Carl Maria von Weber an Caroline von Weber in Dresden
London, Mittwoch, 29. März bis Freitag, 31. März 1826 (Nr. 15)

A Madame

Madame la Baronne de Weber.

a

Dresde

en Saxe

No: 15.

Das war heute ein rechter Vexir Tag, ein Tag fehl geschlagener Hoffnungen. Der Morgen verging ruhig mit arbeiten, und um 2 Uhr gehe ich in die Freyschütz Concertprobe, und hoffe es soll gar nichts zu thun geben. gehorsamer Diener, 2 neue Sänger für Kilian, Kaspar und Kuno, die nicht fest waren, das mußte also ekelhaft oft probirt werden. ich hoffe ich soll ein Briefel von der Mukkin finden, – gehorsamer Diener, ich finde leider keinen. ich hoffe heute Abends 25 £ zu verdienen. – gehorsamer Diener, Miß Paton wird krank, läßt um 5 Uhr absagen, die Theater Regenten sind in Verzweiflung wo ein Stük herzuschaffen so spät pp und ich gehe heim, wische mir das Maul, und schreibe Nokkerln statt Noten zu verdienen. Nun hoffe ich gut zu schlafen, und das wird mir wohl nicht conträr gehn. ich habe heute alle meine Wege zu Fuße gemacht, und bin recht müde. habe mit Fürstenau in einem Hotel um 4 Uhr gegeßen, recht gut, aber wie theuer. wir hatten 2 Port: Suppe, 1 Port: Fisch. zwei P: Hammel Kottlettes mit Bohnen, und [?]. rathe was uns dieses frugale Mahl kostete? – = 2 rh: 21 gr. 4 /: ohne Trinkgeld an Kellner :/ unseres Geldes. gelt das ist entsezlich. Man hat aber auch recht billige und gute Speisehäuser, so ißt z: B: Fürstenau gewöhnlich sehr gut für 2 Schilling, /: 17 g: 4 pf: :/ zu Mittag. ich komme nur selten dazu aus zu eßen; wenn aber Smart eingeladen ist, mag ich nicht für mich allein kochen laßen, und gehe aus.       ich muß hier wiederholen wie vortrefflich ich in diesem Hause aufgehoben bin, diese Sorgfalt und Pünktlichkeit, ganz Leute wie ich sie brauche. auf die Minute, einmal gesagt, für ewig, und dabey so anständig, – kurz exzellent, und ich kann dem Himmel nicht genug dankbar dafür sein.       Gestern hatte ich einen rechten Haustag, den ich auch gehörig benuzte, denn ich habe heute die Romanze für Fatima* beendigt, und wäre also nun eigentlich fertig*, bis auf die Overture die ich aber auch schon theilweise eingetragen habe*. und so komt denn alles endlich zu Stande, selbst eine Oper. was will ich mich pflegen, wenn ich gar nichts mehr zu thun habe. – Mein Husten ist sehr brav, und meine Kurzathmigkeit war heute bedeutend geringer als sonst. bitte, bitte, lieber Gott, nur bald gut Wetter, darnach sehne ich mich ordentlich.

Nun gute Nacht, liebe Alte. die Augen fallen mir zu. Gott segne Euch + + +. ihr schlaft hoffentlich schon wie die Razzen. gute, gute Nacht.

d: 30t 1 Uhr.       Ach, welche Freude! Gottlob! nun sind wir erst im Zug. das ist heute eine Ueberraschung, die ich grade heute doppelt schätze, denn ich hatte heute Morgen meinen trüben Tag, ’s wollte mir gar nichts von der Hand gehen, ich hatte zu nichts Lust, als zum brüten, du kennst das ja. da kommt dein lieber No: 8 und weg ist alles, und ich bin ein ganz anderer Kerl. ach ja, vom Gemüthe kommt alles; Was ich mich über deine Freude freue, kann ich dir nicht genug sagen Maxens Zuruf rührte mich herzlich, folge nur auch dem Kinder Worte. aber bei aller Freude habe ich wieder eine neue Sorge. ich schreibe alle Woche regelmäßig 2 mal. d: 10t ist mit Fürstenaus Brief zugleich meine No: 9 auf die Post gekommen, wie geht es nun zu daß du ihn nicht auch schon d: 21t hattest, wie Schütz und Fürstenaus Frau. wahrscheinlich bekommst du 2 auf einmal, aber es ist doch | ganz unbegreifflich, wie von 2 zugleich abgehenden, einen Weg nehmenden Briefen nur einer ankommen soll und der andere nicht. Nun, ich denke darüber bald beruhigt zu sein, denn ich hoffe du schreibst nun auch 2 mal die Woche. und, – schließe mir keine Briefe mehr ein, das macht in England einen entsezlichen Unterschied, dieser heutige kostet mich 2 rh: – Muß dich loben daß du in [den] Liederkreiß giengst. gewiß nahmen alle Antheil. Daß sich Lüttichau so etwas nicht denken kann, ist natürlich er kennt noch nicht die Macht eines allgemein geehrten Künstlers. Du dummes Ding – von Betrügereyen zu sprechen. damit gebe ich mich nie ab. zu Maxens Geburtstag könntest du vielleicht etwas wißen, aber die Krankheit der Paton macht wieder alles noch unsicherer als es ohnedieß ist. so viel ist gewiß daß die Aufführung höchstens 8 Tage vorher bestimmt werden kann, und wenn ich dir diese Gewißheit schreibe, so ist die Geschichte schon vorbey wenn du den Brief bekommst.

Deine arme Pot dauert mich recht, du mußt hübsch in Absäzzen schreiben, wie ich. dafür erzähle ich dir auch jeden Quark, und bin umständlich wie ein Spittel Weib. da die Devrient in der Schweizerfamilie auftreten will, muß es doch nicht so arg mit ihr gewesen sein, als du mir erst schriebst. desto beßer. Gottlob daß dein dummer Husten fort ist. da hab ich eine große Sorge weniger. füttert euch nur alle recht heraus, daß ich Freude an Euch habe, wenn ich heim komme. ich will mir auch alle Mühe geben, glaube aber an keine großen Erfolge von allen meinen Produktionen ist immer das Fett das geringste gewesen. Ha ha! Frau Haus Regentin, gelte es ist leichter den Regenten regieren als das Geld. ja, ja, ich kenne das. bei mir geht dir gewiß nie die Münze aus, wenn du gleich jezt nur durch Anweisung zahlen kannst.       Smart grüßt herzlichst, täglich trinkt er deine Gesundheit, und freut sich [mit] mir innigst deines und der Kinder Wohlsein.

nun ade, weiß nichts mehr, als daß ich noch was thun muß ehe ich zu Tisch gehe, ½ 7. ade ade ade, von deinem herzlich fröhlichen und glüklichen Carl.

d: 31t

guten Morgen, liebste Lina!

habe gut geschlafen und gar nicht gehustet. das war gestern ein recht intereßantes Diner im Melodischen Clubb. es wurde gesungen, Reden gehalten pp ich mußte auch etwas spielen, und gewöhnlich muß ich dann große Reden zu meinem Lobe mit anhören, die von stürmischem Beyfall der Uebrigen unterbrochen werden. es ist ein eigenes Leben unter diesem Volke, aber gewiß sehr achtungswerth, denn was sie einmal ergreiffen halten sie in treuer Liebe fest. Miss Paton hat ihr Kind gestern verlohren, es ist schnell an zurükgetretenen Masern gestorben, ein Mädchen von einem Jahr in das sie ganz verliebt war.       Miss Paton ist nehmlich an den Lord Lennox verhuyrathet, und die Sache ist nur deßhalb nicht öffentlich weil der H: Lord ihre große Gage höchst angenehm findet, und sie daher beim Theater läßt. er ist mit ihr nach Brighton gegangen, und somit sind die Proben des Oberon wieder unterbrochen, und die Oper verschoben. so giebt es denn immer in der theatralischen Welt Hinderniße aller Art, an die kein Mensch denkt, denn das Kind war vor 3 Tagen noch munter und wohl. – so was macht zittern. Es war aber hier die Schuld des Arztes, der die Krankheit nicht erkannte.       Mir ist die Verzögerung nicht unlieb, obwohl ich deßhalb nicht Zeit verliehren will. bin ich fertig so bin ich fertig, und kann wieder ruhig auf den neuen Haufen sehen den ich gemacht habe. wohl für lange Zeit der lezte. habs herzlich satt.       Unter deinem Geldjammer habe ich auch Kretschmar gefunden. dem sage doch daß er vor der Hand den Chor im 3t Akt, A dur 6/8 nicht weiter schreibt. ich habe was daran geändert*, und der ganze 3t Akt braucht ja erst bei meiner Rükkunft geordnet zu werden*.

Eine Historie muß ich dir noch erzählen die mir nun noch mehr Arbeit giebt als sonst der Fall gewesen wäre. Durch die Scenen im Freyschütz sind die Leute ganz toll geworden, und die Sänger faseln von nichts anderem als Rezitativen, Andantes | Allo: pp dieß ist denn nun auch Braham in den Kopf gefahren, und er bettelt um eine große Scene, statt seiner ersten Arie, die allerdings auch nicht für ihn geschrieben und etwas hoch ist*. erst war mir der Gedanke ganz fatal, und ich wollte nichts davon hören. endlich versprach ich, wenn die Oper fertig sei, und mir so viel Zeit übrig bliebe wolle ich’s thun. Nun habe ich also diese große Scene ein Schlachten Gemälde, und was weiß ich all, vor mir liegen, und gehe mit dem größten Wiederwillen dran. was ist aber zu thun. Braham kennt sein Publikum, ist der Abgott deßelben. ich muß dem Erfolg überhaupt zu Liebe ein Stük Arbeit mehr nicht scheuen, – also – frisch hinein gebißen in den sauern Apfel. und die erste Arie hab ich so lieb. für Deutschland laße ich alles wie es ist. Denn ich haße die Arie im voraus die ich – hoffentlich heute noch – machen werde. So! nun habe ich dir auch mein Leiden geklagt, wahrlich das einzige was ich hier habe, und was am Ende auch nicht so arg ist, da die Aufführung sich so verschiebt.

Will mir auch ein Herz faßen und gleich dran gehen. also ade für jezt. ich gehe in die Schlacht. –

Nun! Die Schlacht ist zu Ende; das heißt die Hälfte der Szene. Nachmittags hoffe ich noch die Türkinnen jammern, die Französinnen jubeln, und die Krieger Vittoria schreyen zu laßen.       habe heute wieder einen Haustag. Mittag mit Smart Fürstenau, und Fawcett. Da eßen wir schon um 5 Uhr, und man kann nach Tische noch was arbeiten. jezt muß der Brief auf die Post, und ich mir den Bart abkratzen. fetter bin ich noch nicht geworden, es geht noch nicht gerade aus über die Bakken, wirds auch wohl nie mehr, denn ich werde wohl so wie eine alte Pflaume einhuzzeln. Wenn ich dabei gesund bin ists einerley. und ich muß jezt wirklich meinen Husten loben. Gott gebe nur daß ich von Euch auch immer so herrliche Gesundheitsberichte bekomme als der lezte ist, dann bleibt mir nichts zu wünschen übrig.

Gott segne Euch alle + + + ich drükke Euch innigst an mein Herz. in treuer Liebe, immer euer alter Vater Carl.

Alles Erdenkliche an meinen guten Roth, Hauptmann, Kellers, Fräulein ppp

Apparat

Zusammenfassung

schlechte Stimmung durch nötige Umbesetzung der Freischütz-Scenen, fehlende Briefe, Verdienstausfall durch Krankheit der Paton u.a.; lobt wiederum seine Unterkunft; Oberonist bis auf Ouvertüre fertig, aber durch Tod eines Kindes der Paton verschoben; Privates; über ein Diner im Melodical Club; Beziehung der Paton zu Lord Lennox; über Brahams Scene u. Übernahme der Oper für Deutschland;

Incipit

Das war heute ein rechter Vexir Tag

Generalvermerk

Verantwortlichkeiten

Übertragung
Eveline Bartlitz, Joachim Veit

Überlieferung

Textzeuge

Berlin (D), Staatsbibliothek zu Berlin Preußischer Kulturbesitz, Musikabteilung (D-B)
Signatur: WFN - Mus.ep. C.M.v.Weber 222

Quellenbeschreibung

  • 1 DBl. (4 b. S. einschl. Adr.), Siegel, -loch.
  • PSt: [Rundst.:] F 2 26
Weitere Textquellen
  • ED: MMW II, S. 649 (nur Zitat), 669–670 (Auszüge); Reise-Briefe 1823/1826, S. 136–141

Textkonstitution

    Einzelstellenerläuterung

    • "… heute die Romanze für Fatima": = Nr. 16 aus der Oper Oberon; lt. TB fertigte Weber den Entwurf am 28. März 1826
    • "… wäre also nun eigentlich fertig": Weber komponierte noch eine zusätzliche Nummer in die Oper (= Preghiera, Nr. 12 1/2) und gestaltete die Arie des Huon Nr. 5 um, beides auf Wunsch des Sängers John Braham; vgl. u.a. im Brief weiter unten unter 31. März
    • "… auch schon theilweise eingetragen habe": Die Ouvertüre zu Oberon vollendete Weber am 9. April, Vorarbeiten erfolgten lt. TB noch in Dresden am 30. Januar und 2. Februar
    • recte "8": in der Vorlage "7"
    • "… ich habe was daran geändert": Chor Nr. 21, der ursprünglich für gemischte Stimmen gedacht war, von Weber, der Szene entsprechend, zum Chor der Haremsdamen umgearbeitet; vgl. TB 15. März 1826 und Brief vom 16./17. März 1826
    • "… meiner Rükkunft geordnet zu werden": betrifft Vorbereitungen des deutschen Klavierauszuges vom Oberon, die Weber dann doch abschließend von London aus tätigte. Der Kontakt zum Verlag Schlesinger Berlin lief teilweise auch über Caroline von Weber und Karl Theodor Winkler, der die Übersetzung des englischen Librettos anfertigte.
    • "… geschrieben und etwas hoch ist": meint die Umarbeitung der ursrünglichen Arie des Huon Nr. 5 im I. Akt, die Weber auf einen neuen Text von Planché komplett neu komponierte. Für die deutsche Übersetzung des Librettos bzw. den deutschen Klavierauszug griff Weber aber wieder auf seine erste Fassung der Nummer zurück.

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