Carl Maria von Weber an Caroline Brandt in Prag
Dresden, Dienstag, 1. Juli 1817

Meine vielgeliebte Lina!

Ich muß heute auch den öftern Gang der Post benuzzen, um dir manches zu erzählen und dich um Rath zu fragen. Es war Gestern recht sonderbar. Nachdem ich meinen No. 61 an dich abgeschikt hatte. kam Baßi zu mir, sprach allerley von unsern DienstVerhältnißen pp von der Idee der Wiener mich für sich zu haben, und dergl: ich bemerkte ihm hierauf daß freilich Niemand sein Schiksal wißen könne, ich hätte eben gehört daß der brave KapellMster Gürrlich in Berlin sehr krank sei, und ich wollte wohl wetten, daß wenn dieser stürbe sogleich ein Antrag an mich käme. Kaum habe ich das ausgesprochen, bringt Franz einen großen Brief – von – Brühl, der mir den Tod des sehr braven Gürrlich meldet, und mir förmlich abermals die Königl. KapellMster Stelle anträgt. ich möchte nur schnellstens meine Bedingungen schreibenT.     die Sache überraschte mich sehr, und ich wuste im Augenblik nicht was ich thun sollte. doch entschloß ich mich bald, /: war schon ausgezogen :/ fuhr wieder in die Kleider und probirte es ob unser Graf Vizthum noch nicht abgereißt sey, um deßen Rath zu hören. ich traf ihn richtig noch, und bereitete dem guten lieben Mann einen Donnerschlag durch diese Nachricht. Wir sprachen viel dafür und dagegen. Er war ganz außer sich in einem so kritischen Momente abreisen zu müßen, aber es war in diesem Augenblikke nichts anderes zu thun. ich sagte ihm daß ich sehr gerne hier sei, und mir besonders sein DienstVerhältniß unendlich lieb und werth wäre, ich also wirklich selbst noch gar keinen Entschluß, Neigung, und Vorliebe für Berlin gefaßt hätte, daß ich es aber meinen künftigen Verhältnißen schuldig sei, wenn sich mir überwiegende Vortheile in Berlin darböten, sie anzunehmen. Dieß sah er klar ein, und schied so wehmüthig von mir, daß ich sehr gerührt und ergriffen war.     In dieser Beziehung werde ich nun auch an den Grafen Brühl schreiben, und Gott die Lenkung überlaßen, wie immer auf ihn vertrauend.     Es ist recht schwer einen bestimten Entschluß zu faßen. Es giebt gar zu viel dafür und dagegen. Zum Beyspiel.

In für Berlin Gegen Berlin In Dresden
Um 500 Thler Gehalt gewiß mehr als hier. aber Um eben so viel theurer leben und Aufwand mancher Art mehr als hier
Vielerley NebenVerdienst. Konzerte, Lectionen von 1 #. – – – hier nichts zu verdienen.
Lebenslängliche Anstellung. hier erst zu erwarten.
Feststehende Große KunstAnstalt. Hier noch sehr ungewiß.
Viel Verdruß mit meinen Collegen. Hier auch, aber doch gleichsam durch die Sprache geschieden, und was ich thue, ist mein Werk, da die
deutsche Oper ein Depart: für sich
ist, dort ich mich aber mit den Andern immer balgen muß.
Das Beersche Haus, und meine vielen Kunst-Freunde und Aufmunterung – – fehlt hier gänzlich oder [muß] erst dem Hofe abgerungen werden
Geräuschvolleres Leben, nicht immer zu vermeiden. – Stillere Häus[lichkeit]
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So könnte man ein langes langes Register fort führen und am Ende doch kein ordentliches Resultat führen. Ja, wär der Antrag ein Jahr später gekommen, wo ich schon mit Bestimtheit wüste wie weit die deutsche Oper gediehen wäre. aber so – doch auch so hat es sein Gutes, noch bin ich durch nichts gebunden, /: ja sogar die Möbels sind noch alle eingepakt :/ ich kann mit meiner Mukin eben so leicht von Prag nach B: als nach Dr: gehn. ich bin nun sehr begierig was die Sache hier für Wirkung thun wird. ich werde sie weder bekannt machen, noch läugnen, auf keinen Fall kann sie schaden, denn der Antrag ist so ehrenvoll als schmeichelhaft abgefaßt.     Das Uebelste ist daß der Director erst in 3 Wochen wieder kömt, und die Sache sich nicht so lange hinausziehen laßen wird. Am besten wäre es vielleicht, mein Gnädigster König, den ich wirklich hochverehre und liebe, gäbe mir 2000 rh: und behielt mich. Das wird er aber nicht thun, denn das ist gewiß daß er mich nicht im Gehalt über Morlachi sezzen wird, dazu ist Er zu feinfühlend liebt, deßen Musik sehr, und kennt mich noch zu wenig.

Es wäre doch sonderbar wenn ich durchaus nicht in unser neues Quartier kommen sollte, gehe ich nach Berlin so bliebe ich in meinem kleinen Nest, um das hin und herziehen zu ersparen. Bald muß sich die Sache entscheiden das ist das beste.

Wenn ich nur deine Antwort schon wieder hätte, was du davon denkst. ich bin wahrhaftig ganz unentschieden, so sehr [ich] meine theuren Freunde in Berlin liebe, weil ich mir die dortigen Theater Verhältniße weit schlimmer denke als unsere, die Nachgibigkeit des Grafen, die Insubordinationen der Sänger pp, Nun – nochmals, wie Gott will, der wird schon Alles zum besten lenken.

Von heute früh 7 Uhr bis jezt 5 Uhr war ich unaufhörlich beschäftiget. jezt komt Treitschke zu mir. Ja meine geliebte Lebens Kumpanin, wiege einmal das Köpfchen und laß sehen was deine Weißheit und deine Neigung dir erzählen und vorschreiben. Jezt sollte nur noch ein Antrag von München kommen, um das Maaß voll zu machen.     

Gott behüte dich lieber Muks + + + bleib hübsch gesund, mir geht es dem Himmel sei Dank wieder recht gut. sey brav und behalte lieb deinen sich wie der Esel zwischen den Heubündeln befindenden treuen innigliebenden
Muks Carl.
Millionen Bußen – an dich.
und viele Grüße an Alle.

Apparat

Zusammenfassung

berichtet, daß Brühl ihm die Kapellmeisterstelle des verstorbenen Gürrlich angetragen habe; erwägt Vor- und Nachteile Berlin/Dresden; habe mit Vitzthum über die Angelegenheit gesprochen, sei aber noch nicht zu einem Entschluß gekommen

Incipit

Ich muß heute auch den öfteren Gang der Post benuzzen

Verantwortlichkeiten

Übertragung
Eveline Bartlitz; Joachim Veit

Überlieferung

  1. Berlin (D), Staatsbibliothek zu Berlin – Preußischer Kulturbesitz, Musikabteilung (D-B)
    Signatur: Mus.ep. Weber, C. M. v. 104

    Quellenbeschreibung

    • 1 Bl. (2 b.S. o.Adr.) urspr. 1 DBl., Bl. 2 abgeschnitten

    Dazugehörige Textwiedergaben

    • Muks, S. 420–424

Textkonstitution

  • „für“durchgestrichen.
  • Gegen Berlindurchgestrichen.
  • „abgerungen werden“Unsichere Lesung.

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