Carl Ludwig Wilhelm Baermann an Friedrich Wilhelm Jähns
München, Samstag, 19. Juni 1869

Mein lieber theurer Freund!

Sehr freue ich mich daß ich Ihnen ein günstiges Resultat hiermit überschicken kann. Ich ging gleich nachdem ich Ihren Brief erhielt spornstreichs zu Pocci *, fand ihn auch zu Hause, und auch durch Henselt schon von der Sache unterrichtet. Nachdem ich nun Ihr ganzes großes mühevolles Wirken gehörig auseinandergesetzt habe, auch die Garantie übernahm daß das Manuscript unverletzt zurückerstattet wird, erhielt ich gestern Abend beiliegendes von S. Ecellenz überschickt*. Ich freute mich sehr für Sie lieber Freund, doch gestehe ich wurde die Freude bei näherer Besichtigung des Manuscriptes etwas geringer, da ich nach den Handschriften die ich von Weber kenne, sehr bezweifle daß beiliegendes ein ächtes Manuscript ist; doch dieß finden Sie wohl am Besten selbst. Ob Silvana in München gegeben wurde* hab ich noch nicht herausgebracht, da durch den Theaterbrand manches verbrannt ist was Aufschluß geben könnte, und da nun Aiblinger u. Poissl beide todt sind, so weiß ich kein lebendes Gedächtniß mehr in München aufzutreiben. –

Nun werd ich Ihnen noch etwas mittheilen was Sie theilweise interreßieren wird, da es auch Weber betrifft. Ich erhielt diesen Winter von Herrn Rob: Lienau /: Schlesinger’sche Musikhandlung in Berlin :/* den Auftrag sämtliche Clarinett-Compositionen v: Weber zu corregieren, da er eine ganz neue Ausgabe derselben beabsichtigt. Dieß hab ich nun mit größter Gewißenhaftigkeit und Liebe für die Sache gethan, und über 2 Monate rastlos daran gearbeitet. Aber lieber Freund was hab ich da alles gesehen! es ist ganz unglaublich in welchen Zustande nicht allein die Principal-Stimme, sondern namentlich die Clavier-Auszüge der beiden Concerte sich befanden. Letztere mußte ich ganz neu machen, da wortwörtlich nicht ein Tackt zu brauchen war. Nicht allein daß sich falsche Harmonien u. Lagen in Menge vorfanden, sogar viele versetzte Tackte fanden sich, u. so wurden diese Compositionen seit mehr als 40 Jahren der Öffentlichkeit übergeben. Ich habe diese schauderhaften Auszüge erst jetzt zu Gesicht bekommen, sonst hätte ich früher schon an die betreffende Stelle mich gewendet. Die Clarinett-Stimme selbst war auch in einen Zustande daß ich mich jetzt nicht mehr wundere, daß diese Compositionen von allen Clarinettisten so entsetzlich vergriffen wurden, denn es war weder ein Zeichen über Vortrag, Auffaßung, richtiges Tempo, noch über irgend eine Strichart zu finden. Ich habe nun alles mit größter Genauigkeit angegeben und zwar so wie diese Compositionen von meinem Vater u. Weber selbst vorgetragen wurden, da ich glaube daß ich der einzige lebende Mensch bin der dieß im Stande war zu thun. Sie werden wohl manche Abweichungen in Bezeichnungen finden, doch sind diese Abweichungen alle von Weber selbst für nöthig befunden worden, da sie durch seine spätere Geschmacksausbildung entstanden sind, und die Werke eben schon früher gedruckt waren. Ebenso sind einzelne Stellen gleichsam nur im Entwurf dem Drucke übergeben worden, wie z. B. die 3t Variation /: Adagio :/ in den Variationen mit Clavier, die eigentlich von meinem Vater componirt ist, wie ich Ihnen (glaub ich) schon früher einmal geschrieben habe*, und die Clarinett-Stimme wie sie gedruckt steht eigentlich nur den Anhalts-Punkt für den Clavierspieler gegeben hat. Ich habe nun all diese Stellen auf das Genaueste so gegeben wie sie von Vater mit Weber gespielt wurden, und Sie werden sich wundern über den bedeutenden Unterschied. Ebenso hab ich die von Weber später eingefügte Passage im F-moll Concert im 1t Allegro It Theil mit Cadenz eingefügt*, und so überhaupt alles corregiert wie es eigentlich stehen soll. Ich glaube daß nun die Concerte u. übrigen Compositionen viel beßer verstanden u. gefallen werden, und hoffe daß man zufrieden mit dieser Arbeit ist. –

Nun hab ich auch eine Bitte an Sie, es ersparrt mir einen Brief wenn Sie dieselbe gewähren wollen. Haben Sie die Güte und fragen Sie doch bei Herrn Rob: Lienau /: Schlesing: Musikhandlung :/ freundlichst an, ob er auch gesonnen ist, die Orchesterbegleitung zu den beiden Concerten neu stechen zu laßen, welches beim F-moll Concert dringend nöthig ist, da in der neu corregierten Clarinett Stimme 16 Tackte beigefügt sind, die in der alten nicht stehen, hier also eine Lücke ist die ausgefüllt werden muß; weniger nöthig glaub ich würde es beim Es-dur Concert sein, es brauchen hier nur einige nöthige Bezeichnungen beigefügt und geändert zu werden. Ich bitte also Herrn Lienau zu fragen ob er in nächster Zeit beabsichtigt auch das Orchester frisch zu stechen, wo nicht mir die Orchester-Stimmen (für die kgl. Musikschule) vom Es-dur Concert umgehend mit Rechnung zu übersenden.

Nun lieber herziger Freund füge ich nur die Bitte bei mir das beiliegende Manusc: wieder bald zu übersenden, da Graf Pocci sehr viel darauf hält, obwohl er es mit der größten Bereitwilligkeit hergegeben hat. Ich mußte ihm heute auch einen Empfangsschein über das Manuscript ausstellen, dieß ist auch der Grund warum ich 50 Thlr werth auf die Adresse dieses Packets geschrieben habe.

Nun leben Sie wohl mein theurer Freund und verzeihen Sie meine heutige etwas confuse Schreiberei, allein ich habe dieselbe mit entsetzlich heftiger Migräne auf das Papier hingedämelt, da ich vor lauter Tristan-Proben* wie betrunken bin, und hoffe recht bald von Ihnen zu hören. Jedenfalls bitte ich aber mir nur durch ein paar Zeilen den richtigen Empfang des Manuscp: zu bestätigen, daß ich außer Sorge bin über deßen richtige Ankunft.
Mit aller Liebe u. Freundschaft Ihr
alter Freund
Carl Baermann

bitte alle die lieben Ihrigen herzlichst zu grüßen.

Apparat

Zusammenfassung

B. hat die Ausleihe eines Manuskriptes vom Besitzer Graf Pocci vermittelt; teilt ihm mit, daß er für Lienau sämtliche Klarinetten-Kompositionen Webers neu ediert hat, vorerst Solostimme u. Klav.A., hat unglaublich viele Fehler gefunden, bittet Jähns bei Lienau zu fragen, ob er auch die Orchesterbegleitung neu stechen lassen wolle, beim F-Moll-Konzert sei das dringend nötig, da 16 Takte in seiner Ausgabe hinzugefügt wurden, die in der alten Ausgabe nicht stehen. Ob Silvana in München gegeben worden ist, konnte er noch nicht ermitteln.

Incipit

Sehr freue ich mich daß ich Ihnen ein günstiges Resultat hiermit überschicken kann

Verantwortlichkeiten

Übertragung
Eveline Bartlitz; Joachim Veit

Überlieferung

  1. Berlin (D), Staatsbibliothek zu Berlin – Preußischer Kulturbesitz, Musikabteilung (D-B)
    Signatur: Weberiana Cl. X, Nr. 27

    Quellenbeschreibung

    • 2 DBl. (7 b. S. o. Adr.)
    • Am oberen Rand Bl. 1r von Jähns (Blei): von BaermannMünchen 19. Juni. 69 Erbitte zurück. F. W. Jähns

    Dazugehörige Textwiedergaben

    • Eveline Bartlitz, „Ich habe das Schicksal stets lange Briefe zu schreiben ...“. Der Brief-Nachlaß von Friedrich Wilhelm Jähns in der Staatsbibliothek zu Berlin – PK. Die Briefe Carl Baermanns an Friedrich Wilhelm Jähns, in: Weberiana. Mitteilungen der Internationalen Carl-Maria-von-Weber-Gesellschaft e. V., Heft 8 (1999), S. 5–47

Textkonstitution

  • „corregieren“sic!
  • „ersparrt“sic!

Einzelstellenerläuterung

  • „… erhielt spornstreichs zu Pocci “Franz Graf Pocci (1807–1876), Jurist, Dichter, Zeichner, Komponist in München.
  • „… Abend beiliegendes von S. Ecellenz überschickt“Es handelt sich dabei um die Weber zugeschriebene Ouvertüre in Es-Dur für Klavier (JV Anh. 83) in Abschrift von unbekannter Hand; vgl. Jähns (Werke), S. 439–440. Das Manuskript ist heute verschollen, eine Abschrift befindet sich in D-B, Weberiana Cl. III, Bd. 1, Nr. 12.
  • „… Silvana in München gegeben wurde“Laut Alfred Loewenberg, Annals of opera 1597–1940, London 1978, Sp. 618 ist Silvana in der Weberschen Originalfassung in München nicht aufgeführt worden. Entsprechend lautet die Auskunft auf dem Fragebogen, den Jähns an das Münchner Theater gesendet hatte (D-B, Weberiana Cl. X, Nr. 755).
  • „… Schlesinger'sche Musikhandlung in Berlin :/“Der Verleger Robert Emil Lienau (1838–1920) hatte 1864 den Musikverlag Schlesinger gekauft. Die von Carl Baermann revidierte Ausgabe der Klarinetten-Werke Webers erschien als Bd. IX der sogenannten Weber-Gesammtausgabe (S. 5587) bei Lienau im Frühjahr 1870 und enthält op. 26, 33, 34, 48, 73 und 74.
  • „… schon früher einmal geschrieben habe“vgl. Briefe 1 (S. ???, speziell Anm. 30), 2 (S. ???) und 3 (S. ???).
  • „… t Theil mit Cadenz eingefügt“vgl. Anm. 23.
  • „… ich vor lauter Tristan -Proben“Am 20. und 23. Juni 1869 fanden weitere Vorstellungen von Tristan und Isolde in der Münchener Hofoper statt.

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