Helmina von Chézy an Karl Theodor Winkler
Dresden, Dienstag, 14. Mai 1822

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Die Zeit wird mir lang, verehrter Freund, bis ich wieder von Ihnen etwas höre. Sie sehn, ich bin noch immer nicht weggekommen. Dresden ist ein strenger Herzenmagnet, der nicht einmahl Urlaub, geschweige Abschied giebt.

Ich sende Ihnen eine neuerdings umgearbeitete Szene, aus dem wiederum ganz umgeschmolzenen Galan Fantasma*. lassen Sie ihn an Vesportions Hand erscheinen, so ist ihm viel Liebe voraus gewonnen. Der Mensch, sagt Jean Paul thut lieber mehr, als seine Pflicht, als seine Pflicht*. | So male ich es indem ich noch nicht so geschickt gewesen einen Ihrer mich recht fremden Wünsche zu erfüllen, hingegen Ihnen zeige, daß ich weder meines Freundes, noch seines blühenden Töchterleins vergesse.     Auch die Euryanthe liegt im Schmelztiegel, der erste Akt ist nun rein heraus gekommen, u. ich werde ihn Ihnen schicken. Wollte Gott, der Zweyte wäre fertig. |

Wenn man doch gleich ins Denken ohne Hand schreiben könnte – Sprache soll ungefähr das seyn, besonders bey Unsereinem, wie Sie u. ich, die nicht mit, ich glaube Larochefoucald sagen: La parole est un art, inventé pour cacher la pensée*.

Empfangen Sie meinen innigsten Frühlingsgruß, hätte ich ein Lied, Sie sollten es haben, aber noch hab ich keines.
Von ganzer SeeleIhre redliche Freundin
Helmina Ch.

Editorial

Summary

über Umarbeitung ihrer Calderon-Übertragung (Galán fantasma) und Fertigstellung vom 1. Akt Euryanthe, den sie ihm schicken will

Incipit

Die Zeit wird mir lang verehrter Freund

Responsibilities

Übertragung
Eveline Bartlitz

Tradition

  • Text Source: New Haven (US), Yale University, Beinecke Rare Book and Manuscript Library (US-NHub), Winkler Collection

    Physical Description

    • 3 S.

    Commentary

    • “… wiederum ganz umgeschmolzenen Galan Fantasma”Calderóns Schauspiel E Galán fantasma übersetzte bzw. bearbeitete H. von Chézy mehrfach; eine erste Version hatte sie bereits im November 1816 Goethe zur Beurteilung übersandt. 1821/22 entstanden zwei weitere Versionen, um deren Aufführung sie sich intensiv bemühte; zu weiterführender Literatur vgl. Weber-Studien Bd. 10, S. 24.
    • “… seine Pflicht, als seine Pflicht”“Der Mensch thut lieber mehr wie seine Pflicht als seine Pflicht” aus Jean Paul, Die unsichtbare Loge. Eine Biographie, Bd. 1, Berlin 1793, S. 208.
    • “… inventé pour cacher la pensée”Vermutlich ein Versehen; in François de La Rochefoucaulds Reflexions ou Sentences et maximes morales heißt es richtig: “La gravité est un mystère du corps, inventé pour cacher les défaults de l’esprit.” Gemeint ist wohl das Charles-Maurice de Talleyrand-Périgord zugewiesene Zitat: “La parole a été donnée à l’homme pour déguiser [bzw. pour chacher] sa pensée.”.

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