himmelanstrebend, wie es sich wieder fürchtend regt und warnt, und der Jubel des Augenbliks, des hier rein ausgesprochenen Gefühls alles überjauchzt, überjubelt.

Die vergangenen Wochen liegen wie ein schwarzer übersprungener Abgrund hinter mir; ich sehe noch zuweilen darnach zurük und wenn ich denke daß irgend eine Gewalt mich wieder von meiner Höhe hinabstürzen könnte, so überläuft mich ein Eiskalter Schauer, aber doch ist der Gedanke an die hoffnungsvolle Gewißheit des Gegentheils zu schön, zu beglükend, und zu rege durch diesen Brief geworden als daß ich mir ihn sollte so leicht wieder rauben laßen.

Was der OberAmtmann und das andere Volk gedacht haben, weiß ich nicht, ist mir auch unendlich gleichgültig. nachdem ich die paar Worte an dich hatte aufs Papier werfen und wegschikken können, war mir alles übrige menschliche Treiben nichts mehr; ich ließ mich herumschleppen, stierte an, bewunderte, und – dachte an dich. Endlich nun kam der Wagen, und nun sizze ich wieder an der Stelle die so manchen unglüklichen Tag mich thatlos und in Stumpfheit versunken bey sich sah, mit einer frohen heiteren Brust die nur auffliegen möchte, um schnell an die Deinige sinken zu können, und da die heiße Versichernde | Gewißheit deßjenigen zu erfühlen, das deine lieben Schriftzüge aussprechen.

Du nennst mich gut und geduldig. Wirst du nicht anderes denken nach meinem lezten Briefe? ich habe ernst gesprochen. Wie, das weis ich nicht mehr. aber ich weis welcher tödtende schwarze Ernst auf mir lag, wie schwer ich mich verwahrte nicht ihm zu erliegen, und da mag ich denn wohl auch hin und wieder hart geworden sein. – Wehe wollte ich dir bey Gott nie thun, aber dir zu zeigen, wie wehe du mir gethan hattest, dieß konnte ich nicht immer unterdrükken. – Du sollst mich ganz kennen, ich bereue es nicht Dir meine Gefühle auch so geäußert zu haben denn aus allem konnte dir doch nur meine Liebe leuchten. Nur die trüben Augenblikke des ersten Lesens möchte ich dir wegnehmen können, mein Mukkerl soll nicht sagen können daß ich ihm eine trübe 4tel Stunde gemacht habe. Nicht wahr Mukkerl du glaubst nicht daß ich ernstlich grämlich über dich sein könnte? Hast auch Recht, es ist mir rein unbegreifflich, wie sehr und schnell mich dein Brief umstimmen konnte. Aber gelt, du hast es nicht darauf hin probirt? Das thut meine Lina nicht.

– Nun gute Nacht Mukkel, ich muß ins Nest denn es ist schon spät, ich werde von Dir träumen und mich zu Dir träumen. Wirst du heute auch so froh wie ich sein? Gott gebe es. Gute gute Nacht. Millionen Küße [Kußsymbol]

Faul und müde wie ein Hund bin ich, mein lieb Mukkerl. Eine Gesellschaft von 15 Personen ist heute nach dem Baden und Trinken nach Weißbach eine gute Stunde von hier über die Berge gegangen, um da Forellen zu Mittag zu eßen. Zur Herzstärkung habe ich denn in der Frühe noch einmal Deinen lieben Brief durchgelesen, geküßt, und bin dann frohen Muths mitgegangen und auch vergnügt geblieben. Die Hizze war entsezlich, und halb gebraten sizze ich hier |: aber nicht als Schweinebratel :|, um der Lina eine gute Nacht zu sagen, sonst kann ich nicht gut und ruhig schlafen. Wenn so die Stunde kömmt wo ich dich immer aus dem Theater nach Hause brachte, so ergreifft mich ein Heimweh, daß ich über alles wegfliegen möchte. Auch ist das eine Zeit wo ich mit Gewißheit glaube daß du zugleich an mich denkst und das ist so ein lieber Trost, so eine Beruhigung. ich laße dann ganz mich von der Vergangenheit wiegen, sehe dich lebendig vor mir | im blauen Stübchen, vor dem Spiegel beym auskleiden, oder dann am Schreibtisch, oder wie du ermüdet aus dem Theater kommend dich auf das Sopha wirfst, und denkst wo jezt dein Carl sein mag. Dann mag auch das gewiße Herzmurmeln bey dir sich einstellen, wänrend meines in hellen Schlägen nach dir klopft.

So, Mlle: Brandt, es ist Zeit daß Sie einmal wieder Respekt bekommen und dem H. v: KapellMstr. ordentlich rapportiren. Daß der kleine Fraz im Matrosen unendlich gefallen würde habe ich mir wohl gedacht, und alle Briefe sind deines Lobes voll*, aber ich glaub’s nicht eher als bis ich selbst gesehen habe, und dann will ich so kritisiren, so – Nu, du wirst schon sehen. – Der Frau Griesgram schadet es gar nichts, etwas weniger durchzufallen, das sezt doch wieder ein kleines Sordinchen auf die Prätensions Trompete*. Die Kleine soll aber brav sein*.      Du!!* lobe den H. Macco nicht zu viel. wenn er er kann meinetwegen alle Sprachen sprechen, wenn er nur die zu deinem Herzen nicht spricht.

Daß Ihr alle in der Vestalin mitsingt ist ganz in der Ordnung und gebe ich hiemit ein Belobungsdekret, übrigens schweige von deinem unterm Pantoffel stehen, so sehen sie aus die unterm Pantoffel stehn. weißt du was? wir wollen uns beyde darunter stellen, und so ists auch, das innigste Streben dem andern Freude zu machen und nach seinem Willen zu leben beseelt uns ja gewiß. Wie unendlich wohlthuend ist mirmir das was du darüber schreibst. Den reinsten Willen dich froh und zufrieden zu machen habe ich gewiß, und Gott wird mir ja auch die Kraft und Einsicht dazu schenken, wenn, du vertrauend mich liebst so wie jede Zeile dieses Briefes mich so beglükend es athmet. O laß dieß nie wieder anderst werden; nur so kann unsre Ruhe befestigt und beseeligend bestehen. –

Ja, ich soll auch schlafen, und kann nicht: muß dann immer noch eine halbe Stunde im Zimmer herumspazieren wenn ich mit dir geplaudert habe bis der unruhig zu dir strebende Geist nur ein bischen denen armen Knochen Ruhe gönnt. also gute Nacht Mukkerl! O! der Mund thut mir nicht wehe, nur noch einen, noch einen Kuß. Gute Nacht.

Da bin ich denn seit gestern Abend um 10 Uhr auf der Straße, und jeder Schritt der mich von meiner Lina im Wege entfernt, bringt Sie meinem Herzen näher. Der gestrige und vorgestrige Tag haben mir den Kopf ganz wirbel machen. ich war ein paar Tage nicht ganz wohl, und wartete mit | Schmerzen auf Briefe von Dir, endlich kam um ½ 12 Uhr der Postbote mit deinem Briefe No: 6 |: aber ohne Datum :| und eine halbe Stunde darauf Liebich selbst mit No: 5.      Aus Ersterem leuchtete so recht das Gefühl was auch mich manchmal so mächtig quälend ergreifft wenn die herrliche Kunst durch so 1000erley Brod und Intereßens, NeidsErbärmlichkeiten entweiht wird, und man da alle Lust verlieren möchte. Ja theure Lina in meiner Brust sollst du alles niederlegen, ich verstehe dich gewiß, und wo ist wieder ein Wesen daß es auch so mit dir und für dich fühlt.      Morgen werde ich ein andächtiges Vaterunser beten daß dein Bruder eine gute Einnahme macht*.

Der Anfang von No: 5 machte mich unbeschreiblich unruhig, und zwar doppelt noch dadurch weil ich wußte daß mein folgender Brief dir noch wehe thun muste. Wie wahr ist alles was du sagst, – ist es denn möglich wenn man einmal alles so klar einsieht noch in Extremen zu handlen? Nein, liebe theure Lina, laß mir den Trost daß ich jezt glauben kann du wirst endlich ruhiger, vertrauender an deinen Carl denken. ich werde dir deine eigenen Briefe als Muster einst vorhalten, denn ich würde nicht im Stande sein dir erschöpfender alles auseinander zu sezzen als du selbst es thust.      Ist das nicht ein seltsam glüklicher Zusammenhang daß du eben den Tag fröhlich warst, an dem ich den theuren Brief erhielt, der mir meine Ruhe wiedergab? Ach, ich hätte den Liebich so gern aufs Blut ausgefragt, aber ich konnte nicht, weil die Kälte aller Menschen so gar nicht mit dieser Glut vereinbar ist, und mir jedes gleichgültige Wort ein Dolchstich ist. Er sagte mir etwas Kauderwelsches mündlich von dir, daß du Abends deinen Brief nicht gegeben haben würdest pp was ich nicht verstand. Deinen Kuß habe ich mir ordentlich ausgebeten; bald hoffe ich ihn selbst wieder zurükgeben zu können.       Die Allram ist wohl und er kann zufrieden und ruhig sein. Liebichs bringen Dir mein Glas mit; wie oft habe ich es noch geküßt, und bald werden deine lieben Lippen da ruhen wo meine ruhten.      Ueber deine Ängstlichkeit mit Beyer habe ich herzlich gelacht. Es lebt in mir auch nicht ein Funken Mißtrauens in meine Lina. Wegen Berlin kannst du ganz ruhig sein, ich habe nie da eine nähere Freundschaft nur gehabt, geschweige denn Liebe. ich bin gewiß recht brav.      Mit bangen Gefühlen sehe ich deinem nächsten Brief entgegen. wird mein lezter dich nicht wieder trübe gestimmt haben, werde auch ich nicht wieder aus meiner frohen hoffenden Stimmung gerißen werden? O quälen wir uns doch nicht ewig, das Leben ist so kurz und seiner Drangsalen ohne dieß so viele, zu denen wir uns gegenseitig stärken sollen.

Lebe wohl mein geliebtes theures Leben, Uebermorgen hoffe ich in Berlin anzukommen, und dann erhältst du gleich Nachricht, und hoffentlich nicht so fragmentarisch wie dieser Brief. Ich drükke dich innigst an meine Brust. Ewig dein treuster Carl.

Apparat

Zusammenfassung

vorwiegend privater Inhalt; erfreute Reaktion auf Stabilisierung der Beziehung; erwähnt einige Prager Vorstellungen u. Stationen der Reise nach Berlin

Incipit

Jezt erst konnte ich recht dazu kommen die lieben

Generalvermerk

Verantwortlichkeiten

Übertragung
Eveline Bartlitz, Joachim Veit

Überlieferung

Textzeuge

Berlin (D), Staatsbibliothek zu Berlin Preußischer Kulturbesitz, Musikabteilung (D-B)
Signatur: WFN – Mus.ep. C.M.v.Weber 43

Quellenbeschreibung

  • 1 DBl. (4 b.S. o.Adr.)
  • auf Bl. 1r am oberen rechten Blattrand von F. W. Jähns Hand (1814) hinzugefügt
  • Rötelmarkierungen von MMW
Weitere Textquellen
  • Muks, S. 56–63.

Textkonstitution

  • "mehr": "nur" überschrieben.
  • "auch so": Hinzufügung.
  • "daß": "das" überschrieben.
  • "wenn er": durchgestrichen.
  • "mir": Hinzufügung.
  • "Herzen": Hinzufügung.
  • "daß": "das" überschrieben.

Einzelstellenerläuterung

  • "… Briefe sind deines Lobes voll": Premiere war am 22. Juli 1814 im Ständetheater, Caroline Brandt spielte die Rolle des Leopold; Doris Böhler debütierte als Hannchen
  • "… Sordinchen auf die Prätensions Trompete": Mad. Böhler debütierte am 21. Juli 1814 als Frau Griesgram in Der Bruderzwist von Kotzebue
  • "… Kleine soll aber brav sein": welche von den Töchtern Weber hier meint, ist ungewiss, die ältere Christine Böhler debütierte bereits am 7. Juni 1814 als Marie in Adrian von Ostade
  • "… Adrian von Ostade . Du!!": dreifach unterstrichen
  • "… Bruder eine gute Einnahme macht": Zu Louis Brandts Benefiz-Vorstellung am 1. August 1814 vgl. den Bericht im Theater-Anzeiger.

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