Carl Maria von Weber an Julius Benedict in Dresden
Hosterwitz, Dienstag, 22. Juni 1824

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Mein lieber Julius.

Es drängt mich, vor unserem Scheiden noch mit ihnen zu sprechen und ihnen schriftlich im wesentlichsten das zu wiederholen, was ich so unzähliche mal mündlich eindringlicher und ausführlicher ihnen ans Herz zulegen gesucht habe. dadurch

Daß sie mein Schüler geworden, hat gab meinem Gefühl die Pflichten für Ihr Wesen überhaupt, denn ich kann die Kunst nicht vom Menschen trennen der in ihr lebend, erst recht eigentlich das ganze Leben ehren lehren lernen soll.      Sie wißen wie sehr ich jene sogenannte Genialität verachte die in denen Künstlerleben einen Freibrief für alles zügellose Treiben und das Verlezzen alles sittlich und bürgerlich Achtungswürdigen zu besizzen glaubt. und am Ende ist mir ein tüchtiger Philister noch lieber als so ein nur zufällig die Trüffel auffindendes Schwein.

Es ist keine Frage daß das sichHingeben die Phantasie weckt, das Einwiegen vorsäzliche und nothwendige Einwiegen in jene bunten Träume, sich nur gar zu gerne in das wirkliche Leben überträgt., Es ist gar zu süß sich so ganz gehen zu laßen. zu können, — aber hier muß sich nun die eigentliche Kraft des Menschen bewähren ob Er die Geister beherrscht und sie nur frey walten läßt in dem ihnen von ihm gezogenen angewießnen Zauber Kreise, oder ob er von ihnen beseßen sich als Wahntoller Derwisch zum Preiß des Gözzendienst dreht.

Um diese dämonischen Einwirkungen aber zur reinen Begeisterung zu läutern, ist beharrlicher Fleiß der erste Zauberspruch.      Wie thörigt ist es zu glauben daß das ernste Studium der Mittel den Geist lähme,      nur aus der Herrschaft über dieselben geht die freye Kraft, das schöpferische hervor. daß nicht ängstlich um den Ausdruck verlegen ist, nicht nur vertraut mit allen schon betretenen Bahnen, und frei sich auf ihnen bewegend, kann der Geist neue finden. 32 Monate, gab ich Ihnen Unterricht.* Alle Erfahrungen die mir der Himmel erlaubt zu machen habe ich unverhüllt Ihnen mit jener Lust dargelegt die so gerne dem Freunde selbst ertragene Mühen erspart.      Kann ich Sie nun mit jener Beruhigung entlaßen, daß Sie dieß alles in sich aufgenomen haben? kann ich sagen hier steht einer der das seinige gelernt hat, und was nun Welt und Umstände aus ihm bilden werden für Leistungen grünen anmuthen werden, er kann ihnen Rede stehen. der Grund ist fest! — ?

Lieber Julius, Sie haben so viel Scharfsinn, so viel Ehrgeiz, so viel Talent, sie versündigen sich gegen Gott, Eltern, Kunst, sich und mich, wenn sie sich ferner in diesem träumerischen Forttaumeln überlaßen, wenn Sie nicht lernen mit fester Beharrlichkeit und jener Ordnung die allein eine wahrhaft ehrliebende Seele kund giebt, der Welt und in der Welt zu leben.      Ihre Unzuverläßigkeit Ihre Nichtachtung alles Versprechens und Bestimmens ist zum Sprichworte unter allen Ihren Bekannten geworden, Wie wird Es ist die Zierde des Mannes der Sklave seines Wortes zu sein. Glau täuschen Sie sich nicht mit dem Wahn man könne in sogenannten Kleinigkeiten unwahr und unzuverläßig sein und bei bedeutenden Dingen das Gegentheil sein.      die ersteren machen das Leben aus, und geben dem Zuschauer den Maaßstab, und die furchtbare Macht der Gewohnheit läßt später selbst den besten Willen nicht zur That werden.

Wie können Sie je hoffen bei dieser Lebensweise je als Vorgesezter wohin empfohlen zu werden, oder sind sie es geworden, auch nur einen Funken Achtung ihrer Untergebenen zu erhalten.      Wer in dem Fall ist sich ewig entschuldigen zu müßen, wird der nicht am Ende auch sich gezwungen sehen, unwahr zu werden?

Habe ich es z: B: durch Vorstellungen, Bitten, Strenge, Beschämungen pp z: B: je dahin bringen können daß Sie zur bestimmten Stunde gekommen wären?      Haben Sie die Ihnen von Ihren besorgten Eltern gewiß mit Aufopferungen erkaufte Zeit Ihres Aufenthaltes bei mir so benuzt daß Sie mit ruhigem Gewißen ihnen entgegen treten können?      Bestimmt mich nicht eben blos dieses Verschleudern der kostbaren Zeit, sie unsre Verbindung aufzuheben, weil es nach gerade mir zur Gewißenssache wird Ihrer Eltern Ausgaben zu häufen ohne bedeutende Resultate sehen zu können gewiß zu sein?

Mein lieber Julius, so sehr es Sie verlezzen schmerzen mag dieß alles nochmals von mir zu hören, mich kränkt es gewiß noch tiefer.      Sie sind ein Theil meines Ichs geworden, sie stehen mir so nahe, und dieß muß solches muß ich ihnen noch sagen?

Ich vertraue aber auf den, der alles zum Guten lenkt. In jedem Leben giebt es Wendepunkte die für die ganze Dauer deßelben entscheiden.      Laßen Sie einen solchen eintreten.      Legen Sie sich einen die Kraft auf herausfodernden Mangel auf, sezzen sie ihre Ehre darein selbstständig zu sein, und reichlich werden Sie sich durch ihr Selbstgefühl für alle Entbehrungen entschädigt und belohnt fühlen.

Ich umarme Sie von Herzen, und gebe Ihnen meine innigsten Wünsche auf den Weg mit.      Mögen Sie alles hier Gefürchtete unwahr machen, und mir einst von der Höhe herab die Hand reichen können.
Des Himmels besten Segen über Sie von Ihrem treuen
Lehrer und Freund
CMvW:

Editorial

Summary

Schreiben Webers an seinen Schüler zum Ende von dessen Unterrichtszeit; bemüht sich, Benedict zu einem besseren Lebenswandel zuzureden und zu einem Neuanfang zu bewegen

Incipit

Es drängt mich, vor unserm Scheiden noch

Responsibilities

Übertragung
Joachim Veit

Tradition

  • Text Source: Draft: Berlin (D), Staatsbibliothek zu Berlin – Preußischer Kulturbesitz, Musikabteilung (D-B)
    Shelf mark: Mus. ms. autogr. theor. C. M. v. Weber WFN 6, Mappe XIV, Bl. 82a/v;82b/r

    Physical Description

    • von fremder Hand (Blei) am Beginn Absatznumerierung: 1-4 , Notiz am Rand: “abgeschr.” und ganzer Text schräg: durchgestrichen

    Corresponding sources

    • HellS I, S. XXVIII–XXXI (unter "Lieber Emil", dat. 24. Juni)
    • MMW II, S. 574–576 (unter 23. Juni)
    • KS 154, S. 50–52
    • Groschke, Carl: "Carl Maria von Weber als Lehrer", in: Die Musik, 5. Jg. Heft 17 (Juni 1906), S. 337–340 (unter "Emil")
    • AmZ, Neue Folge, Jg. 3, Nr. 33 (16. August 1865), Sp. 547 (o. D.)
    • Laux, Karl: Kunstansichten. Wilhelmshaven 1977, S. 239–340
    • Worbs 1982, S. 122–123 (unter "1824")

Text Constitution

  • zu“gelegt habe” crossed out and replaced with “zu”.
  • “dadurch”crossed out.
  • “hat”crossed out.
  • gab“gibt” overwritten with “gab”.
  • “die”crossed out.
  • “ganze”added in the margin.
  • “lehren”crossed out.
  • sehr“scharf” overwritten with “sehr”.
  • “das”added above.
  • “und am Ende ist mir ein tüchtiger Philister noch lieber als so ein nur zufällig die Trüffel auffindendes Schwein”crossed out.
  • “sich”added above.
  • s“ß” overwritten with “s”.
  • “Einwiegen”crossed out.
  • bunten“süßen” crossed out and replaced with “bunten”.
  • trägt“tragen” overwritten with “trägt”.
  • “zu”added above.
  • “zu können”crossed out.
  • “nur”added above.
  • “angewießnen”added above.
  • “Zauber”crossed out.
  • sich als Wahntoller Derwisch“nur ein Fakir” crossed out and replaced with “sich als Wahntoller Derwisch”.
  • “daß nicht ängstlich um den Ausdruck verlegen ist, nicht”crossed out.
  • 32 Monate, gab ich Ihnen Unterricht.“Ueber 34 Monate sind Sie in meiner Nähe.” crossed out and replaced with “32 Monate, gab ich Ihnen Unterricht.”.
  • “so”added above.
  • S“s” overwritten with “S”.
  • “aus”crossed out.
  • “bilden werden”crossed out.
  • “grünen”crossed out.
  • “in”crossed out.
  • “Wie wird”crossed out.
  • “Glau”crossed out.
  • in“ihr” overwritten with “in”.
  • “sein”crossed out.
  • “je”crossed out.
  • erhalten“haben” overwritten with “erhalten”.
  • “z: B:”added above.
  • “z: B:”crossed out.
  • “sie”crossed out.
  • “sehen zu können”overwritten.
  • “verlezzen”crossed out.
  • “dieß muß”crossed out.
  • “auf”crossed out.
  • “Sie”added in the margin.
  • Gefürchtete“Gesagte” overwritten with “Gefürchtete”.

Commentary

  • “… Monate, gab ich Ihnen Unterricht.”Laut Tagebuch erhielt Benedict seine erste Lektion bei Weber am 7. März 1821.

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