Leopold von Sonnleithner an Friedrich Wilhelm Jähns in Berlin
Wien, Montag, 15. August 1864

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Wohlgeborner Herr Direktor!

Ihre werthen Zeilen vom 13. d. M. beehre ich mich mit folgendem zu beantworten.

Der Hauptknoten welchen Sie mir vorlegen ist sehr leicht zu lösen. Schickh war der Herausgeber der Wiener-Modezeitung, welche nebst Modebildern auch Musikbeilagen brachte. Es ist daher außer Zweifel daß Schickh die beiden Lieder für seine Zeitschrift kaufte und daß sie im Jahre 1822 als Beilagen derselben gedruckt erschienen*, an welche Thatsache ich mich auch noch dunkel erinnere. Bei solchen Zeitungsbeilagen nahm man es mit dem Nachdruck niemals genau, und so wurden dieselben später in verschiedene Sammlungen aufgenommen und auch einzeln gedruckt. — Schickh ist längst todt; der Buchdrucker Strauß* welcher die Modezeitung verlegte existirt auch lange nicht mehr; es läßt sich daher nicht wohl erheben, wohin die Handschriften Webers gerathen sein mögen; so viel ist gewiß, daß Schickhs Ausgabe die erste und rechtmäßige gewesen ist.

Es ist sehr schwer, Exemplare der älteren Unterhaltungsblätter aufzutreiben; vor ungefähr 2 Jahren habe ich dem Hrn von Weber /: Sohn :/ auf sein Verlangen mehrere Bände der Modezeitung und der Wiener Musikzeitung von den Jahren 1822 und 1823 gesendet, um daraus über die Concerte etc seines VatersT Notizen zu ziehen. Ich habe diese Bände noch nicht zurückerhalten; wenn sie sich aber an Weber wenden, so dürfte sich aus diesen Blättern noch genauer zeigen, wann die Lieder darin abgedruckt wurden.

Einen anderen Zweifel habe ich bezüglich des Schlummerliedes. In Castelli’s gesammelten Werken, Ausgabe letzter Hand, 1848, dritter Band, Seite 151 ist der Text dieses Liedes gedruckt, mit dem Beisatze: Zu C. M. von Weber’s Musik gedichtet. — Das klingt nun so, als ob die Musik schon vor dem Gedichte existirt hätte, etwa als ein Lied ohne Worte, oder mit einem anderen Texte*. Beides ist aber nach Weber allgemeinen Musikanschauungen nicht sehr wahrscheinlich, und wäre nur durch ganz besondere Veranlassung erklärlich. Die Vokalchöre über Körners kriegerische Gesänge waren damals sehr beliebt; vielleicht rieth man Weber, in seinem Conzerte ein neues Männerquartett zu machen, oder er mußte zu so etwas greifen, weil er keinen Solosänger für eine Arie fand; und da könnte er dann eine vorräthige Skizze hergenommen, und durch Castelli /: der sich an alle Berühmtheiten drängte :/ dazu einen Text haben machen oder ändern lassen. Doch sind dieß nur Vermuthungen; ich selbst war leider am 19. März 1822 krank, wie ich aus meinen Tagebüchern sehe, und konnte dem Conzerte nicht beiwohnen; sonst hätte ich vielleicht den Zettel aufbewahrt, der möglicher Weise etwas Näheres besagte. Vielleicht findet sich aber auch in der Mode- oder Musikzeitung eine Andeutung. Im Wesentlichen werden Sie wohl nicht fehlgreifen wenn Sie die Entstehung des Schlummerliedes in die Zeit von Webers Aufenthalt in Wien setzen. — Ich werde noch bemüht sein, ältere Zeitschriften aufzusuchen, und wenn ich Näheres finde, es Ihnen mittheilen; ich bin aber gerade jetzt sehr beschäftigt mich zu einer Reise nach Rom und Neapel vorzubereiten, welche ich im nächsten Monate antreten will, und die mich zwei Monate lang von Wien fernhalten wird.

Sie sehen daß ich gerne bereit bin Ihre Forschungen zu unterstützen, soweit eben meine Quellen reichen; ich habe eben auch für Otto Jahn eine bedeutende Zahl von Berichtigungen und Zusätzen zur beabsichtigten neuen, kürzeren Bearbeitung seines „Mozart“*, auf sein Verlangen zusammengestellt. Bei großen Männern ist auch das Kleine wichtig.

Ihren Einschluß an Hrn Neumann habe ich diesem selbst übergeben.

Ich schließe für heute mit der Versicherung meiner unveränderten Hochachtung und Bereitwilligkeit als Ihr ergebener Leop. Sonnleithner

Apparat

Zusammenfassung

teilt ihm mit, dass Schickh Herausgeber der Wiener Zs. für Kunst, Literatur, Theater u. Mode war, vermutlich die beiden Lieder von Weber kaufte, die 1822 als Notenbeilage in seiner Zeitschrift erschienen; bei Zeitungsbeilagen nahm man es nicht so genau, sie wurden ohne weiteres nachgedruckt; S. ist lange tot, auch Strauß, der die Zeitschrift verlegte; Exemplare der Zs. sind schwer zu bekommen, er hat einige von 1822 u. 1823 Max Maria von Weber geschickt; nennt Quelle zum Text von Webers Schlummerlied (Castelli, Ges. Werke, Ausg. letzter Hand 1848, Bd. 3, S. 151), in der steht, dass Castelli es zur Musik Webers gedichtet habe; S. war bei dem Concert am 19. März 1822 nicht dabei, glaubt aber, dass Weber es spontan zu seinem Konzert komponiert habe

Incipit

Ihre werthen Zeilen vom 13. d. M.

Verantwortlichkeiten

Übertragung
Eveline Bartlitz; Joachim Veit

Überlieferung

  • Textzeuge: Berlin (D), Staatsbibliothek zu Berlin – Preußischer Kulturbesitz, Musikabteilung (D-B)
    Signatur: Weberiana Cl. X, Nr. 609

    Quellenbeschreibung

    • 1 DBl. (4 b. S. o. Adr.)

Textkonstitution

  • „beabsichtigten neuen, kürzeren“über der Zeile hinzugefügt

Einzelstellenerläuterung

  • „… als Beilagen derselben gedruckt erschienen“Notenbeilagen in der Wiener Zeitschrift für Kunst, Literatur, Theater und Mode, Jg. 7, Nr. 33 (16. März 1822) sowie Nr. 42 (6. April 1822).
  • „… längst todt; der Buchdrucker Strauß“Anton Strauß, Verleger (geb. 19. April 1775 Wien, gest. 24. Oktober 1827 Wien); der Verlag wurde danach zunächst (1828 bis 1841) selbständig von der Witwe Magdalena Strauß (geb. um 1764 Wien, gest. 8. März 1845 Wien), dann von der Witwe gemeinsam mit Leopold Sommer weitergeführt.
  • „… oder mit einem anderen Texte“Vgl. Wann entstand Webers Schlummerlied?
  • „… neuen, kürzeren Bearbeitung seines Mozart“Otto Jahn, W. A. Mozart, 4 Bd., Leipzig 1856–1859.

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