Carl Maria von Weber an Friedrich Ferdinand Flemming in Berlin
Gotha, Samstag, 24. Oktober 1812

S. Wohlgebohren

Herrn Dr. Flemming

AugenArzt

zu

Berlin

Dönhoffschen Plaz.

Krausen Straße

No: 36.

Mein gutes treues Herz!

Deinen Brief vom 9t huj erhielt ich den 16t mit denen Beylagen richtig, und ergötzte und erquikte mich daran sehr. nur dein Brief hat mich recht wehmüthig gestimmt. Eine Wehmuth die mich diese Tage über nicht dazu kommen ließ, eher zu antworten, und die mich noch jezt zerstreuend, nur mangelhaft mich auszudrükken erlauben wird. Wie wahr ist was du sagst, daß der warme herzliche Gedanke auf dem Papier ganz anders steht, als im Herzen, daß so viel darauf ankömt in welcher Stimmung man ihn liest, und daß man wirklich, – schreibt man an einen recht lieben Menschen, – immer in einer Art von Fieberhaftem Zustande ist.      Habe ich recht den Sinn Deines Briefes herausgefühlt, so habe ich Dir durch meinen Brief an Lichtenstein wehe gethan. Dieß ists was mich so unendlich schmerzt, daß du glauben könntest, ich träge dich nicht eben so tief im Herzen als irgend ein Wesen auf der Welt. ich weis nicht mehr wörtlich was ich an Lichtenst: schrieb, aber es ist gewiß daß ich während meines Aufenthaltes in Berlin nicht mir ihm so viel nähern konte, als zu einem eigentlichen Freundschafts Bunde nothwendig ist. unsre beyderseitigen Erfahrungen und Ansichten waren die eignen Hinderniße. und liebten und achteten wir uns auch gegenseitig so sprach es sich doch noch nie feßellos aus. im lezten Augenblike des Scheidens blikte er noch herzlicher und wärmer auf, und gerne bot ich nun auch aus der Ferne ihm die Hand zum Bunde.

Mit Uns war das anders. Glaube mir, bey Gott, ich habe dich nie verkannt, ich wußte wohl welch, herrliches tiefes Gemüth, unter der anscheinend kalten Hülle verborgen lag, und wer weis ob einer deiner Freunde dich je so vollendet verstand und faßte als ich. Wir waren lange im Reinen mit unseren Gefühlen, bey uns brauchte es keiner Erklärungen und keiner Versicherungen[.] Wir wußten was wir aneinander hatten, und – freudig und fest sage ich es, was wir aneinander haben, und ewig behalten werden. Sieh! bey jedem andern hätte ich einer solchen leisen Andeutung als in deinem Briefe liegt, kaum erwähnt; aber bey dir, du liebevolles inniges Herz, muste es mir unendlich wehe thun dich gekränkt zu sehen, da du immer die Furcht hegst daß du nicht deutlich genug deine Liebe und Treue aussprechen kannst, da du dir selbst Vorwürfe darüber machst, und es dich dir daher ein bitteres Gefühl verursachen muß, wenn du zu dem Glauben dich veranlaßt glaubst, auch der Freund den du liebst, von dem du dich erkannt hofftest, gäbe nun einem Andern seine Liebe wärmer hin, und du seyst selbst schuld, weil du nicht eifrig genug ihm deine geoffenbaret. Nein! wahrhaftig nein. Könnte ich dir gegenüber stehn, und dich an meine Brust dürkken, du würdest mich erkennen, und mit Liebe umfaßen.

d: 25t Ich wurde Gestern weg von meinem Schreibtische zum Herzog gerufen, mußte Mittags da bleiben und kam erst spät in der Nacht nach Hause. da fand ich einen Brief und eine Zeichnung von Mad: Lautier, die mir sehr viele Freude machte. oft werde ich die Zeichnung ansehen und der schönen Zeit gedenken wo ich auf jenem Hügel stand. Wann wird es mir wieder so gut werden? – Zu gleicher Zeit erhielt ich einen Brief von Weimar, wo ich aufs dringendste eingeladen werde zu der Grosfürstinn zu kommen, und ihr meine Sonate selbst vor-|zuspielen. ich werde also heute Abend dahin abreisen, und wahrscheinlich in 5 bis 6 Tagen wieder zurükkommen, entschuldige mich daher recht dringend bey den Briefstellerinnen, wenn meine Antwort ein paar Posttage später erschein. denn wenn ich mir auch heute noch ein paar Stunden abzwakken könnte so würde ich doch nicht mit der Ruhe und Liebe schreiben die nöthig ist. auch habe ich gar manches zu besorgen.

Ach was hätte ich darum gegeben bey dem Geburtstagsfeste unserer lieben Jordan zu sein, bringe ihr meine herzlichsten Glükwünsche, die wenn sie auch spät kommen, doch immer recht wahrhaft und ehrlich gemeint sind. daß du dabey Jettchen nicht vergißt versteht sich am Rande.      Das Bällchen und die Kielemannsche Vertheidigung haben mir unsäglichen Spaß gemacht. Abends vor Schlafengehn ist es gewöhnlich meine Ergözlichkeit, daß ich alle Eure Briefe durchlese und mich so in freundlichen Errinnerungen einwiege um davon dann weiter träumen zu können.      Mein Aufenthalt in Gotha kann wohl sich bis gegen Ende November verziehen. ich muß nothwendig einige Arbeiten vollenden.      a prospos da fällt mir ein Gehe doch einmal zu Gubiz und Grüße ihn aufs Beste von mir, sage ihm ich hätte ihn nicht vergeßen, wenn ich gleich bis jezt stumm wie ein Fisch gewesen sey, und ich hoffe er habe auch an meine Libußa gedachtT.

Auch Mariane Hurka sag alles Liebe und Schöne von mir.      Gestern lief auch ein KlavierAuszug nebst Liedern hier ein. ich beantworte vielleicht alles in Weimar, wo ich gewiß die ersten Morgenstunden frey habe. Wollank hat mir lange nicht geschrieben. versetze ihm ein par freundschaftliche Rippenstöße zur Aufmunterung.      Aus Kystings Reise ist wohl nichts geworden, denn wäre Er so mir so nahe gewesen, hätte er mich gewiß besucht.      ich sage dir jezt Lebewohl um wenigstens der guten Koch ein paar Worte zu schreiben. ich reich dir treulich die Hand aus der Ferne zum derben Händedruk, und schließe dich in mein Herz ein.

Dein treuster Bruder Weber.

Apparat

Zusammenfassung

Persönliches über ihre Beziehung u. Verhältnis zu Lichtenstein; über den Großherzog; er soll nach Weimar, um der Großfürstin seine Sonate vorzuspielen; über gemeinsame Bekannte u. Bulletins; er solle Gubitz an "seine Libussa" erinnern; Grüße an Bekannte;

Incipit

Deinen Brief vom 9t huj: erhielt ich den 16t mit den Beilagen

Generalvermerk

Verantwortlichkeiten

Übertragung
Eveline Bartlitz, Joachim Veit

Überlieferung

Textzeuge

Berlin (D), Staatsbibliothek zu Berlin Preußischer Kulturbesitz, Musikabteilung (D-B)
Signatur: Weberiana, Cl. II A d, 3

Quellenbeschreibung

  • 1 Bl. (2 b. S.) u. Umschlag m. e. Adr.
Weitere Textquellen
  • Hirschberg, Leopold: "Carl Maria von Weber an den Komponisten des 'Integer vitae'", in: Westermanns Monatshefte, Nr. 838 (1926), S. 364–365 (fehldatiert: unter dem 24.8.)

Textkonstitution

  • "dich": Hinzufügung.
  • "nicht": Hinzufügung.
  • "dich": durchgestrichen.
  • "dir": Hinzufügung.

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