Carl Maria von Weber an Gottfried Weber in Mannheim(?)
Prag, Donnerstag, 5. Dienstag, 10. und Mittwoch, 11. Mai 1814

Liebster theurer Bruder!

Endlich heute will ich anfangen, damit ich doch in 3 Tagen so viel Zeit zusammentreibe dir einmal ordentlich zu schreiben. Mit Wehmuth danke ich daran, und es leuchtet auch aus deinem und deiner lieben Frau Briefe hervor, daß mein langes Stillschweigen, Euch irre an mir machen könnte; aber es gehört dieses zu den unbegreifflichen Dingen die sich nicht erklären laßen, die durch 1000 kleine zusammengehäufte Umstände erzeugt werden, und auf den Augenblik wirken, ohne daß man später auch nur im Stande wäre zu sagen wie das kam, und woran es lag. der einzig wahre und reine Grund, ist eine unendliche Verstimmung die durch mein ganzes Wesen geht, und mich so verändert hat, daß du schwerlich wenn du mich hier sähest dein altes fideles Haus wieder erkennen würdest. dieses Mißbehagen nun auszusprechen wird mir unendlich schwer, weil der Gründe davon zu viele sind, und zu sehr ins Detail gehen. daß meine Gesundheit seit meiner Krankheit im May 1813 noch immer sehr wankend ist, und ich erst kürzlich wieder einige Wochen das Zimmer hüten muste wirkt natürlich hauptsächlich auch auf mein Gemüth. Zweitens stehe ich hier ganz allein. ich habe keinen Freund dem ich so von ganzer Seele mich hingeben könnte. Nicht einmal über die Kunst kann ich jemand sprechen und bin daher ganz isolirt und auf mich selbst beschränkt. 3tens habe ich auf das Publikum als Künstler ganz verzichtet, und stehe […] nur noch als Arbeiter im Dienste da. Es fehlt also aller Anstoß von Außen zur Arbeit, ich fühle nicht den mindesten Drang in mir, etwas zu schreiben, weil ich den Willen habe es nicht aufzuführen. Anfänglich, und bis jezt, gab ich keine von meinen Opern weil ich nicht mich mit andern Komponisten in eine Reihe wollte stellen laßen, die in dem Augenblikke wo sie am Ruder sizzen, nichts hören wollen als sich. Seit dem habe ich einsehen lernen daß eine Aufführung davon mich nur ärgern, und in nichts erfreuen könne. das Publikum ist sehr kalt und untheilnehmend, […] eine Oper kommt und geht es intereßirt sich kein Mensch dafür; hat sie gefallen, so beweist sich das nur durch das besuchen derselben, aber keineswegs durch den Enthusiasmus in der Aufnahme pp der allein den Künstler belohnt und erhebt. der HauptGrund hievon liegt darinn, daß es | hier keine Geselligkeit giebt. kein großes Haus, kein gelehrtes Haus pp aus dem gewiße Ansichten hervorgiengen oder die Stimmen der Tonangeber geleitet würden. alle Stände, der Adel, der Kaufmann, der Bürger, sind streng von einander abgesondert, ohne deßhalb unter sich einen Körper zu bilden. Man kann behaupten daß jede Familie abgetheilt für sich lebt, und nur im Kreise ihrer nächsten Berührungen vegetirt. Eine Maße von Fremden, die das alles binden und löthen könnte, wie zum Beyspiel in Wien pp fehlt hier auch gänzlich, denn die Lage Prags macht es weder zu einem Paßage Punkt, noch hat die Stadt selbst Reiz genug Fremde zu lokken. die hiesigen Großen verzehren ihr Geld in Wien, bringen dann ihre vom dortigen Wohlleben erschlafften Gesichter auf ein paar Monate hieher, glauben sich in einem StaatsGefängniß, machten dazu paßende Mienen, geben ein paarmal zu eßen, und flattern bey erster Gelegenheit wieder ab. d: 10t. die wenigen Componisten und Gelehrten die hier leben, seufzen meistens unter einem Joch, welches ihrem knechtischen Sinn gegeben*, und den Muth genommen hat der so schön den wahren freien Künstler bezeichnet. Jeder davon dankt seine Existenz irgend einem adelichen Hause, wo er gefüttert wird, ein paar hundert Gulden Besoldung zieht; dafür die edle Jugend abrichtet, und sich sonst noch auf dem Land zu allerhand Dingen brauchen läßt.

Dafür führt er den Titel, Compositeur bey dem H: Grafen N: N: wie Tomaschek, Wittasek pp. Ihre Meinungen gehen unterthänigst gleichen Schritt mit denen Ihrer hohen Herrschaften, und diese protegirt nun hinwiederum mit all ihrem Anhang Ihren Compositeur gegen die andern. Jeder fremde Künstler, kann auch nur durch die Protektion eines großen Hauses etwas machen. Eine davon an die er empfohlen ist übernimmt seine Concert Subscription und schikt sie in ihrem Namen von Haus zu Haus. ohne dies kann Niemand Concert geben.

Die Sänger und Musiker des Theaters kommen nirgends hin, man sieht höchst selten einen in Gesellschaft. Esprit du Corps haben sie auch keinen, und jeder sucht so auf seine eigene Faust sich durchzuschleppen wie er kann. Im Hause des Direktors Liebich versammeln sich Einige zuweilen, doch ist dieß auch nur Gunstbezeugung und bringt keinen Gemeinen Geist hervor.      Das Resultat aus alle diesem | zu ziehen überlaße ich dir selbst. – Mir persönlich bezeugt man zwar alle Achtung, ich habe Zutritt überall, und laße Grafen und Fürsten mich 3 mal bitten, ehe ich einmal bey Ihnen eße, aber was nuzt das, und was soll mich das ergözzen? So lange ich hier bin habe ich erst 2 mal in einem PrivatCircel gespielt. daraus kannst du sehen wie Musikliebend die Leute sind. doch genug und übergenug hievon. ich will mein Tagebuch nachsehen und daß allenfalls für dich intereßante herausziehen.

d: 28t Januar schrieb ich dir zum leztenmale.

mit Februar fiengen die Krankheiten an gewaltig stark bey meinem Personale einzureißen. Bey der Beschränk[t]heit deßelben, und bey einem Theater wo täglich gespielt, und einen Tag um den andern Oper sein muß erzeugt dieß unendliche verdrüßliche Geschäfte. Eine FlikArbeit wobey man den ganzen Tag geschunden ist, und doch zulezt nichts eigentliches geleistet hat. d: 22t entriß mir das Nervenfieber meinen braven Tenoristen Mohrhardt, den du glaube ich gekannt hast, und der vortrefflich geworden war. d: 25t führte ich ihm Gänsbachers Requiem auf. d: 28t gab ich die Schoepfung für die HausarmenT. Es gieng vortrefflich.

H: und Mad: Gley sangen ein paar Intermezzos* und mißfielen gänzlich. d: 9t März debüt: eine Mlle: Bach als Sargin, und mißfiel. welches mir ein großer Schlag war, denn meine erste Sängerin Mad: Grünbaum, war hoch schwanger. d: 15t gab ich das 2t Concert für die Hausarmen, und darin eine Cantate von Maschek in Wien, die Schlacht bey Leipzig. Ein Ungeheuer von schlechter Declamation, Lärm, und Trivialität. gefiel auch nur den SpektakelFreunden. dazu eine Simph: von Haydn, und den patriotischen Chor von Salieri der in Wien nach dem Alexander Fest von Händel, gemacht wurde. auch etwas sehr plattes, wo nur die guten Wiener Gefallen daran finden konnten weil es Stoff zum applaudiren gab.* d: 18[t] gab H: Leoni, ein sogenannter Schüler von Crescentini ConcertT, Er ist ein französischer Italiener den wir gefangen haben, /: nehmlich die Armen, nicht ich denn ich hätte ihn laufen laßen :/ und der von den Damen protegirt, ein gutes Concert machte. Stimme hat er zwar keine, aber man hörte daß er manches gute gehört hatte. auch hat er eine seltne Vorliebe für Händel deßen Sachen er wirklich mit einem trefflichen Geiste vorträgt.

in den lezten Tagen kam Mad: Grünb: in die Wochen. d: 1t Aprill bekam ich den Friesel und muste ins Bett, auf d: 4t war meine AkademieT im Theater angesezt; ich hoffte von Stunde zu Stunde beßer zu werden, betrog mich aber, und so kam das komischste was es geben kann zu Stande, nehmlich ein Concert, ohne den KonzertGeber. Zum Glük war meine Wahl so getroffen, daß ich füglich entbehrt werden konnte. Um meine Achtung für vaterländisches Verdienst zu beweisen gab ich Werke einheimischer Componisten, mit anerkannt Großem gemischt. Aber mein neu engagirter Patriotismuß war von schlechter Wirkung denn es war leer, und ich muste nur die dankbaren Herzen der hiesigen Tonkünstler auf zur Einnahme rechnen, um nur etwas zu profitiren.

d: 29t reiste Mad: Brede Mitglied unseres Theaters, eine treffliche Künstlerin von hier ab, und ich gab ihr einige Zeilen an dich mit. Laße Sie also dir und den deinigen bestens empfohlen sein, gehe ihr mit Rath und That an die Hand, und erwähne Ihrer auch gelegentlich wo gedrukt. Sie kann dir viel von meinem Leben erzählen, und ist in jeder Hinsicht ein liebenswürdiges Weib.

Ich habe mich nun fest entschloßen zu Wiederherstellung meiner Gesundheit, ein Bad, den Herzog von Gotha und Berlin zu besuchen. diese Reise trete ich – wenn nichts dazischen kömt den 1t Juny an. adressire daher deinen Brief an mich bis auf weitere ordre an Ballabene et Comp: Banquier allhier.

3 Monate habe ich Kontraktmäßigen Urlaub, und in der Zeit will ich auch was rechtes zusammenarbeiten.

Liebe Frau Baas, Auguste,! ich habe es Ihren paar Zeilen wohl angesehen daß Sie sich rächen wollten, denn wahrlich Sie haben mir wehe genug gethan, und doch auch wieder erfreut denn ich sehe daraus daß noch der alte Antheil in Ihnen lebt.

Am liebsten käme ich freylich selbst um alles gut zu machen. Aber das geht leider Gottes nicht. Es ist zu weit, und gehört zu viel Geld dazu, welches ich nicht habe, und ist auch bey Euch besonders im Sommer gar keine Aussicht nur so viel zu verdienen als die Reise kostet. Es ist wohl recht lange daß wir uns nicht gesehen haben, und wer weiß wie lange es noch dauert. doch muß man die Hoffnung nicht ganz untergehen laßen. –

Was segelst denn du so in der Welt herum? dein Brief vom 17t Febr: ist von Worms datirt. Bist du was geworden? hatt sich bey dir etwas zu deinem Vortheil geändert? ich hoffe daß du mir darüber umständlich referirst. das Rezept welches du mir schiktest*, war nicht das wahre, sondern nur der GebrauchsZettel. ich bitte dich inständigst mir das Rezeptbuch zu verschaffen weil manches darinn steht, was mir für meine Gesundheit sehr dienlich wäre. du kannst es mir später nach Gotha schikken.

Von Gänsbacher höre und sehe ich nichts. Von Beer habe ich heute durch den Organist Barthel aus Altenburg der in Wien war, Nachricht aber keinen Brief erhalten. Er hat eine Oper geschrieben die er in Wien aufführen will, und geht dann nach Paris geht. Übrigens geht es ihm kreuz fidel.

Der Schönholz ist hier auf Comission. Seine Zeitung ist schon vor mehreren Monaten des seligen Todes verblichen, und du kannst deine Aufsäzze weiter benuzzen.

Aus deiner Rechnung kann ich nicht recht klug werden schreibe mir nur ganz kurz wieviel du noch von mir bekömst. Was macht denn Bruder Dusch, und die lieben Houts? Erzähl mir doch einmal ordentlich alles.

Nun weiß ich dir nichts mehr zu sagen, und laße den Brief bis zum morgenden Poßttage liegen. vielleicht fällt mir doch noch etwas ein. Einstweilen umarme ich dich innigst in Gedanken. Fluche, schimpfe auf mich aber glaube mich ewig denselben dich treust liebenden Bruder.

Gute Nacht. –

d: 11t Gestern habe ich die Schweizerfamilie zum erstenmale gegeben […] nachdem ich sie von vielen hinzugefügten Wenzl Müllerischen Compositionen befreyt hatte. der nebenher gesagt, wieder in Wien in der Leopoldstadt beym Kasperl KapellMster ist* und sehr zufrieden ist. Mad. Grünbaum seine Tochter, trat gestern zum erstenmale wieder auf nach ihrem Wochenbette, und spielte und sang trefflich. das Orchester gieng herrlich. du solltest einmal so eine Oper hören wie wir accompagniren und mit welchem Vortrag und Feuer.

Wie geht Es denn der Clary? und wo sind die andern Schwestern was machen Hertlings, Weilers pp was hast du neues geschrieben? hat Ritter eine bedeutend gute Oper gemacht, so werde ich ihm drum schreiben. leider können wir Salomons Urtheil nicht brauchen, da es als Melodram schon zu oft gegeben.

Was macht Frey? Kurz, wenn du mir von allen Nachricht geben willst hast du ordentlich zu thun, und eigentlich habe ich gar das Recht nicht dazu es zu verlangen wenn du Repreßalien gebrauchen willst.

Nun weiß ich nichts mehr und gebe in Gottes Nahmen das Geschreibsel auf die Post, möge es dich und die deinigen Gesund finden und nochmit der alten Liebe zu Eurem Euch unverändert innigst liebenden
Weber.

Apparat

Zusammenfassung

über seine Stimmung und Kränklichkeit; ausführlich über Prager Kunst-Verhältnisse; Abhängigkeiten vom Adel; detaillierter Bericht über Theater und Konzerte ab Ende Januar; Personal, geplante Reise; Privates (z.T. für Auguste); betr. nochmals Theater

Incipit

Endlich heute will ich anfangen, damit ich doch in 3 Tagen

Verantwortlichkeiten

Übertragung
Eveline Bartlitz; Joachim Veit

Überlieferung

  1. New Haven (US), Yale University, Beinecke Rare Book and Manuscript Library (US-NHub), Frederick R. Koch Foundation

    Quellenbeschreibung

    • 1 DBl. u. 1 Bl. (6 b.S. o.Adr.)

    Provenienz

    • Stargardt Kat. 630 (1983), Nr. 1005

    Dazugehörige Textwiedergaben

    • Bollert/Lemke 1972, S. 59–62
    • / TV: MMW I, S. 430–432

Textkonstitution

  • „[…]“Gelöschter Text nicht lesbar.
  • „[…]“Gelöschter Text nicht lesbar.
  • „auf“durchgestrichen.
  • „geht“durchgestrichen.
  • „[…]“Gelöschter Text nicht lesbar.

Einzelstellenerläuterung

  • „welches ihrem knechtischen Sinn gegeben“oder: welches ihnen knechtischer Sinn?
  • „… Gley sangen ein paar Intermezzos“Vgl. dazu die Spielplan-AngabenT zum 2. März 1814.
  • „… es Stoff zum applaudiren gab.“Der Chor wurde in Wien am 11. sowie 14. November 1813 in der k.k. Reitschule nach der Aufführung des genannten Händel-Oratoriums (unter dem Titel Timotheus) gegeben. vgl. u. a. AmZ, Jg. 15, Nr. 52 (29. Dezember 1813), Sp. 843, Zeitung für die elegante Welt, Jg. 13, Nr. 245 (9. Dezember 1813), Sp. 1959f.
  • „… Rezept welches du mir schiktest“vgl. Webers Bitte in seinem Brief an Gottfried Weber vom 29. Januar 1814 .
  • „in Wien in … Kasperl KapellMster ist“Müller galt als Vertreter der sog. Wiener Kasperl- und Zauberoper.

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