Carl Maria von Weber an Gottlob Roth in Dresden
Göttingen, Dienstag, 15. August und Hannover, Samstag, 19. August 1820

Back

Show markers in text

Absolute Chronology

Preceding

Following


Direct Context

Preceding

Following

Mein lieber Freund!

Man kann auf der Reise gar nicht zu Athem kommen, geschweige denn zum Briefschreiben. Heute sind es gerade drei Wochen, daß ich Dresden verließ, und es ist wohl Zeit, daß Sie erfahren, wie es uns geht. Ich kann Gottlob sagen, gut. Mein Concert in Halle am 31. July war trotz der drückenden Hitze und anderer, Abhaltung bietender Dinge, äußerst voll. Denselben Abend noch brachte mir die gesammte Universität ein Ständchen, wo sie meine Körnerschen Lieder kräftig und mächtig sangen. Ich war in Gesellschaft der ersten Professoren, des Kanzlers, pp. und wurde sehr durch diesen Beweis von Achtung und Liebe gerührt. Ein paar Tage im Alexisbade verlebt, gaben herrlichen Naturgenuß. Ich kam eben zu Hermstedts Concert* und mußte selbst auch eine musikalische Unterhaltung geben*. Es ist unglaublich, was für Enthusiasmus für die Kunst in Thüringen herrscht und welche gründlich unterrichtete Dilettanten da gefunden werden. In Braunschweig hielt ich mich wegen der Messe nur drey Tage auf, und bin ich nun hier um übermorgen, wie schon lange bestimmt war, Concert zu geben.

Es wunderte mich sehr hier gar keine Briefe vorgefunden zu haben, sollten wirklich in dieser ganzen Zeit keine für mich in Dresden eingelaufen sein? Ich bitte von nun an alles nach Hamburg Post restante zu schicken. Manche Anectodte wird es zu erzählen geben. An meinen guten Fürstenau sagen Sie alles herzliche. Seine Vorsorge bahnt mir sehr zweckmäßig alle Wege. Viel Briefe werden nicht von mir zu erwarten sein, desto barmherziger solltet aber Ihr Dresdner sein und bedenken, wie sehr ich zu erfahren verlange, was da geschieht und wie es meinem Freunde geht.

Grüßen Sie mir alle, die sich meiner erinnern wollen, freundlichst, schreiben Sie mir bald und viel, und glauben Sie immer Ihrem Freund
C. M. v. Weber.

Da es nicht gleich Posttag war, um diese Zeilen abgehen zu lassen, so erhielt ich zu meinem großen Vergnügen Ihren lieben Brief vom 10. huj. den 14. in Göttingen und verschob nun das Absenden bis hierher, um Ihnen antworten zu können. Mein Concert in Göttingen* war drückend voll. Nach dem Concert sangen auch hier 80 Studenten, die eine Sing-Akademie bilden, mir Lützows wilde Jagd und brachten mir nebst den Anderen ein 3maliges jubelndes Vivat, welches sich, nachdem ich mit Ihnen gesprochen, noch oft wiederholte. Dieselbe Nacht noch packte ich ein, und fuhr gestern hierher. Die viele Anstrengung und drükkende Hize haben mich aber etwas angegriffen; ich war gestern und heute sehr unwohl, in diesem Augenblick geht es mir aber schon wieder viel besser, auch meine gute Tina theilte meine Unpäßlichkeit. Hier ist in diesem Augenblikke nichts zu thuen, und ich gehe Morgen früh nach Bremen ab. Die Dresdner Tagesneuigkeiten amüsieren mich sehr, und ich bitte damit fortzufahren. Das Buch haben Sie die Güte zu öffnen und mir den allenfalls beiliegenden Brief zu senden, das Buch aber an sich zu behalten.

Dem armen Fürstenau bezeigen Sie mein herzlichstes Beileid wegen seiner Augen. Alles Schöne an Fräulein Biernopka, die nun wohl schon einen Brief meiner meiner Frau erhalten haben wird. Ich habe leider noch nicht einmal an unseren verehrten Scheff schreiben können. Diese flüchtigen Zeilen sind die ersten und einzigen die bisher aus meiner Feder flossen. Entschuldigen Sie mich daher ja bei allen meinen Freunden, die Sie zu sehen bekommen, Freund Kind, Böttger. Eigentlich habe ich auch nichts zu schreiben, denn wenn ich alle Güte und Enthusiasmus mit dem ich überschüttet werde, erzählen wollte, müßte ich wahrhaft lächerlich als Prahlhans erscheinen. Wenn ich denn überall so viel Feuer finde, so tröste ich mich damit, daß in Dresden manche Kühlung zu finden ist.

Meine Frau grüßt freundlichst, und ich bin wie immer Ihr alter Freund
C. W. v. Weber.

Editorial

Summary

berichtet im 1. Teil über Konzerte und Ständchen in Halle, Hermstedts Konzert in Alexisbad, Weiterreise über Braunschweig nach Göttingen; bittet weitere Post nach Hamburg zu senden; 2. Teil: über erfolgreiches Konzert in Göttingen und Studenten-Ständchen; bittet Roth, ihn weiter mit Dresdner Neuigkeiten zu versorgen; Grüße an Dresdner Bekannte

Incipit

Man kann auf der Reise gar nicht zu Athem kommen

Responsibilities

Übertragung
Eveline Bartlitz; Joachim Veit

Tradition in 2 Text Sources

  • 1. Text Source: Verbleib unbekannt

    Provenance

    • Henrici Kat. 123 (29.9. 1927), Nr. 430 (= Slg. Heyer III)
    • Liepmannssohn Verst. 35 (26.-27. Mai 1905), Nr. 1022

    Corresponding sources

    • tV: MMW II, S. 248–249
  • 2. Text Source: Anonym, Ungedruckte Briefe Carl Maria von Webers, in: Allgemeiner Anzeiger, Nr. 162 (12. Juni 1904) 6. Beiblatt

    Corresponding sources

    • Unbekannte Briefe Karl Maria von Webers, in: Neue Musik-Zeitung, Jg. 26 (17. August 1905), pp. 487–489

Text Constitution

Textwiedergabe nach dem Druck 1904

  • “Tina”sic!
  • “W.”sic!

Commentary

  • “… kam eben zu Hermstedts Concert”Am 3. August 1820.
  • “… auch eine musikalische Unterhaltung geben”Am 6. August 1820.
  • 14.recte “17.
  • “… können. Mein Concert in Göttingen”Am 17. August 1820.

    XML

    If you've spotted some error or inaccurateness please do not hesitate to inform us via bugs [@] weber-gesamtausgabe.de.