Aufführungsbesprechung Berlin, Opernhaus: „Silvana“ von Carl Maria von Weber am 4. Januar 1816

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Am 4ten Januar, im Opernhause: „Silvana“, heroische Oper in drei Aufzügen von F. K. Hiemer, in Musik gesetzt von Karl Maria von Weber.

Eine heroische Oper ist Silvana nicht, man müßte es denn für heroisch halten, daß zwei bewaffnete Männer, wovon der eine ein Ritter, sich vor einem weiblichen Wesen fürchten und der Ritter darnach schießen will; daß dieser Ritter ein Mädchen, vermittelst eines Schlaftrunks, entführt; daß ein anderer, heldenmüthiger Ritter, nachdem er sechs andere in den Sand gesetzt, sich vor ein | paar Knechten überwältigen läßt, und endlich, daß wieder ein anderer mächtiger Ritter und Graf, jenes schwache Mädchen, einmal durch ein Büttel enthaupten lassen, ein andernmal selbst erstechen will. Eher könnte die Oper eine romantische genannt werden, da, besonders Silvana´s wunderliche Lage und räthselhafte Stummheit, einen Anstrich von Wunderbarkeit und Zartheit haben, allein das Romantische ist nicht, wie es seyn soll, Grundlage und Gewand des Ganzen, sondern nur dürftige Beimischung, unterbrochen und durchwässert von fader Komik und alltäglich ernster Handlung. Was insbesondere den komisch sein sollenden Krips anlangt, so ist durchaus unerfreulich und schaal und er hat nicht den Witz, sondern der Witz hat ihn.

In der Musik ist überall das Streben nach Ausdruck unverkennbar und lobenswerth und einzelnes Schöne sehr erfreulich, aber wir vermissen mehrentheils jene Sicherheit und Klarheit, jene aufdringliche Wahrheit und jene anspruchslose Anmuth, welche den Zuhörer sogleich gewinnen und für die Dauer fassen. Das Ganze kränkelt an der Manier, dem noch nicht zur genialen Freiheit gediehenen Streben, welches uns allzuhäufig das Suchen und nicht immer Finden lebhaft fühlen läßt. Zu den gelungensten Stellen gehören: die Ouvertüre, das Zwischenspiel der Bässe zum ersten Chor, der Chor No. 3., die Begleitung der Pantomime No. 7., besonders durch die Zello´s und Bässe, das Finale No. 8., der doppelstimmige Satz im Duett No.9: – „es empört sich meine Seele –,“ das Allegro der Arie No. 10: – „doch Hoffnung soll mich nicht verlassen.“ – , die Arie No. 13: – „ich liebe dich!“ – und der Chor No. 16: – „nicht eine der himmlischen Kerzen“ -. Wider alle Natur und Wahrheit aber sind die Koloraturen und Läufe in der Arie No. 4. in der Stelle: – „dort find’ ich Ruh!“ – am Schluß des Duetts No. 9. in den Worten: – „diese Schmerzen sind mehr als Höllenpein“ – und in der Arie No. 13. an der Stelle: – „Ich liebe nur dich allein!“ – In dem gebetartigen Terzett No. 18: – „der sich erbarmend naht, Gott!“ – ist die Oberstimme zuletzt viel zu bunt und gegen Empfindung und Styl figurirt, obwohl recht sehr harmonisch. Auch die Recitative sind sehr mangelhaft. Z. B. in dem Recitativ No. 4. ist in der Stelle: – „Soll dies Herz nie Liebe finden!“ – das Wort nie unbetont gelassen und der ganze Akzent auf Liebe gelegt, mithin der Sinn gerade verkehrt, denn hier ist hauptsächlich von dem nie finden der Liebe, ¦ nicht von der Süßigkeit der Liebe, an sich, die Rede. An der Stelle: – „da plötzlich tritt ein schreckendes Gesicht vors Auge mir“ – liegt der Akzent auf dem Worte Auge statt auf den Worten: schreckendes Gesicht zu ruhn.

Die Darstellung war nicht sehr zu loben. Mlle Schmalz und Hr. Eunike führten ihre schwierigen Partien vorzüglich aus, nur verzierten beide die, ohnehin gezierte Musik, zu sehr und was Erstere anlangt, so ist es befremdend, daß wir, von einer so gewandten Sängerin, fast jedesmal, auch heute wieder, in der Stelle: – „nur Dir gehör ich an“ – in der Kadenz immer denselben Schluß, in 4, 2, 5, 1 hören müssen. Hr. Eunike sang besonders die Arie No. 13:- „ich liebe dich!“ – mit Zartheit und Innigkeit. Hr. Blume sang gut, für die Arie No. 17. fehlt es ihm aber noch an Tiefe; auch war er zu jung. Klara war unverständlich und Hr. Stümer nicht kräftig genug. Herr Wauer überladet den ohnehin schwachen Krips zu sehr und muß bei dem: „rumbidividibum“ die Stiefeln mehr schonen. Uebrigens gelingt ihm das parlante recht gut. Die Chöre gingen gut, allein der erste hinten auf den Bergen, wahrscheinlich nur nach dem Raum des Schauspielhauses berechnet, war nicht zu hören *).

Das Orchester spielte sich nicht ganz so wie sonst con amore und die bösen Hörner und Trompeten! Erstere fehlten beim Chor No. 3. und letztere am Schluß der Arie No. 4. und im Finale No. 13, bei der Stelle: – „führt dieses Schwert als Weiser &c.“ – gar sehr. Die Schwierigkeiten dieser Instrumente sind bekannt, aber sie sind doch nicht unbesiegbar! sapienti sat! – Der schwerfällige, kraftlose Marsch vor dem Finale des zweiten Akts könnte gewinnen, wenn er etwas schneller genommen würde.

v. G.

[Originale Fußnoten]

  • *) Silvana wurde früherhin von Mlle Maaß gegeben und ungern sehen wir sie durch eine, obwohl wackere, Tänzerin, ersetzt. So lange unsere Tänzerinnen noch keine Schauspielerinnen, so lange sie noch nicht in die höhere Pantomime eingeweiht sind, müssen sie an solcher Stelle stöhrend wirken; dagegen haben Madem. Maaß, Mad. Schulz, Madem. Eunike u. a. m. bewiesen, daß sie mit Anmuth und Leichtigkeit zu tanzen wissen, wie es überhaupt jeder dramatische Künstler, mehr oder minder, sollte.

Apparat

Zusammenfassung

Aufführungsbericht: Berlin vom 27.01.1816

Entstehung

Verantwortlichkeiten

Übertragung
Blümer, Simon

Überlieferung

  • Textzeuge: Dramaturgisches Wochenblatt in nächster Beziehung auf die königlichen Schauspiele zu Berlin, Bd. 1/2, Heft 4 (27. Januar 1816), S. 30–31

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