Carl Maria von Weber an Johann Friedrich Rochlitz in Leipzig
Dresden, Samstag, 12. Februar 1820

Nein! Heute, an diesem mir so theuren, hoch lieben Tage muß die Zeit genommen werden, wenn auch nur in wenigen Worten meinem so sehr verehrten Freunde meine herzlichsten innigsten Glükwünsche zuzurufen, und den Himmel zu bitten daß noch lange Jahre er mir dieselbe Freude gönnen möge.      Könnte ich Sie heute doch nur einen Augenblik an mein Herz drükken, und Sie fühlen laßen mit welcher treuen Anhänglichkeit und Liebe es Ihnen ergeben ist. aber es ist wohl gut daß auch in der Ferne Sie sich so geliebt wißen, denn in Ihrer Nähe und um Sie herum, welch fröhliches Gewimmel mag da heute sein.      Es ist mir eine große Lust das im Geiste auszumalen, denn es sind meine liebsten, ja fast einzigen Freuden, die mir Theuren froh und glüklich zu wißen und zu sehen. ich sezze voraus daß Sie gesund sind liebster Freund. ich bin nahe daran meine Gesundheit wieder zu verliehren. Wie gerne möchte ich Heute blos Fröhliches, dem theilnehmenden Freund auch blos Erfreuendes berichten können. Aber es ist nun einmal nicht so. ich habe Ihnen lange nicht geschrieben. ich dachte immer ich müßte einmal Gutes berichten können.      Zu Anfange des Jahres ließ es sich fast so an, aber nun ist es wohl wieder für lange entschwunden.      Ich muß weit ausholen. im July 1819 schrieben wir uns zum leztenmale. Sie thaten eine Reise zur Erholung, ich trat neu ins Leben mit vieler Arbeit, die mir aber nach und nach gelang und mit Lust von der Hand gieng. Anfangs 7b zog ich wieder nach der Stadt wo mich sogleich eine Anmaßung des H: Morlachi empfieng der mich gerade zu durch den KapellDiener bestellen ließ, in seiner Woche den KirchenDienst zu thun. das gieng so weit daß wirklich horribile dictu eine Meße ohne KapellMster aufgeführt wurde. S: M: der König war aber gerecht, billigte mein Betragen und H: M: wurde gepuzzt. Kaum war dieß vorbey so machte meine arme immer noch kränkelnde Lina in der Nacht des 30t 7br Fausse Couche. bekam kurze Zeit darnach, kaum wieder so weit erholt um außer dem Bette sein zu können ein heftiges Schleimfieber, und so theilte sich meine Zeit abermals zwischen Sorge, Arbeit, und Krankenpflege. |

Sehr langsam erholte sich mein geliebtes Weib wieder. da mußte ich mit allem Fleiße mich zu meiner Jägersbraut wenden die im März 1820 in Berlin aufgeführt werden sollte. dazwischen kam Spohr, und eine Krankheit Schuberts die mir verdoppelten Kirchendienst brachte. doch hatte ich Ende Xbr 2 Akte fast gänzlich vollendet.      Unterdeßen hatte auch H: Morlachi von S: Majestät für die Friedrichs Vermählungs Kantate eine goldne Dose bekommen. ich für meine früheren – – – .      Zu Neujahr that ich abermals einen Schritt mich mit Morlachi zu verständigen. und siehe da es gelang zu meiner großen Freude. wir sprachen uns recht aus, erörterten manche Mißverständniße, unsre Dienst Verhältniße pp betreffend, und gaben uns das Wort beim ersten Anschein von Verdruß uns offen zu befragen. –      Was geschieht? das Unerhörte.

ich führe Meyerbeers Emma di Resburgo auf. und Schreibe wie gewöhnlich einige Worte darüber in der Abend-Zeitung und bemerke darin unter anderm daß doch jezt der MusikGeschmak in Italien sehr verdorben sein müste.      |: ich bitte Sie den Aufsaz in der Abend-Zeitung nachzulesen :| über wegen dieser Kunstmeynung, geht H: Morlachi ohne mir oder seinem Cheff ein Wort zu sagen an die höchste Staatsbehörde, an den Graf Einsiedel, und verklagt mich bei ihm Namens aller Italiener.      Haben Sie je eine lächerlichere, tollere Anmaßung erlebt? S: Exzellenz laßen mich aufs Kabinett rufen, und ersuchen mich, ich kann wohl sagen auf die achtungsvollste freundlichste Weise, diesen reizbaren Menschen zu schonen. ich solle sein als krank betrachten pp

Das ist alles recht schön, aber Minister bleibt Minister, Kabinet, Kabinet, und in den Augen dieser Leute bin ich zurechtgewiesen worden. ich habe also nochmals an Se Exzellenz geschrieben, und gebeten daß diese Leute von Seiten S: Maj: des Königs in ihre Schranken gewiesen werden.      Wo | sind die Gränzen hinter denen man sich solcher Anmaßung gegenüber sicher weiß? ist nicht alle künstlerische Existenz dadurch gefährdet? – –       ich bin auf das äußerste gefaßt und vielleicht ist dieß eine Gelegenheit einmal S: Majestät zu eröffnen wie unerhört diese nur durch Unwißenheit Dünkel und Ränke ausgezeichneten Menschen seine Gnade mißbrauchen, und die öffentliche Meynung über seine gewiß hohe Gerechtigkeit irre machen möchten. doch ich vertraue ruhig der Einsicht und Gerechtigkeit unsers erhabenen Fürsten. –

Meyerbeers Emma hat meinem KünstlerGefühl einen schmerzlichen Stoß gegeben.      Wie kann man so um Beifall buhlend seine ganze Eigenthümlichkeit verleugnen, und als Roßinischer Nachäffer sich mit Gewalt auf eine niedrige Stuffe stellen. Wie viel hoffte ich von Meyerbeer den Talent und Glük so ganz unabhängig von allen Dingen machen die gewöhnlich den Künstler drükken.      dahin kann also übel verstandener Ehrgeiz führen.      ich bin recht traurig und im Herzen verlezt darüber. ich werde bald so allein in der Welt stehen mit meinem reinen Willen für die Kunst, daß mir fast graulich zu Muthe werden möchte. Nun! Gott wird mir auch ferner Kraft schenken das Rechte nach Ueberzeugung zu thun.

Für die gesendeten Lieder danke bestens. glauben Sie aber daß ich mich recht entschließen kann eins zu Papiere zu bringen? obwohl manche Melodien dazu sich in mir kreuzen? daran sind Sie aber selbst Schuld.      Mein höchstes Streben geht immer dahin den Dichter zu befriedigen wo möglich zu erfreuen. das ist nun hier unmöglich, denn sagen Sie was Sie wollen von Ihrer Unbefangenheit, es gränzt ans Unmögliche daß Sie wahrhaft zufrieden mit einer andern Musik sein können als mit der die das Lied zu gleich gebohren und erzeugt, Eins in Einem mit ihm ist.

Herrn Spontinis Olimpia hat in Berlin vor der Hand meine Oper zurükgedrängt. daß ist mir lieb einestheils denn die neuesten Ereigniße haben mir keine Stimmung zur Vollendung gegeben.      Vielleicht wird nun das neue Haus damit eröffnet.

Wenn ich so meinen Brief übersehe, fühle ich wohl welch trübes Geburtstags Geschenk ich Ihnen darbringe. aber, es ist das volle Herz des Freundes.

Es versteht sich von selbst daß meine Lina ihre treusten Wünsche mit mir vereint, und sie auch Ihrer hochverehrten Gattin darbringt.

Bey H: und Fr: von Gutschmidt mögen Sie wohl ein gutes Wort für mich einlegen, daß er mir nicht zürnt. Ein freundlich lieber Brief von ihm liegt noch unbeantwortet vor mir. und ach! so viele andre.

Nun nochmals Gottes besten Seegen über Sie alle, und gedenkt gern des treuen Freundes CMvWeber

Editorial

Summary

gratuliert R. z. Geburtstag; berichtet ab Juli 1819: Ärger mit Morlacchi wegen Kirchendienst, Fehlgeburt u. Krankheit seiner Frau; Arbeit an Jägersbraut, Krankheit Schuberts, Versöhnung mit Morlacchi u. erneute Auseinandersetzung wegen Meyerbeer-Artikel; Enttäuschung über MB’s Emma u. Klage über dessen neue Richtung; dankt für übersandte Lieder, drückt sich vor Vertonung, da er fürchtet R’s Ansprüche nicht zu erfüllen; über die Aussichten seiner Oper in Berlin

Incipit

Nein! Heute, an diesem mir so theuren Tage

Responsibilities

Übertragung
Eveline Bartlitz; Joachim Veit

Tradition

  1. Morlanwelz-Mariemont (B), Musée de Mariemont, Bibliothèque (B-MA)
    Shelf mark: Aut. 1139/b

    Physical Description

    • 1 DBl. (4 b.S. o.Adr.)

    Provenance

    • Schulz, O.A., ? (März 1906) = Angabe nach Haine
    • Schulz, O.A., AK 27 (1902), Nr. 853
    • List & Francke, 1. März 1897, Nr. 1901
    • Schulz, O.A. (Leipzig) AK 19 (1890), Nr. 670
    • List & Francke, 26. Nov. 1888, Nr. 2264

    Corresponding sources

    • Pinsart, Gérard, Ces musciens qui ont fait la musique: autographes et documents musicaux du XVe au XXe siècle, Morlanwelz: Musée de Mariemont, 1985, S. 108–112
    • Haine, Malou: 400 Lettres de Musiciens au Musée de Mariemont, Liège 1995, S. 153–155 (deutsch) bzw. S. 151–153 (frz.), Kommentar S. 155–156

Text Constitution

  • “und”crossed out.
  • “über”crossed out.
  • “wegen”added above.

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