Carl Maria von Weber an Caroline Brandt in Prag
Dresden, Sonntag, 21. bis Montag, 22. September 1817

Mein vielgeliebtes Bräutlein!

Mitten in der Nacht muß ich noch ein bißel zu dir komen weil ich wohl Morgen früh vor Abgang der Post gar keinen Augenblik finden werde, denn um 8 Uhr komt der Zwik zu mir, um 9 Uhr gehe ich in eine Auktion wegen Spiegel, und um 10 Uhr ist GeneralP: von den vorn: Wirth:. Müde, matt, und abgetragen komme ich gekrabbelt. Nach unzählichen Conferenzen und Laufereyen habe ich endlich Heute Abend 7 Uhr den Text der Cantate bekommen, und mich sogleich drüber her gemacht um die Sache so bald als möglich los zu sein, habe also gedacht, gesungen, gesprochen pp bis ich nicht mehr konnte, und zur Erholung ein bißel mit der Mukkin pabsen muß. Zuerst laß mich ein bißel in Ett gehen und klagen. es geht mir recht übel, nicht nur das Verschieben meines schönsten so lange erwarteten Augenblikes, sondern auch der Andrang von unangenehmen Dingen, eine große Kantate komponieren zu müßen, ohne Lust dazu, und in der störendsten unruhigsten Umgebung, dazu der neue anzutretende Kirchendienst, von dem ich noch gar nichts weis, und in den hinein zu arbeiten auch viele Zeit verlohren geht. Andrang von Arbeiten, Aufsäzzen und Briefen aller Art, kurz ich bin wirklich manchmal ganz wüst im Kopfe, und sehe mit der grösten verdoppelten Sehnsucht der Ruhe entgegen, deren Zeitpunkt leider Gottes noch immer nicht bestimmt ist. bis den 2t 8b erwartet man nun den lezten Kourier, und dann solls schnell gehen – – Gott gebe es.      Heute früh ½ 11 Uhr wurde ich abermals S: Majestät präsentirt, er war ungemein freundlich, drükte mir die Hand die ich ihm küßte, und sagte, ich erfreue mich Ihrer Talente. Die Prinzen und Prinzeßinen waren außerordentlich erfreut und gütig. Prinz Anton fragte, nun wie ists denn mit der Heyrath? ja! Ihro Hoheit ich kann ja nicht fort! da sagte der Prinz Max gar gutmüthig, ach Gott daran bin ich Schuld pp Sie sind wirklich ungemein lieb und gut. Dienstag muß ich hinaus nach Pillnitz um noch extra meinen Krazfuß zu machen. vor Michaelis d: 27t komt der Hof ganz herein, da thue ich meinen ersten Kirchen Dienst, und damit mich ja alles gleich recht […] tüchtig trifft, habe ich in einer Woche 6 mal Dienst. das ist lustig – gelte? Gott läßt mich alles sehr schwer erringen. das geht sogar bis auf Kleinigkeiten, so habe ich Z. B: schon mit 2 Malern alles abgesprochen, akkordirt pp gehabt, und immer musten sie mir wieder den Handel aufsagen, weil sie die Zeit nicht halten konnten, jezt hoffe ich aber einen desto beßeren bekommen zu haben, und so wird denn am Ende jede Verzögerung einer Sache noch zum Besten gewendet. dieser Glaube ist mir durch eine lange und immer wiederholte Erfahrung tief eingeprägt worden, ich halte | gerne fest an ihm, denn er hat ungemein viel tröstliches und Kraftverleihendes in trüben Zeiten wo unsern Wünschen sich Hinderniße entgegen thürmen. Schreib mir nur recht oft mein lieber MukkenKönig, deine Briefe sind immer eine solche Erquikung und Freude für mich. ich kann sie jezt freilich nicht so wieder vergelten, aber du must schon ein bißel Erbarmniß haben mit deinem sehr geplagten Hamster König.     

Nun gehe ich in Bett, /: es ist richtig deine Bettstelle, der andern habe ich Gestern auch die Füße abschneiden laßen :/ und will gut schlafen und Kräfte sammeln, damit die Lina einen gesunden Muks kriegt, dem das bißel abarbeiten nichts anhaben kann. Gottes Engel mögen dich auch umschweben + + + Gute gute Nacht mein vielgeliebtes theures Leben.      Ewig Dein Carl.

Einen schönen guten Morgen. geschlafen habe ich wie ein Raz, und wollte gar nicht heraus aus dem Bett so daß es jezt schon ½ 8 Uhr ist, der Kaffee durchläuft, und ich geschwind noch der Mukkin einen freundlichen guten Morgen sage.      Da komt auch schon der Tapezier. Es ist entsetzlich wie langsam die Arbeitsleute sind und was man treiben muß, kaum wird das Quartier in 14 Tagen fertig sein, und da hätte ich mich auch schön geärgert wenn ich hätte fortgehen müßen und es unvollendet laßen und dich dann in den Troubel führen. Es wird ohnedieß manches nicht so vollständig als ich wohl wollte, aber es geht nicht es kostet zu viel, und zum nachschaffen muß ja auch noch etwas bleiben. und du must auch noch was zu ordnen haben, gelte?

So eben war Zwik da und erzählte mir viel von dir, wie freundlich du gewesen und wie gefällig die Liesel übernommen, auch mit deinem Benefiz zurükgestanden pp was mich alles sehr freute und ganz in der Ordnung war. am Ende sagte er, und es war schön von ihr, und ich hoffe da wir künftig an einem Theater sind es vergelten zu können, – – da lachte ich ihn denn freilich aus – aber es ärgerte mich doch fast daß den Leuten das noch nicht aus dem Kopf will, daß du und ich von einer festen Ueberzeugung abgehen könnten. Nein Nein, Muks gehört meinem und ihrem Hause, ich will schon für Sie und durch Sie der Welt etwas schaffen, was nicht geschehen würde wenn Sie ihr auch angehörte.

Nun heißts aber schließen. Gott segne dich. + + + heut krieg ich ein Brieferl von dir, und hoffentlich ein Gutes, denn es wird die Antwort auf meine Anstellung sein. Alles Erdenkliche an Drs und die Mutter.      Ewig Dein treuer Carl.

Millionen Bußen.

Apparat

Zusammenfassung

habe endlich den Text der Kantate erhalten und sofort mit der Komposition begonnen; klagt wegen Arbeitsüberlastung: neben der Komposition der Kantate habe er seinen Kirchendienst anzutreten u. verliere zudem viel Zeit durch Handwerker;

Incipit

Mitten in der Nacht muß ich noch ein bißel zu dir

Generalvermerk

Verantwortlichkeiten

Übertragung
Eveline Bartlitz, Joachim Veit

Überlieferung

Textzeuge

Berlin (D), Staatsbibliothek zu Berlin Preußischer Kulturbesitz (D-B)
Signatur: Mus.ep. Weber, C. M. v. 123

Quellenbeschreibung

  • 1 Bl. (2 b.S. o.Adr.)
Weitere Textquellen
  • Muks, S. 491–495

Textkonstitution

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