Chronik der Königl. Schaubühne zu Dresden vom 11. Mai 1817

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Am 11. Mai. Zum erstenmale: Das Mädchen aus der Fremde, Orig. Lustspiel in 2 Akten von E. Willig. Der Titel führt etwas irre, belustigt aber eben deßhalb. Man glaubt er stehe in Bezug auf das herrliche Gedicht Schillers, welches gleiche Ueberschrift trägt, und zu einem zartgehaltenen Drama wohl auch einen köstlichen Stoff böte. Dieß Mädchen ist aber hier ein kleines Wesen von 10 Jahren, das ein junger Offizier als Jokey mit aus dem Felde bringt, und dadurch seine Geliebte neckt, indem er ihr dieses ohne nähere Bezeichnung in einem Briefe als ein Mädchen ankündigt, daß immer um ihn sey, ihm die müssigen Stunden vertriebe, das er küsse, das er sehr liebe u.s.w. Darüber geräth der Geliebten Vater mit dem Vater des Offiziers in Streit und Duell, das sich aber schnell friedlich endet, und auch der böse Traum des Mädchens ist bald durch ein schönes Erwachen belohnt. Zwischen durch treibt sich noch ein Prätendent auf des Mädchens Hand, dessen Name, Baron v. Hopfensack, schon seine bäuerische Art und Weise ankündet, und eine böse Stiefmama, die bei der Gutmüthigkeit des Vaters das Regiment im Hause führt. Stoff genug, um für zwei kleine Akte recht gemüthliche Erheiterung zu verschaffen. Und so ward auch vom Publiko diese anspruchlose Kleinigkeit aufgenommen, welcher der Wohlklang der wirklich meistentheils recht gut gearbeiteten Alexandriner noch einen neuen Reiz verlieh. Nur die Scene zwischen dem Hrn. v. Aarbach und seinem Reitknecht vor dem Duell hätten wir theils als müssig, theils wegen des ohne Noth so ganz gemein und niedrig geschilderten Sinns des Bedienten wohl weggewünscht, so wie wir überhaupt glauben, daß das Stück gewinnen würde, zöge man es in Einen Akt zusammen. E. Willig ist ein angenommener Name, und wie wir gehört haben, hat dieses artige Vorspiel einen wackern dramatischen Künstler zum Verfasser, der selbst in einer Rolle darin sich vielen Beifall erwarb. Dieß galt überhaupt von dem Spiele des ganzen Personals.

Hierauf folgte, ebenfalls zum erstenmale: Das Lotterieloos, Singspiel in 1 Akte, die Musik von Isouard. Mad. Grünbaum gab die Adele, Hr. Grünbaum den Blinville zur Gastrolle. Das kleine Singspiel selbst ist ächt französisch, leicht und freundlich gehalten, ohne daß man es übrigens mit Charakteristik und was darauf Bezug hat, zu genau nehmen müsse. Besonders gewinnt es gegen den Schluß an Lebendigkeit, und die Scene, wo das Kammermädchen, welches im Lotto – denn das Stück sollte eigentlich die Lottonummern heißen – dieselben Nummern als ihre Herrschaft besetzt hat, entdeckt, daß letztere mit diesen Nummern eine Quaterne, sie aber nichts gewann, wodurch denn die Entwickelung herbeigeführt wird, ist wahrhaft belustigend. Die Musik ist leicht und angenehm. Höchst erfreulich war es aber dem Publiko, daß Mad. Grünbaum in der Arie: „Nein, ich singe nicht, mein Herr u.s.w.“, den ganzen Zauber ihrer Stimme in den reizvollsten Modulationen und wundervollsten Verwebungen entfalten konnte. Enthusiastischer Beifall ward ihr dafür zu Theil. Gleichen hätte sie für die treffliche Romanze: „Wohl hatt’ ich Recht, den Jüngling stets zu meiden u.s.w.“ verdient, die sie mit unnennbarem Wohllaute in den seelenvollgehaltensten Tönen sang, aber man begnügte sich mit stiller Bewunderung.

Sämmtliche Mitspielende, Herr Grünbaum als Blinville, durch lebendiges Spiel, Dem. E. Zucker als Adele, durch wackern begleitenden Gesang, und Herr Metzner als Jackson, durch recht ergötzliche und den Charakter nicht überschreitende Komik, trugen zum Gelingen des Ganzen bei.

Th. Hell.

Apparat

Zusammenfassung

Aufführungsbericht Dresden: „Das Mädchen aus der Fremde“ von Willig (Ps.) und „Das Lotterielos“ von Isouard am 11. Mai 1817

Entstehung

vor 26. Mai 1817

Überlieferung

  • Textzeuge: Abend-Zeitung, Jg. 1, Nr. 125 (26. Mai 1817), Bl. 2v

    Einzelstellenerläuterung

    • Adelerecte „Betty“.

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