Correspondenz-Nachrichten aus Prag vom 20. März 1817 (Teil 1 von 3)

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Aus Prag. Ende März 1817

Unsre Bühne hatte vor mehrern Jahren durch die Bemühungen des würdigen Theaterdirektors Liebich sich zu einer Höhe erhoben, die sie unter die vorzüglichsten Teutschlands rechnen ließ; dem Wechsel alles Irdischen zufolge hat uns seitdem die Kaiserstadt Mad. Schröder und Mad. Löwe (die dort wie hier als Sterne erster Größe glänzen) Stutgart die geistreiche Mad. Brede entführt, welche in launigen Rollen so gern gesehen wurde, und der grausamste Schlag traf die dramatischen Musen Böhmens durch den Todesfall des vortrefflichen Liebich selbst, dem die ersten Kenner einen Platz neben Iffland und Fleck anweisen. Doch sind noch manche Kräfte, viele brave und selbst vorzügliche Mitglieder hier, und man kann mit Recht behaupten, das Prag vor Liebichs Hieherkunft, wenn auch einzelne Mitglieder, doch niemals ein so gutes Ensemble besaß, welches hoffentlich in den wenigen Lücken die es hat, bald wieder ergänzt werden wird. Da Sie wünschen, von Zeit zu Zeit Nachrichten von hier zu erhalten, und in einer Provinzstadt doch das Theater am Ende die Hauptsache bleibt, so mache ich den Anfang mit einer kleinen Charakteristik unsrer Bühne, die mir hoffentlich für die Zukunft manche Details ersparen soll.

An der Spitze der Bühne steht Mad. Johanna Liebich, die Wittwe des verehrten Direktors, den wir allein als den wahren Gründer des hiesigen Theaterwesens ansehen müssen, und welche schon in dieser Hinsicht, wenn nicht so große eigne Verdienste ein Recht darauf sicherten, vollen Anspruch auf die Theilnahme der Prager hätte, sie hat am 24sten März die Bewilligung der böhmischen Stände zur Fortführung der Theaterdirektion erhalten und an demselben Tage vor Aufführung des Collin’schen Trauerspiels Balboa in einem einfach rührenden Prolog sich der Gunst des Publikums empfohlen. Sie ist eine sehr brave Schauspielerin, die vor vierzehn Jahren von Wien hieher als erste Heldin kam, und noch immer im Stande wäre diese zu spielen, wenn sie nicht – ein so seltnes als lobenswerthes Beispiel für alle Direktionen – ganz ohne Rollensucht die meisten derselben schon vor mehrern Jahren abgegeben hätte und in das Fach der zärtlichen Mütter übergegangen wäre, das durch sie so würdig als auf wenigen Bühnen besetzt ist. Es ist gewiß ein reicher Genuß, von ihr die Claudia Galotti, Oberhofmeisterin in Elisa von Valberg und die Oberförsterin in den Jägern zu sehen.

Mad. Allram ist eine recht brave Schauspielerin, zwar mehr durch Natur als Kunst, die aber in verschiedenen Fächern, und, mit einer zwar etwas schwachen aber nicht unangenehmen Stimme, auch in der Oper sehr brauchbar ist. Soubretten, Bauernmädchen, und trotz ihrer Jugend, auch einige alte Frauen in der Oper gelingen ihr vorzüglich.

Dem. Böhler d. ä. welche ganz als Anfängerin hieher gekommen, sich erst hier unter der Leitung der vortrefflichen Schröder ausgebildet hat, erfüllt täglich ¦ mehr die schönen Erwartungen, zu denen sie schon anfangs berechtigte. Eine äußerst reizende, liebliche Gestalt, verbunden mit einer höchst anziehenden Physiognomie nehmen schon im Voraus für sie ein und ein zart jungfräuliches Wesen, daß ihr in allen Charakteren ein eigenes Interesse verleiht, vollendet, mit einem sinnigen und durchdachten Spiel verbunden. Höchst liebenswürdig ist sie als Walburg in Oelenschlägers Axel und Walburg, Chatinka im Mädchen von Marienburg, Desdemona im Othello, Klara im Haus Barcellona, Ida im Ideal, Prinzessin Eboli, und selbst die Königin im Don Karlos, welche sie unlängst einem weiblichen Kunstgast zu Liebe übernehmen mußte, weil Mad. Sonntag krank war, gelang ihr sehr gut. Leider raubt uns die neue Leipziger Theaterdirektion diese hoffnungsvolle junge Künstlerin sammt ihrer Schwester.

Dem. Böhler die jüngere, welche mit einer vorzüglich in den untern Tönen sehr hübschen Stimme große Hoffnungen für das muntre Fach der Oper verspricht. Schon im Juni verlassen uns beide und werden von den hiesigen Kunstliebhabern sehr beklagt.

Dem. Brand gehört wohl unter die glücklichsten Acquisitionen, deren sich eine Bühne erfreuen kann, da sie in allen muntern Fächern sich mit großer Leichtigkeit und Sicherheit bewegt und selbst ernstere Rollen nicht uneben darstellt; dazu kommt eine große Gefälligkeit für die Direktion; auch die ermüdendsten Rollen, z.B. das Sternenmädchen u. s. w. darzustellen. In der Oper singt sie zweite und dritte Rollen und glänzt vorzüglich in der französischen Oper, wo ihre liebliche Darstellung eine nicht bedeutende Stimme ersetzt. Aschenbrödel, der kleine Matrose, Fanchon, und im Lustspiel, Marie in der Vaterliebe, Wilhelmine im Räuschchen, der Page in Pagenstreichen u. s. w. gehören unter ihre vorzüglichsten Rollen.

Mad. Brunetti hat sich meist für das höhere Lustspiel ausgebildet und giebt junge – vorzüglich eifersüchtige Frauen vortrefflich; doch excellirt sie auch in einigen ernsten Rollen und unter diesen möchten wohl Sena in Salomons Urtheil und Marie im Clavigo die wichtigsten seyn, doch muß ich sagen, daß ich die letztere noch nie mit solcher Vollendung gesehen habe.

Mad. Heyka geb. Auernhammer ist eine sehr kunstreiche Sängerin mit vortrefflicher Methode und einer in den tiefern Tönen sehr schönen Stimme, ihre Höhe ist mitunter etwas scharf, in der mimischen Darstellung leistet sie weniger.

Mad. Grünbaum gehört ohnstreitig unter die vorzüglichsten Sängerinnen Teutschlands, und ich glaube nicht, daß sich das Prager Publikum auch mit der Gefeiertsten einen Tausch gefallen lassen würde. Eine außerordentlich schöne klangvolle Stimme wird von ihr mit einer bewundernswerthen Sicherheit beherrscht, so daß ihr nichts zu gewagt scheint und ihre Kraft, Fülle und geschmackvoller Schmuck oft zum Erstaunen hinreißt. Zu sagen, welches ihre vorzüglichen Rollen sind hieße ein Verzeichniß aller Opern niederschreiben, worin sie gesungen hat. Ihr Spiel ist durchdacht und so richtig als man es wohl bei wenigen Sängerinnen finden dürfte.

(Die Fortsetzung folgt.)

Editorial

Summary

Theaterbericht Prag: Über Bühne und Personal

Creation

vor 15. April 1817

Responsibilities

Übertragung
Hafenstein, Deborah

Tradition

  • Text Source: Abend-Zeitung, Jg. 1, Nr. 90 (15. April 1817), f 2v

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