Correspondenz Nachrichten aus Prag für Ende März 1817 (Teil 3 von 3)

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Aus Prag (Beschluß.) Ende März 1817.

Herr Wilhelmi ist ein bewundernswerthes dramatisches Talent und leistet für die wenigen Jahre, die er beim Theater ist, sehr viel, nur ist er in großer Gefahr auf seiner Kunstbahn in ein Labyrinth zu gerathen. Ein öffentliches Blatt (deren kurze und absprechende Kritiken so oft ihren Zweck verfehlen) äußerte einst, er fasse Bösewichter im höhern Styl zwar richtig, doch nur in ihren Contouren auf und die kleinern Nuancen und Schattirungen gingen verloren; diese Bemerkung ist wahr, doch nicht deutlich genug ausgesprochen, und so geschah es, daß sie der talentvolle junge Künstler mißverstand und seit jener Zeit, um seine Darstellungen zu färben, so dick aufträgt und gern, mit Hamlet zu sprechen, die Leidenschaften in Fetzen zerreißt. Er beherzige die goldenen Lehren des dänischen Prinzen an den Schauspieldirektor, die in jedem Probezimmer mit goldnen Buchstaben eingegraben werden sollten. Wenn er sich mäßigt, so gelingen ihm Intriguants sehr wohl, noch besser aber trockne komische Rollen u. drgl., in welchem Genre er binnen wenigen Jahren Großes zu leisten verspricht.

Dieß ist eine kurze Aufzählung der wichtigsten und brauchbarsten Mitglieder unsrer Bühne, unter den übrigen, die seltner bedeutende Rollen erhalten, gibt es freilich hier wie überall manche nicht wünschenswerthe Personen und zumal einige, die das Mißfallen des Publikums so sehr auf sich geladen haben, daß schon ihre Erscheinung das ganze Parterre in Unruhe bringt und selbst die mitspielenden vorzüglichern Künstler nicht selten in Verlegenheit gesetzt werden. Möchten doch die Prager Kunstliebhaber einsehen wollen, daß diese Nothhelfer ein gleiches Uebel aller Bühnen seyen, und selbst für die beste Bezahlung ein Schauspieler, der sich fühlt, mehr leisten zu können, sich nicht zum Anmelder hergibt.

Auch die Oper hat eine tiefe Wunde erhalten – der würdige Kapellmeister Karl Maria von Weber (indem ich dieses schreibe ein gefeierter Gast im Weichbild unsrer Stadt) hat uns verlassen und ist an den Hof des alle Künste sinnig schätzenden Königs von Sachsen gefesselt worden, welchen Verlust wir täglich lebhaft fühlen, denn Herr Triebensee, der an seine Stelle gekommen, ist ein wackerer Musiker, doch nicht der Mann, der jenen zu ersetzen vermag, und obschon das Opern-Personale vollständiger ist ¦ als unter Herrn von Weber, so sehen wir doch sehr wenige Opern und bei größern Leistungen werden unbedeutende Nebenpersonen an wichtige Stellen gestellt und die größern Talente übergangen.

Nach Ostern erwarten wir mehrere neuengagirte Mitglieder und unter andern haben wir die Hoffnung, im May den würdigen Costenoble aus Hamburg wieder zu sehen und vielleicht ganz unser zu nennen. Herr Gned ist abgegangen, wir lernten in ihm einen jungen Mann mit einer angenehmen, doch nicht sehr tiefen Baßstimme kennen, der lebhaften Kunstsinn zeigte, und nicht bloß als Sänger, sondern auch als Mimiker Beifall und Theilnahme gewann, und bedauerten nur ihn nicht mehr benützt zu sehen, denn während eines Jahres waren Jacob in Mehuls Joseph, Richard Boll in der Schweizerfamilie, Mephistopheles im Faust, Papageno in der Zauberflöte (welchen er erst bei der 3ten Vorstellung spielte), und Johann Schneck in den Schwestern von Prag, die einzigen bedeutenden Rollen, obwohl (in der letztern Zeit) andre gute Parthien nicht eben zur Zufriedenheit des Publikums besetzt waren.

Herr v. Weber hat die Gefälligkeit gehabt, die letzte Vorstellung seiner Oper Silvana* selbst zu dirigiren und unter seiner Leitung entfalteten sich erst alle Reize dieser interessanten Oper, welche jedoch auch bei den frühern Darstellungen sehr gefallen, und – der wahre Prüfstein für ein tonisches Kunstwerk – von Aufführung zu Aufführung an Theilnahme und Beifall gewonnen hatte. Der Compositeur wurde mit rauschendem, wiederholten Beifall empfangen, der nur zu deutlich aussprach, wie schmerzlich das kunstliebende Publikum ihn vermißt.

Unter die gelungenen Darstellungen der letztern Zeit gehört Calderons Leben ein Traum, übersetzt von West, unter die zum großen Theil minder glücklichen, die Zauberflöte, wo die Königin der Nacht, weil unsre drei guten Sängerinnen nicht die riesenhafte Höhe haben, welche Mozart fodert, und man die Arien nicht ändern wollte, in die Hände einer Anfängerin fiel, die einer solchen Aufgabe durchaus nicht gewachsen ist. Auch einige andre Rollen waren schwach besetzt, unter diesen in den beiden ersten Vorstellungen Papageno, und nur Paminia (Mad. Grünbaum) und Tamino (Herr Stöger) excellirten. Nach Ostern haben wir die Oper Tancred von Rossini, das Kätchen von Heilbronn – welches hier noch nie gegeben wurde – und die Wiederholung der Müllnerschen Schuld zu erwarten. Nächstens mehr darüber.

Editorial

Summary

Theaterbericht Prag: Über Bühne und Personal

Creation

vor 17. April 1817

Responsibilities

Übertragung
Veit, Joachim

Tradition

  • Text Source: Abend-Zeitung, Jg. 1, Nr. 92 (17. April 1817), f 2v

    Commentary

    • “… letzte Vorstellung seiner Oper Silvana”Am 28. März 1817.

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