Friedrich Wilhelm Jähns an Robert Musiol in Röhrsdorf
Berlin, Sonntag, 8. Januar 1882

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Lieber Freund Musiol!

Sie haben mir durch Ihren lieben Brief mit seinen lieben Doppel-Wünschen herzliche Freude bereitet. Haben Sie ebenso herzlichen Dank dafür u. nehmen Sie auch meine Wünsche für sich u. das ganze Musiol-Heim eben so freundlich an, als sie aufrichtig gemeint sind! – Für mich war die ganze letzte Zeit eine riesige Anstrengung durch Arbeiten aller Art u. einen Fest- u. Gesellschafts-Trubel fast ohne Gleichen. Jetzt habe ich noch circa 15 Briefe in die Welt zu setzen – dann geht’s nach langer Pause unerbittlich an den Supplementband, denn ein solcher wirds statt eines bloßen Nachtrages. Sie sehen also, daß Sie sich getäuscht in der Annahme, daß Ding sei fertig geworden – ach es liegt noch mancher heiße Kopf dazwischen. Gebe Gott, daß ich’s zu Ende führe!!! – Nun aber hören Sie endlich die Lösung des Ihnen aufgegebenen Räthsels: – Meine große Sammlung "Weberiana" – 5te halb Tausend Nummern enthaltend – ist in den Besitz der Königlichen Bibliothek zu Berlin übergegangen, in deren "Musikalien-Abtheilung" seit d. 1.April vorigen Jahres dieselbe aufgestellt ist und zwar als Geschenk eines Kunst-Mäzens, der die Sammlung käuflich von mir erwarb, aber auch jetzt noch nicht genannt sein soll, aber dies hoffentlich nächstens sein wird, wonach dann erst die Sache officiell in die Öffentlichkeit tritt. In diesen Tagen ist mit der Stempelung jedes einzelnen Stückes begonnen worden; mit meinem eigenhändig verfaßten großen Catalog, den Sie ja damals gesehen haben, ist der Anfang gemacht. – Das Erste bei dieser Nachricht, wenn Sie sie schwarz auf weiß haben, wird sein, daß Sie ausrufen: "Aber wie hat er das über’s Herz bringen können?! – Nun es geschah darum, damit geschehe was ich einzig für das Richtige hielt. Sie war ein so großes, seltnes, nach jeder wünschenswerthen Richtung hin reiches, in einigen Richtungen fast ganz genügendes, ganz vollständiges Zeugniß für den Geist, das Herz u. die Thätigkeit eines großen eigenartigen Künstlers u. Menschen, daß solch ein Zeugniß niemals zersplittert u. durch Schacher schließlich vernichtet werden durfte. Darum war von Anfang an beschlossen, daß meine Söhne es einst nicht besitzen sollten, so groß deren Liebe zu Weber u. ihre Freude an dem war, was ihn darstellte u. meine 50jährige Thätigkeit daran. Wenn meine Söhne es, ich weiß es, hoch u. heilig bewahrt u. zusammen gehalten hätten, wer stand für die nachfolgenden Generationen ein? Jetzt hat es festen Boden unter sich, es steht an der vornehmsten Stätte, mitten unter der Hinterlassenschaft der größten Genien, ein Genosse von, ein Gleicher mit ihnen. Das ist eine schöne Endschaft seines u. meines Thuns, so unendlich tief meines auch unter dem seinigen steht; aber durch Eins ist auch mein Thun dabei ein edles gewesen, da es aus reinster Quelle floß: aus wahrer tiefer verständnißvoller Liebe zu Ihm. Längst war es beschlossen, daß es die Bibliothek erben sollte, wenn ich bei meinen Lebzeiten die Sammlung nicht sollte abtreten können unter der Bedingung, daß sie sofort in den Besitz der berliner königl. Bibliothek überginge, so daß sie bis zu meinem Tode unter meinen Augen u. zu meiner steten unbeschränkten Benutzung verbliebe. Als alle diese Bedingungen zugestanden wurden von einem sehr wohlhabenden Manne, der der Bibliothek mit den "Weberiana" eine Schenkung zu machen wünschte, so ging ich darauf ein; der Schenkers Wunsch ist erfüllt u. zugleich der meinige: Die Sammlung ist für alle Zukunft gesichert im Besitze des vornehmsten derartigen Instituts des preuß. States. Bei meinen Lebzeiten sie demselben zu schenken hatte ich keine Veranlassung, u. vielleicht wären mir noch mir unerwünschte Motive untergeschoben worden. – Das ist das enthüllte Geheimniß.

Ich werde Ihnen sofort schreiben, wenn die Sache für officiele Veröffentlichung reif ist, wo Sie dann, wenn Sie wollen, u. wo Sie wollen, etwas darüber verlauten lassen können.

Was Sie mir über die Oberon -Geschichte in München schreiben, war mir sehr interessant. Es sollen aber, so habe ich schon gehört,sehr arge Dinge von Seiten der Ausführenden vorgekommen sein, so daß der König sehr erzürnt gewesen sei. Leider habe ich die Aufführung in Dresden, die eine ganz vorzügliche gewesen sein soll, nicht gehört. Ich bedaure dies sehr, da ich in einem argen Dilemma stecke, zwischen den begeisterten Schwärmern dafür u. den heftigsten Gegnern dagegen. Auf mich hat das durch Wüllner Geleistete, (durch ihn selbst mir diesen Sommer in Dresden vorgespielt) nur ein sehr vortheilhaften Eindruck hervorgebracht; die kürzeren Verbindestellen u. Recit. sind sehr streng u. geschickt an Weber’sche Oberon=Motive geknüpft. Da aber bei der neuen Bearbeitung gar nicht gesprochen werden sollte, so mußte er die nicht wegzulassende Roschana musikalisch selbst gestalten; dies brachte wohl die Dehnungen hinein. Überhaupt ist es eine bedenkliche Sache mit derlei Umschmelzungen, so durchaus brav die Arbeit Wüllner’s mir auch erschienen ist. Weber componirt eben die Oper so, wie sie ist, weil er den Dialog u. dessen unterbrechende Wirkung kannte. Wahrscheinlich, ja gewiß, hätte er andersartig gestaltet, wenn das Libretto keinen Dialog gehabt hätte. Hoffentlich höre ich den Oberon dies Jahr noch rechtzeitig, um in meinem Supplemente darüber eine Meinung abgeben zu könne n. -

Ich habe auch wieder einmal componirt u. zwar ein Clavierstück; ziemlich schwer, aber mannigfaltig u. nicht charakterlos, wohl aber in seinen 6 Theilen ohne organischere Verbindung, eine Art Suite: "Laterna magica in 6 Bildern" genannt. Wenn es nicht bald gedruckt würde, wozu wenigstens Aussicht vorhanden, so schicke ich es Ihnen gelegentlich zur Ansicht mit mancherlei Anderm, was entstand. -

Und nun einmal wieder Lebewohl! Es ist doch schade, daß wir nicht an einem Orte wohnen! Das gesprochene Wort ist doch nicht so hart u. steif u. eisern, wie das geschriebene. -- Da wir nun aber nun einmal nicht bei einander wohnen, so schreiben Sie nur frisch weg u. recht oft Ihrem F. W. Jähns.

Apparat

Zusammenfassung

kam in letzter Zeit überhaupt nicht zum Nachtrag, lüftet nun das Geheimnis: den Verkauf seiner Weberiana-Sammlung an die Kgl. Bibliothek und gibt die Begründung dafür. Äußert sich zur Wüllner'schen Oberon-Inszenierung in Dresden und schickt ihm ein neues Klavierstück von sich (Laterna magica)

Incipit

Sie haben mir durch Ihren lieben Brief

Verantwortlichkeiten

Übertragung
Eveline Bartlitz; Joachim Veit

Überlieferung

  • Textzeuge: Berlin (D), Staatsbibliothek zu Berlin – Preußischer Kulturbesitz, Musikabteilung (D-B)
    Signatur: Weberiana Cl. X, Nr. 1031 (J 106)

    Quellenbeschreibung

    • 1 DBl., 1 Bl. (6 b. S. o. Adr.)

Textkonstitution

  • „daß“sic!
  • „nun“durchgestrichen

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