Aufführungsbesprechung Prag, Ständetheater, 29. März – 13. Juni 1814 (Teil 1/3)

Prag.

Den 29. März ist Mad. Schröder zur Freude der Verehrer ihrer Kunst zum ersten Mahle ¦ wieder nach ihrem Wochenbette, als Adelheid im Vehmgerichte von Klingemann aufgetreten. Man müßte einen Kommentar darüber schreiben, wie vortrefflich sie diese Rolle spielte. Sie ward enthusiastisch empfangen, und am Schlusse hervorgerufen.

Am 30. März Abbée de L’epée, worin Herr Brückl zum letzten mahle auf dem hies. Theater die Hauptrolle gab. Er geht nach Petersburg zu seiner Familie. Er führte diese Rolle, wie gewöhnlich, sehr brav durch, ward am Schluße hervorgerufen, und sprach eine von ihm selbst verfaßte Abschiedsrede in Versen. Dlle Brand gab den Taubstummen mit Kunst und Natur.

Am 4. April gab Herr Karl Maria v. Weber hies. Kapellmeister eine Akademie im Theater, die sich durch nichts Besonderes, als durch die Wenigket der Menschen, die im Thearer waren, auszeichnete. Unter einer Menge von sehr uninteressanten Musikstücken war nichts bemerkungswerth als eine Scene aus der Oper Giul[i]etta e Roméo, die Herr Paolo Leoni, ein Schüler Crescentinis, sehr brav sang.

Am 5. April war eine musikalisch deklamatorische Akademie zum Vortheile der barmherzigen Brüder im Redoutensaale. Mad. Schröder sprach darin das Gedicht von Körner:»Mein Vaterland« so vortrefflich, daß sie es wiederhohlen mußte.

Am 11. April kam die Nachricht von dem Einrücken der verbündeten Mächte in Paris hier an, für diesen Tag war zum Erstenmahl: der Schutzgeist, dramatische Legende in 6 Aufzügen, nebst einem Vorspiel angekündet. Herr Liebich trat vor dem Beginnen des Stückes hervor, und las unter einem nicht zu beschreibenden Jubel die erfreuliche Kundmachung. Das Stück zeigte allegorisch die Ereignisse unserer Zeit. Trotz dem, daß | es früher war angekündigt worden, schien es: als ob es für diesen Tag geschrieben worden wäre. Berengar, König von Italien, von Herrn Wilhelmi vortrefflich gegeben, versinnlichte einen jetzt gestürzten Eroberer. Mad. Löwe als Adelheid, verwittwete Königinn von Italien, Dlle Brand als Schutzgeist, und Herr Bayer als Markgraf Azzo, waren des höchsten Lobes werth.

Am 14. April war zum Vortheile des Herrn Polawsky: der Westindier, Lustspiel in 5 Aufzügen, neu bearbeitet von Kotzebue. Das Stück ging sehr gut. Herr Valet, neu engagiertes Mitglied, zeigte als Capitain Dudley den gewandten Schauspieler. Wir bedauern, daß die Einnahme nicht so vortheilhaft war, wie sie den Verdiensten eines so braven Künstlers, als Polawsky ist, gebührt hätte.

Am 13. April gab Mad. Schröder auf Verlangen ein Deklamatorium im Redoutensaale. Mad. Schröder mußte das Gedicht von Körner, »mein Vaterland« wieder zweymahl sagen. Ein Gedicht von Herrn Professor Mikan, die Befreyung Europas in Paris, erregte großen Enthusiasmus. Wir schweigen von den andern Gedichten, die Mad. Schröder vortrug, weil wir das gerechte Lob über ihren Vortrag schon ausgesprochen haben.

Am 15. April, zur Geburtstagsfeyer, Sr. Durchlaucht des Feldmarschalls Schwarzenberg bey vollkommen erleuchtetem Hause: »der Schutzgeist,« dem ein Prolog, von Herrn Passy verfaßt, vorausging. Die dazu passende Dekoration war sehr schön.

Am 16. April waren die Stricknadeln. Mad. Schröder gab die Baroninn darin, und zeigte ihre Meisterschaft im Konversationstone; sie ward vorgerufen. ¦

Am 19. April war z. E. die Oper Aline. Dlle Brand als Aline wird diese Rolle, überall, wie hier, mit dem größten Beyfall spielen. Hr. Grünbaum als Graf Carlo sang sehr schön. Dekorationen und Ballets waren vorzüglich.

Am 26. April war zum Vortheile der Mad. Brede, die das hiesige Theater verläßt, um eine Kunstreise zu machen, das Kamäleon, und der grüne Domino. Mad. Brede als Irmene zeigte uns fühlbar den Verlust, den wir durch ihren Abgang erleiden. Eben so, als Pauline, im grünen Domino. Herr Lieblich als Baron Breitenfeld wird in dieser Rolle, schwerlich von einem Schauspieler Deutschlands übertroffen werden. Herr Allram als Dichter Schulberg, war für diese Rolle zu alt, es wäre besser gewesen, wenn sie Herr Gerstl gegeben hätte. Dlle Brand als Marie im grünen Domino, gab diese Rolle sehr liebenswürdig. Mad. Brede ward stürmisch hervorgerufen, und gab uns die erfreuliche Versicherung, daß wir sie vielleicht nach einiger Zeit wieder sehen würden.

Am 1. May waren die Räuber, worin Herr Mattausch von Berlin als Karl Moor auftrat. Herr Mattausch bewies: daß er nichts von der Kraft, seinen alten Ruhm zu behaupten, verloren habe. Als ein großer Künstler und geborner Prager, ward er gleich bey seinem ersten Auftritt lärmend empfangen. Das Stück ging sehr gut, man sah bey den Schauspielern das gelungene Streben den geehrten Gast würdig zu umgeben. Mad. Löwe gab die Amalie hinreißend schön. Herr Wilhelmi war als Franz Mor bewunderungswürdig. Herr Lieblich versinnlichte die rohe Kraft und Güte des Schweizers. Herr Passy gab den Kosinsky sehr brav.

(Die Fortsetzung folgt.)

Apparat

Entstehung

Verantwortlichkeiten

Übertragung
Charlene Jakob

Überlieferung

  1. Wiener Theater-Zeitung, Jg. 7, Nr. 69 (11. Juni 1814), S. 275–276

Einzelstellenerläuterung

  • Wenigketrecte „Wenigkeit“.
  • Thearerrecte „Theater“.
  • Lieblichrecte „Liebich“.
  • Lieblichrecte „Liebich“.

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