Webers Prager Quartiere

Für Webers ersten verbürgten Prag-Besuch 1811 (4. bis 22./23. Dezember) auf seiner Konzertreise gemeinsam mit Heinrich Baermann lassen sich derzeit keine Angaben bezüglich des Quartiers machen1; im Tagebuch vermerkte Weber am 22. Dezember lediglich den Rechnungsbetrag, gab aber weder bei der An- noch bei der Abreise den Namen des Hotels bzw. den Besitzer des Hauses an, in dem er mit Baermann wohnte.

Genauer sind die Angaben im Jahr 1813: Weber kam laut Tagebuch am 12. Januar in Prag an und zog zunächst in den Gasthof „Rotes Haus“ (Nr. 147, heute: Staré Město, Karlova ulice 147/44) an der Einmündung der kleinen Jesuitengasse (Ecke Egidigasse/Jilská) in den Kleinen Ring (Malé náměsti) im Zentrum der Altstadt. Das Haus wird im Prager Wegweiser von 1817 gelobt, es wäre „mit jeder Anstalt versehen, die zu einem bequemen Aufenthalt vornehmer Personen dienen kann“2. Dort logierte er bis zum 14. Januar; im Tagebuch hielt er den Auszug und die Kosten für die Übernachtungen fest.

Wohl bereits an diesem Tag3 bezog er sein neues Quartier bei der Hofrätin Hammer im ersten Stock des Hauses „Zum weißen Hahn“ am Roßmarkt, dem späteren Wenzelsplatz, in der Prager Neustadt (Nr. 774, heute: Nové Město, Václavské náměstí 774/6). Das nicht mehr existierende barocke Bürgerhaus im unteren, der Altstadt zugewandten Bereich des Platzes (Westseite) ist bei Schießler4 als ein „Durchhaus“ beschrieben, durch das man vom Roßmarkt auf den Franziskanerplatz (auch Mariaschneeplatz) gelangen konnte; es wurde 1929 durch einen Neubau, die sogenannte Bata-Passage, ersetzt. Weber hielt den endgültigen Vertragsabschluss mit seiner Vermieterin zwar erst am 25. Januar 1813 im Tagebuch fest, teilte den Berliner Freunden seine neue Anschrift aber bereits im Brief vom 20. Januar mit. Die Adresse ist ebenso in einer am 26. Februar erschienenen Konzertanzeige Webers zu finden. Im Tagebuch mehrfach erwähnte Querelen mit der Hausbesitzerin (vgl. 2. Februar, 7. Februar, 9. Februar) führten offenbar dazu, dass Weber dieses Quartier nach seiner zwischenzeitlichen Wien-Reise (ab 27. März) nicht erneut bezog. Am 6. Mai aus Wien nach Prag zurückgekehrt, stieg Weber laut Tagebuch zunächst für eine Nacht im Gasthaus „Zum schwarzen Roß“ in der Alten Allee, dem späteren Graben, in der Neustadt (Nr. 861, heute: Nové Město, Na přikopě) ab. Dem Hotel stellte Adolph von Schaden 1822 ein begeistertes Zeugnis aus: „Des prachtvollen Hauses Lage ist angenehm, die Stuben reinlich und groß, die Bedienung prompt und an der table d’hôte findet man durchaus anständige Gesellschaft und zwar einheimische aus den ersten Ständen“5. Vom 7. Mai bis zum 8. Juli lebte Weber dann als Gast des Grafen Pachta offenbar in dessen Palais am Annenplatz (heute: Staré Město, Anenské náměstí 208/4); über den gesamten Zeitraum fehlen im Tagebuch Hinweise auf Mietzahlungen.

Am 8. Juli 1813 bezog Weber schließlich jenes Quartier, dem er bis 1816 die Treue halten sollte; er selbst gab die Adresse in einer am 20. Dezember 1815 erschienenen Konzertanzeige an mit: „Fleischhackerplatz Nr. 681 beym Brenta im zweyten Stock“. Die Empfehlung kam von der mit dem Grafen Pachta befreundeten Schauspielerin Auguste Brede, die Weber im Tagebuch beim Einzug ausdrücklich erwähnt und an die er auch die erste Mietzahlung am 25. Juli 1813 leistete, wie er ebenso im Tagebuch festhielt. Sie hatte ihm, wie Rahel Robert in ihrem Brief an Karl August Varnhagen vom 10./11. Juli 1813 schrieb, ein Zimmer ihres Quartiers „abgelassen“; Weber beschreibt es im Brief vom 28. Juli 1813 an Gänsbacher als „niedliche[s] Stübchen, wo es recht heim[e]lich darin ist“.

Hausbesitzerin war Johanna Reymann6; die Miete wurde viermal jährlich fällig: je ca. 50 Gulden Wiener Währung zu Maria Lichtmess (2. Februar), Georgi (23. April), Jakobi (25. Juli) und Galli (16. Oktober); an den genannten Tagen finden sich in Webers Tagebuchnotizen bis einschließlich 1816 die entsprechenden Ausgabennachweise (Ausnahmen: Georgi-Zahlungen jeweils am 24. April, Mietzahlung für Georgi bis Jacobi 1815 erst nach Rückkehr von der Reise nach München am 11. September d. J. sowie für Jacobi bis Galli 1816 bereits am 6. Oktober). Entsprechende Quittungen haben sich erhalten bzw. sind dokumentiert für Lichtmess 1815, Georgi 1815, Galli 1815 (zwei Exemplare), Lichtmess 1816, Jakobi 1816 sowie Georgi oder Galli 1816.

Das Haus Nr. 681 in der Altstadt (heute: Staré Město, Rybná 681/11) wird in den zeitgenössischen Quellen wechselnd mit Fleischhackergasse (auch Fleischhauergasse) und Fleischhackermarkt sowie mit den Nummern 681 bzw. 381 bezeichnet. Im oben genannten Brief von Rahel Robert, die ebenso ein Zimmer der Bredeschen Wohnung bewohnte, heißt es, das Domizil der Schauspielerin befinde sich „in der Fleischhackergasse, auf einem kleinen Platze jedoch, schräg der Steinernen Jungfer, nicht gar weit vom Redoutensaal, im zweiten Stock, in sehr geräumigen guten Zimmern“. Das genannte Haus „Bey der steinernen Jungfrau“ nennt Schaller 1796 als Haus Nr. 109 in der Fleischmarktgasse7.

Bei seinen Prag-Besuchen 1817 (23. März bis 1. April und 31. Oktober bis 5. November) logierte Weber in einem offenbar preiswerteren Gasthof, „Zur Stadt Wien“ (später Hotel Meteor) in der Prager Neustadt, Hiberner- bzw. Pflastergasse Nr. 999 (Nové Město, Hybernská ulice 999/6). Als er dort auf seiner Reise nach Wien vom 12. bis 15. Februar 1822 erneut abstieg, hielt er im Tagebuch am 12. fest: „elend einlogirt“. Auf der Rückreise quartierte er sich daher vom 23. bis 25. März im „Roß“ ein, das er bereits im Mai 1813 besucht hatte, und beurteilte es im Tagebuch am 23. als „gut“. Dasselbe Hotel wählte Weber 1823 auf der Durchreise nach bzw. von Wien vom 17. bis 19. September sowie 7. bis 9. November.

Endnotes

  1. 1In der Kaiserlich Königlich privilegirten Prager Oberpostamtszeitung 1811 findet sich weder ein Hinweis auf die Anreise der beiden Künstler in der Rubrik „Angekommene in Prag“ innerhalb der Beilagen (nur ein kurzer Hinweis auf ihre Anwesenheit in Prag in Nr. 150 vom 16. Dezember, S. 595 ohne Adressenangabe) noch eine Ankündigung des gemeinsamen Konzerts am 20. Dezember.
  2. 2Vgl. Prager Wegweiser zum Unterricht und Bequemlichkeit der Fremden und Kenntniß der Einheimischen in Beschreibung der vorzüglichsten Denkwürdigkeiten und Einrichtung dieser Hauptstadt des Königsreichs Böhmen, dann einer Anweisung über die Beschaffenheit jeder Art vorkommenden interessanten Gegenstände, Prag 1817, S. 95 (dort als Hausnummer 171 angegeben). 1822 liest man hingegen: „Unter den Gasthöfen nahm zu Prag sonst das rothe Haus die erste Stelle ein, allein es ist sehr in Verfall gerathen und wird von Fremden jetzt wenig in demselben eingesprochen.“, vgl. Adolph von Schaden, Kritischer Bockssprung von Dresden nach Prag; Ein neues Capriccio, als Gegenstück des Katersprunges, Schneeberg 1822, S. 197.
  3. 3Auf den Einzugstag 14. Januar deuten auch die monatlichen Mietzahlungen mit dem 14. als Stichtag hin; vgl. die Tagebuchnotizen vom 14. Februar, 14. März und 26. März.
  4. 4Vgl. Sebastian Willibald Schießler, Neues Gemälde der königlichen Hauptstadt Prag und ihrer Umgebungen. Ein Taschenbuch für Freunde und Einheimische, Prag 1833, S. 51 (dort als Hausnummer des Durchhauses 744 angegeben, aber für die Westseite des Roßmarktes die Hausnummern 772–808).
  5. 5Adolph von Schaden, Kritischer Bockssprung von Dresden nach Prag; Ein neues Capriccio, als Gegenstück des Katersprunges, Schneeberg 1822, S. 197.
  6. 6Vgl. den Brief von Rahel Robert an Karl August Varnhagen vom 2. September 1813, in: Aus dem Nachlaß Varnhagen’s von Ense. Briefwechsel zwischen Varnhagen und Rahel, Bd. 3, Leipzig 1875, S. 154: „ich habe eine göttliche Hauswirthin, Frau von Raimann [sic], der gehört das Haus, worin wir wohnen“.
  7. 7Vgl. Jaroslaus Schaller, Beschreibung der königl. Haupt- und Residenzstadt Prag sammt allen darinn befindlichen sehenswürdigen Merkwürdigkeiten, Bd. 3, Prag 1796, S. 555, demnach „Ein mit Bierbräugerechtigkeit versehenes Schoßhaus. [in Besitz von] Anton Sylvester käuflich seit 1792“.

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