Carl Maria von Weber an Thaddäus Susan in Salzburg
Wien, Dienstag, 10. April bis Dienstag, 8. Mai 1804

Freund und Bruder!

Noch keine Zeile von dir weiter gesehen. – Ich begreife nicht, wie das zugeht. Ich warte immer mit solcher Sehnsucht auf deine Briefe, als die Geliebte auf die Ankunft des Geliebten. – Da ich nun von dir nichts höre, so setze ich mich wenigstens von Zeit zu Zeit her, dir die neu aufschießenden Frühlings Kunstproducte zu referiren. Den 9. Theater an der Wien. Tante Aurora. Oper von Boieldieu aus dem Französischen*. Der Inhalt platt und fade, und die Musik seiner würdig, wurde beynahe ganz ausgezischt und starb nach drey- bis viermaliger Vorstellung. An demselben Tage. In der Stadt: der Kosakenofficier, auch neu aus dem Französischen mit Musik von – gefiel auch nicht*. Überhaupt scheint es denn doch, als wenn das Publicum so nach und nach Mißfallen an den ewigen kleinen und witzig seyn sollenden französischen Producten fände. Der Geschmack des gebildeten Theils ist sehr vervollkommt, und in gewisser Hinsicht sehr eigen. Sie erlauben z. B. dem Wiedner Theater noch eher kleinere Opern, aber den beyden Stadttheatern können sie es unmöglich verzeihen, daß sie nicht Sachen von größerem Belang liefern. Eine gute Acquisition hat das italienische Theater an einer Sängerinn Marianna Sessi gemacht, eine geborene Venetianerinn, deren Schicksal schon die ganze Wiener Welt interessirte, ehe sie noch auf das Theater kam. – – – – – Sie hat noch zwey Schwestern, wovon die eine auch einen Baron Natorp, der Major bey einem Freycorps war, hat, und die andere unverheirathete nun auch engagirt ist, und zum ersten Male im „Titus“ als Vitellia auftrat (wobey die Natorp den Sextus machte). Sie gefiel auch außerordentlich, und mir ist sie beynahe lieber als die Natorp, welche eine etwas castratenartige aber sehr starke Stimme (weßwegen sie auch zu Zeiten etwas mehr schreyt als singt) und außerordentliche Geläufigkeit hat. Die Sessi aber hat eine viel reinere Stimme; nicht so viel Passagen, aber desto schönere Declamation, auch distonirt erstere im Anfang etwas. Sie wurden beyde herausgerufen. Überhaupt wurde die Oper sehr gut gegeben*. Brizzi machte den Titus vortrefflich, legte aber mehres ein, z. B. gleich im Anfang eine Arie mit Chor von Weigl. Titus war den 12. – den 13. Concert beym Traiteur Jahn. Thieriot, Violinspieler aus Leipzig und  Elève des Conservatoire de Musique à Paris. Ich war selbst nicht darinn, nach Voglers Urtheil hat er aber eine eigene runde Spielart, welche aber zugleich auch etwas drückendes an sich hat, die Violinisten überhaupt wollen auch jetzt jeder Achtelnote ein piano, crescendo und decrescendo geben, wodurch der Ton eher wieder verschwindet, als man ihn noch beynahe gehört hat. Er hatte das Unglück, kein einziges Gesangstück in seinem Concert zu geben, dagegen aber ein Tripel-Concert für zwey Violinen und Violoncell, gespielt von ihm selbst, Kraft dem jüngern, und Emanuel Foita, beyde letzteren in fürstlich Lobkowitzi’schen Diensten, über welches genug bonmotisirt wurde. Eben habe Hummel’s Porträt in groß Folio für 3 fl. gekauft, möchte es Wallner wohl haben? – Hummel ist der geschmackvollste Clavierspieler Wiens, und seit vor Kurzem Capellmeister im Dienste des Fürst Esterhazy. Den 17. habe den Titel meiner Variation zum Eder getragen, welcher Titel zur Censur und zu Ihr. Maj. der Kaiserin muß, weil sie ihr dedicirt sind, ehe er gestochen werden darf. – Den 18. Concert bey Jahn. – –

Eine Begebenheit, die mir alle Geduld zerreißt. Ich hätte Stoff genug vor mir liegen, dir zu schreiben, aber ich kann nicht mehr, schreibe mir nicht eher wieder, als du einen Brief von mir erhältst. Bist du krank daß ich so lange nichts von dir höre?
C. M. v. Weber.
Capell-Direktor des kön. pr. Theaters in Breslau.

Apparat

Zusammenfassung

klagt über ausbleibenden Brief; referiert neue Theaterereignisse in Wien; ausführl. über Auff. des Titus u. über Gastkonzerte; erwähnt Hummel u. seine neuen Variationen;

Incipit

Noch keine Zeile von dir weiter gesehen

Generalvermerk

Textwiedergabe nach Erstdruck 1843

Verantwortlichkeiten

Übertragung
Eveline Bartlitz, Joachim Veit

Überlieferung

Textzeuge

Verbleib unbekannt

Textzeuge

Briefe von Carl Maria von Weber, in: Wiener Zeitschrift für Kunst, Literatur, Theater und Mode, Jg. 28, Nr. 4 (6. Januar 1843), S. 25f.

Weitere Textquellen
  • Nohl, Ludwig: "Briefe C.M.von Weber's", in: Mosaik. Leipzig 1882, S. 81–83

Textkonstitution

    Einzelstellenerläuterung

    • "… von Boieldieu aus dem Französischen": Die Erstaufführung fand am 10. April im Theater an der Wien statt; vgl. [Matthäus Voll,] Chronologisches Verzeichniß aller Schauspiele, deutschen und italienischen Opern, Pantomimen und Ballette[n], welche seit dem Monath April 1794 bis wieder dahin 1807 […] aufgeführet worden sind, Wien 1807, S. 99 (dort als: „Tante Aurora, oder: der Roman aus dem Stegreife. Eine komische Oper in 2 Aufzügen, nach dem Französischen des [Charles de] Longchamp[s] von Lambrecht, die Musik von Boieldieu“).
    • "… von – gefiel auch nicht": Die Aufführung im Hoftheater fand nach Voll (a. a. O., S. 40) am 11. April statt (dort als: „Der Kosakenoffizier. Eine komische Oper in 1 Akt, nach dem Französischen des [Jean-Guillaume-Antoine] Cuvelier, die Musik von Dumanchon und Gianella“.
    • "… die Oper sehr gut gegeben": vgl. Rezension in der AMZ, Jg. 6, Nr. 30 (25. April 1804), Sp. 504–506

    XML

    Wenn Ihnen auf dieser Seite ein Fehler oder eine Ungenauigkeit aufgefallen ist,
    so bitten wir um eine kurze Nachricht an bugs [@] weber-gesamtausgabe.de.