Correspondenz Nachrichten aus Prag von Ende März 1817 (Teil 2 von 3)

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Aus Prag (Fortsetzung). Ende März 1817.

Mad. Junghans verdient unter die vorzüglichen komischen Mütter gerechnet zu werden und wird immer mit gerechtem Beifalle gesehen. Ueberhaupt ist es ein charakteristischer Zug der deutschen Bühne, daß unsere Schauspielerinen früher als anderswo ins Mutterfach übergehen, und wir meist gute Mütter besitzen

Mad. Sonntag ist eine denkende Künstlerin voll Gefühl, und einzig durch fleißiges Selbststudium zu dem geworden, was sie ist. Nebst ihrem eigentlichen Fache, den Heldinnen im Trauerspiel, übernimmt sie mitunter launige Rollen im höhern Lustspiel und entspricht auch in diesem Gebiete den Foderungen der Kunst, und erntet beinahe eben so viel Beifall als Sophie in der Aussteuer, wie als Rosamunde Klifford, Ophelia oder Elisabeth von Valois und Johanna Laud ein.

Mad. Waldmüller, zweite Sängerin, besitzt eine sehr schöne und kräftige Stimme, zumal in den untern Tönen, doch fehlt ihr leider die Gewalt darüber und nicht selten wird sie deren nicht Herr, und an Methode und Gewandtheit des Vortrages fehlt es ihr ganz.

Herr Allram ist ein sehr brauchbarer und gewandter Komiker, zwar nicht im umfassendsten Wirkungskreise, aber vorzüglich im Fache der Hausmeister, Dorfrichter, Juden u. s. w. Seine Darstellungen des Hausmeisters im Sonntagskind, Hrn. v. Borthal im Rochus, Dutreillage in den vornehmen Wirthen, Dupperich in den Quälgeistern, Eilmann im Hausdoctor u. m. a. sind in der That vollendet.

Herr Bayer spielt Helden- und Charakterrollen mit ausgezeichneter Kraft, Umsicht und männlicher Würde und ist jetzt doppelt erfreulich, da er zwei große Fehler, absichtliche Manier und Kraftverschwendung, gänzlich abgelegt, und sich dagegen eine wahre künstlerische Ruhe anzueigenen gewußt hat. Sein Dunois in der Jungfrau, Macbeth, Othello, Leicester in Maria Stuart, Fiesko, Hamilton in Partheienwuth u. s. w. sind sehr gelungene Darstellungen. Seit Herr Bayer Regisseur ist, hat er sich meistens dem Fache der edlen Väter zugewendet, und schon sein erster Versuch (Alfons im Hause Barcellona) beurkundete hinlänglich, wie viel man sich darin von ihm zu versprechen habe.

Herr Gerstel ist ebenfalls ein braver komischer Schauspieler, doch in seinem eigentlichen fache fast zu nahe mit Allram verwandt, daher sich beide in ihren Rollen kreuzen, und Hr. Gerstel, der der jüngere bei der Bühne ist, wohl am meisten zu kurz kommt und sich vielfach in andern Rollen brauchen lassen muß, die er gern zur Zufriedenheit darstellt, wobei er aber minder ¦ sein Talent zeigen kann. Von den komischen Rollen, die ihm zu Theil wurden, gelingen ihm vorzüglich die beiden alten Buchhalter in Lorenz Stark und Reue und Ersatz; es will viel für seine Darstellung sagen, daß er in der letztern Rolle selbst nach Liebich gefiel.

Herr Grünbaum, Sänger und Schauspieler, besaß ehemals eine sehr liebliche Tenorstimme, da jedoch diese sehr abgenommen hat, so ist dieser sehr vielseitig gebildete Mann, der sich auch schon als Dichter versucht hat, so bescheiden, in der Oper nur kleinere Parthien zu übernehmen und dagegen zur Unterstützung des Ganzen auch im Schauspiele mitzuwirken, wo ihn eine sehr hübsche Figur und ausgezeichnete Kenntnisse unterstützen.

Herr Kainz, erster Bassist. Eine hübsche Figur, viel Geschmack in der Kleidung und fleißiges Studium zeichnen ihn aus; leider aber hat seine Stimme wenig Klang und er distonirt stark.

Herr Löwe, welcher ebenfalls nach Leipzig engagirt wurde, ist auch ein empfindlicher Verlust für unsere Bühne; zumal da er seit einiger Zeit sein Rollenfach so sehr erweiterte und nebst den komischen Rollen und naiven Jünglingen auch jugendliche Helden mit dem besten Erfolge spielt. Ein Schauspieler, der in einer Woche den Peter in Menschenhaß und Reue, Karl v. Ruf in der Schachfigur und Prinz Roderich im Leben ein Traum – alle gut, aber die letzte am besten spielt, ist gewiß für jede Bühne ein sehr wünschenswerther Gewinn.

Herr Polawsky ist einer der glänzendsten Chevaliers und Bonvivants, deren sich die deutsche Bühne zu rühmen hat; in ernsten Heldenrollen, die er zwar auch mit Einsicht giebt, macht man ihm den Vorwurf, daß er zu sehr der französischen Manier anhänge. Sein Retau in dem Portrait der Mutter, Sallbach im Gut Sternberg, Riccaut de la Marliniere in Lessings Minna, Peregrinus im Vielwisser, Rath Brand im Räuschchen u. s. w. sind vollendete Charakterzeichnungen, doch erfreut er auch als Don Carlos und Alonzo in der Sonnenjungfrau.

Herr Reinecke hat ein ziemlich weites Rollenfach und spielt nicht nur zänkische gutherzige Väter, sondern auch alte und junge komische Rollen und leistet in manchen derselben viel Gutes. Ihm zur Seite steht Herr Sewald, der sich mit ihm in einen Theil der Rollen Liebichs theilt, und beide können unter die nützlichen und wünschenswerthen Mitglieder einer Bühne gezählt werden. Unter die vorzüglichsten Rollen des letztern gehört der Zimmermeister Klarenbach in den Advocaten, des erstern der Musikmeister Miller in Kabale und Liebe. Ich glaube, daß diese beiden Rollen so ziemlich den Geist eines jeden dieser beiden Schauspieler bezeichnen.

(Der Beschluß folgt.)

Editorial

Summary

Theaterbericht Prag: Über Bühne und Personal

Creation

vor 16. April 1817

Responsibilities

Übertragung
Veit, Joachim

Tradition

  • Text Source: Abend-Zeitung, Jg. 1, Nr. 91 (16. April 1817), f 2v

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