Carl Maria von Weber an Friedrich Rochlitz in Leipzig
Berlin, Freitag, 22. November 1816

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S: Wohlgebohren

dem Herrn Hofrath

Friedrich Rochlitz.

zu

Leipzig.

durch Güte, nebst
einer Rolle mit meinem
Kupferstich.

Theurer verehrter Freund!

Ueberbringer dieses sind die sehr braven Klarinettisten, Brüder Bender aus Petersburg, die sich Ihrem Schuzze und gütiger Vorsorge empfehlen, und Ihnen gewiß Freude durch ihren schönen Ton und Ensemble Vortrag gewähren werden.

Die Beilage in der Rolle nehmen Sie freundlich an, und gönnen sie ihm ein Pläzchen in Ihrem FamilienZimmer, damit Sie und Ihre verehrte Gattin — die liebe gute Tochter hat wohl schon das väterliche Hauß verlaßen — noch öfter sich den treuen fernen Freund vergegenwärtigen mögen.      Es ist einer der ersten Abdrükke*.

Seit dem 11t July wo ich Sie in Konnewiz sahe, bin ich beinahe keinen Augenblik zu mir selbst gekommen, über dem Andrang der verschiedenartigsten Zeitfreßenden Dinge. d: 13t kam ich in Karlsbad an, und fand da so dringende Briefe von Prag, daß ich schon d: 17t wieder abreiste, und d: 19t den Figaro dirigirte.

Nun muste ich einen Katalog über alle dem Theater gehörige Musik entwerfen, und die Bücher zur Notiz und Kenntniß des ganzen GeschäftsGanges für meinen Nachfolger vollendenT; da ich die Sache in einer einem redlichen Künstler würdigen Zustande übergeben wollte, der nicht heimtükisch froh ist, daß man ihn überall vermißen, und alles ohne ihn stokken wird. Spohrs Faust brachte ich noch auf die Bühne, und er gefiel*. leider war es mir bis jezt unmöglich etwas darüber öffentlich zu sagen, und außerdem wird es wohl schwerlich geschehen. Ja, ihm selbst konnte ich noch nicht einmal diesen glüklichen Erfolg anzeigen, da ich auch nicht weiß wo er jezt stekt. Eine Anzahl KonzertGeber Giuliani, Mlle: Schmalz, pp halfen mir den Kopf toll machen und verzehrten das übrige bischen ZeitT. Ende September, legte ich meine Stelle nieder, und hatte die Freude jezt erst recht zu sehn, wie geliebt und geachtet ich war, und wie ungern besonders meine Untergebenen sich von mir trennten. Alle Arbeit die ich Schleßinger hier Contractmäßig bis 1t Xb zu liefern versprochen hatte*, waren um keine Note vorgerükt, ich muste mich also kurz entschließen eine Zeitlang still zu sitzen, und alle Konzertgebereien an den Nagel hängend zu arbeiten. das thue ich denn auch in vollem Maaße seit d: 13t 8br wo ich hier bin, und hoffe also bis 1t Xb mit einer guten Anzahl Werke zu denen längst | die Materialien in meinem Kopf kochten, und nur auf besonnenes Ordnen harrten; – fertig zu werden*.

Bey meiner Anwesenheit in Carlsbad sprach man mir von einer Anstellung in Dresden*; seit kurzem hat man die Sache näher gelegt, obwohl es mir immer noch weitläufig scheint.      Wie steht es mit den Leipz: Theater Angelegenheiten?* ist es gegründet das Wohlbrük die Regie übernimmt? ist es, so gratulire ich, obwohl ich wohl mündlich mit Ihnen mehr davon sprechen möchte.      Mein Plan ist vor der Hand, in der Hälfte Dezember von hier über Magdeburg, Braunschweig, Hannover pp nach Hamburg und Koppenhagen zu gehen.      glauben Sie daß ich in Leipzig /: ohne ein neues Klavier Concert :/ ein Concert machen kann das den Umweg vergütet, da ich leider jezt auf das Erwerben auch sehen muß, so käme ich von hier aus zuerst dahin, und führte meine Kantate auf.

Hier gebe ich dießmal kein Concert, weil ich erst im Sommer es gethanT, und nicht gerne unbescheiden aussehe, es mir auch zu viele Zeit raubt.

Beiliegendem Zettelchen, ersuche ich ergebenst, bald möglichst ein Pläzchen in der Allg: Musik: Zeit: zu gönnen. der Unfug dieser Art ist zu toll, und hätte es einen Andern getroffen, hätte ich mich wohl etwas heftiger ausgesprochen, da es aber mich angeht so halte ich das einfachste und gemäßigtste immer für das Beste, und die Erbärmlichkeit des Verlegers und H: Ebers tritt doch genügsam ans Licht.

Sind Ihre neuen Erzählungen noch nicht erschienen? ich hungere nach guten Liedern*.

Erfreuen Sie mich bald mit ein paar Zeilen liebster Freund, in denen ich die frohe Gewißheit zu erhalten hoffe, daß Sie gesund und heiter sind, und mit Ihrer herrlichen Hausfrau die ich aufs freundschaftlichst beste zu grüßen bitte, sich gerne zuweilen deßjenigen errinnern, der mit der unwandelbarsten Achtung und Liebe stets sein und bleiben wird Ihr treuer Freund
Weber

Apparat

Zusammenfassung

empfiehlt die Klarinettisten Bender; schickt Portrait; berichtet über die letzten Wochen seiner Tätigkeit in Prag; er arbeite seit Mitte Oktober an einer Reihe von Kompositionen für Schlesinger; betr. seine Anstellung in Dresden; erkundigt sich nach dem Leipziger Theater; Reisepläne; fragt an wegen Konzerts in Leipzig; bittet um Veröffentlichung eines Artikels, in dem er sich gegen ein bei Hofmeister erschienenes Arrangement seines Quintetts verwahrt; hofft auf Liedtexte von Rochlitz

Incipit

Ueberbringer dieses sind die sehr braven Klarinettisten

Verantwortlichkeiten

Übertragung
Eveline Bartlitz; Joachim Veit

Überlieferung

  • Textzeuge: New York (US), Public Library (US-NYpl)
    Signatur: MNY Carl Maria von Weber

    Quellenbeschreibung

    • 1 DBl. ? (3 b. S. einschl. Adr.)
    • Siegelrest

    Provenienz

    Dazugehörige Textwiedergaben

    • Nohl 1867, S. 257–259
    • tV: MMW, S. 533–534

Textkonstitution

  • vollenden„entwerfen“ durchgestrichen und ersetzt mit „vollenden

Einzelstellenerläuterung

  • „… ist einer der ersten Abdrükke“Gemeint ist das im November 1816 von Friedrich Jügel veröffentlichte Weber-Porträt, zu dem der Komponist mehrmals in Berlin gesessen hatte. Eine erste Anzeige zu dem bei Schlesinger erschienenen Blatt erschien in: Berlinische Nachrichten von Staats- und gelehrten Sachen, 1816, Beilage zu Nr. 145 (3. Dezember).
  • „… die Bühne, und er gefiel“Die Uraufführung von Spohrs Faust fand am 1. September 1816 am Prager Ständetheater statt.
  • „… b zu liefern versprochen hatte“Vgl. den mit Schlesinger abgeschlossenen Vertrag vom 29. Juni 1816.
  • „… harrten; – fertig zu werden“Das betraf in erster Linie die Klavier-Sonate Nr. 3, das Heft 3 von Leyer und Schwert sowie das Divertimento für Gitarre und Klavier.
  • „… von einer Anstellung in Dresden“Zu den Gesprächen mit Heinrich Graf Vitzthum von Eckstädt vgl. die Tagebucheinträge vom 15. und 17. Juli 1816.
  • „… mit den Leipz: Theater Angelegenheiten?“Betrifft die Weber angebotene Stelle als Leiter der deutschen Oper in LeipzigT.
  • „… ich hungere nach guten Liedern“Friedrich Rochlitz, Neue Erzählungen, 2 Bd.,[Leipzig/]Züllichau: Darnmann, 1816; als „so eben erschienen“ zum Preis von 3 Rthlr. 12 gr. angezeigt in: Allgemeine Literatur-Zeitung, Halle/Leipzig, 1816, Bd. 3, Nr. 284 (Dezember), Sp. 667.

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