Carl Maria von Weber an Hinrich Lichtenstein in Berlin
Dresden, Donnerstag, 9. Juni 1825

Mein geliebter Bruder!

Da ich eben ein Paketchen Musik an Beer schikke, so schließe ich dir einige Briefe bei die dir Freude machen werden wie sie es mir gethan: doppelt gethan, weil ich durchaus glaubte Euryanthe müßte in Leipzig durchfallen. Nun ist es aber doppelt gut, besonders auch daß ich nicht dabei war, und die beliebte Ausrede wegen Theilnahme an der Persönlichkeit des Componisten, somit wegfällt. Hoffentlich hat die Sendung meines Briefes vom 18t May ihren Zwekk erfüllt, und Logier seinen Brief richtig und zu rechter Zeit erhalten. Seitdem ist mir das Beste paßirt was in Bezug auf London nur Statt finden konnte. d: 28t May nehmlich trat unverhoft H: Beral in meine Stube, der den Freyschütz in London jüngst auf die Bühne gebracht, in Brahams Benefiz selbst den Caspar gespielt, und später auch die Aufführung in Coventgarden geleitet hatte. Er blieb 2 Tage hier und du kannst denken wie ich ihn ausgefragt habe. Seinen Äußerungen zu Folge ist Collard doch nicht ganz gut unterrichtet. Coventgarden trägt z: B: bei vollen Haus 900 [w]. und die Unkosten des Tages, betragen über 200 Pounds. Er erklärte Kembles Gebot blos für einen Versuch, und, daß ich es kurz mache, schlug mir vor folgende Bedingungen zu stellen. ich wolle bei meiner Ankunft den Freyschütz 6 mal dirigiren, verlange dafür jeden Abend 200 Pds und den 6t als Benefice. in dieser Zeit dann studiere ich den Oberon ein, und führe ihn dann unter denselben Bedingungen auf. das gäbe dann freilich ein Resultat von 3000 Pf: wenigstens. der ruhige von aller Uebertreibung ferne Ton des jungen Mannes macht daß ich seine allerdings hoch klingenden Versicherungen Glauben schenkte, obwohl ich immer gern die Hälfte von allen Äußerungen der Art abziehe. Beral ist nach Breslau zu seinen Ältern gegangen, kehrt in 4 Monaten nach London zurük, und heyrathet dort, –- Wo er sich in allen Dingen zu meinem Lohnbedienten erboten hat. ich bat ihn wiederholt und aufs eindringlichste mir die Sachen nicht zu sehr ins Schöne zu mahlen, aber er versicherte mich hoch und theuer daß ich diese Forderungen mit der größten Ruhe machen könne, indem ich durchaus mein persönliches Erscheinen, bei einem für mich über alle Begriffe eingenommenen Publikum, in Geldes werth umsezzen müße. Und in dieser Weise will ich denn nun endlich an Kemble schreiben.

d: 21t May hatten wir den höchst betrübten Fall, den armen Hellwig deßen Geistes Zerüttung anfieng höchst gefährlich zu werden, nach Pirna zum Dr: Pienitz bringen zu müßen. – – – Brühl ist ganz verstummt. über Alcidor habe ich blos die Berliner pflichtschuldigst lobende Zeitung gelesen*, und – das Buch selbst. Nun, das ist wahrlich schlecht genug. welches Durcheinander – Kommen, Gehen, Fliegen, Fahren, – wie wunderlich sich so ein französischer Dichter anstellt wenn er romantisch thun will – –

Das schlechte Wetter wirkt sehr nachtheilig auf mich. Im Ganzen aber fühle ich mich doch beßer. Weib und Kinder sind wohl.
Wenn du dich aus dem ersten Haufen angehäufter Geschäfte, nach deiner Reise herausgearbeitet hast, so laße mich wißen wie es bei Euch geht, und schreibe mir auch was über den Alcidor. Nun gut für Heute. In treuster Liebe dein Weber.

Die beiliegenden Briefe schikke mir gelegentlich zurük.

Apparat

Zusammenfassung

sendet Briefe über Euryanthe in Leipzig; betr. Verhandlungen mit London: der engl. Schauspieler Beral hat Weber vorgeschlagen, was er fordern solle u. W. will dies übernehmen; betr. Auff. u. Buch von Spontinis Alcidor

Incipit

da ich eben ein Paketchen Musik an Beer schikke

Verantwortlichkeiten

Übertragung
Eveline Bartlitz; Joachim Veit

Überlieferung

  1. Leipzig (D), Leipziger Stadtbibliothek – Musikbibliothek (D-LEm)
    Signatur: PB 37 (Nr. 73)

    Quellenbeschreibung

    • 1 Bl. (2 b.S. o.Adr.)

    Dazugehörige Textwiedergaben

    • Rudorff: Westermanns illustrierte deutsche Monats-Hefte, 44. Jg. (1899), 87. Bd., S. 389–390
    • Rudorff 1900, S. 231–233

Einzelstellenerläuterung

  • „… Berliner pflichtschuldigst lobende Zeitung gelesen“Vgl. A. B. Marx’ ersten kurzen Bericht über die Aufführungen der Oper am 23. und 26. Mai 1825 in: Berliner allgemeine musikalische Zeitung, Jg. 2, Nr. 22 (1. Juni 1825), S. 177f. Eine ausführlichere Betrachtung desselben Autors über das Werk erschien erst in Nr. 23 (8. Juni 1825), S. 187f., Nr. 24 (15. Juni 1825), S. 194–196, Nr. 25 (22. Juni 1825), S. 198–201, Nr. 26 (29. Juni 1826), S. 207–211 und Nr. 27 (6. Juli 1825), S. 214–216.

XML

Wenn Ihnen auf dieser Seite ein Fehler oder eine Ungenauigkeit aufgefallen ist,
so bitten wir um eine kurze Nachricht an bugs [@] weber-gesamtausgabe.de.