Carl Maria von Weber an Caroline Brandt in Prag
Dresden, Donnerstag, 10. Juli bis Freitag, 11. Juli 1817 (Nr. 65)

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An

Mademoiselle

Carolina Brandt.

Wohlgebohren

MitGlied des Ständischen Theaters

zu

Prag.

Kohlmarkt No: 514.

2t Stok.

Vielgeliebte Gebieterin und Herrin!

Wenn du heute keinen langen Brief bekömst, so sei nur immer ein bischen auf die Berliner Freunde böse, an die ich heute einen Schok Briefe geschrieben habe, und für Schlesinger Correctur gemacht, um sie Morgen früh Hellwig mitzugeben. der dich nebst dem hiesigen aufs beste grüßen läßt, da ich eben Abschied von ihm nahm. Bin auch dieser Tage viel herumgelaufen. d: 7t mit Hellwigs in den Schooner Grund gefahren auf dem Waßer, da viele Kirschen gegeßen, und Abends mit dem Berliner zu Fuße zurük, weil ich dem Waßer meinen Hals nicht anvertrauen mochte. da habe ich denn recht nach allem gefragt was man in Berlin braucht, und was alles kostet. ist doch alles sehr theuer. d: 8t hatte ich Probe von Moses, und arbeitete viel. Nachtische gieng ich zu Kind, wegen einem Gedicht auf der Prinzeßin Mariane ihren Geb Namenstag, das ich comp: muß. Abends in Moses. hierauf einige Pillen, gurgeln, Haue und in Bett. d: 9t ließ ich mich verleiten 2 paar silberne Bestek nebst Löffel, die zu unsern paßen zu kaufen, da 6 paar doch gar wenig sind, und ich sie wohlfeil bekam. wieder etwas in die Wirthschaft. um 9 Uhr Orchester Pr. von Lodoiska. vorher ital: Lection*. Mittags dann mit Hellwigs in den Plauenschen Grund gegangen und mit ihnen gegeßen. Abends zurük und gearbeitet. Heute um 11 Uhr Pr. vom Geheimniß. nach Tische erhielt ich deinen lieben guten Brief No. 68, konnte aber nicht gleich zu ihm gehen, weil die Berliner erst fort müßen. Abends Oper*, und jezt bei Muks.      Ah! ich bin froh,. daß ich bei dir bin, das beste kömt immer zulezt.     Gleich wie ich deinen Brief aufmachte, must ich herzlich lachen, indem mir die große Nummer recht entgegen leuchtete, was ich auch gleich durch die ersten Zeilen bestätigt fand. Kann aber nicht helfen hast in meiner No: 64 schon deinen Tappen weg. hattest aber nicht der Zeit vorgegriffen, sondern warst wieder zurük gegangen, in den Juny, von dem wir froh sein sollen daß er fort ist. Von Berlin ist heute kein Brief von Brühl gekommen, kann dir also noch nichts weiter meldenT außer daß H: Schmidt mir von da, schon gratulirt hat. Nun wir werden ja sehen, ich mache es ganz wie du ich laße den lieben Gott walten. Meine gute Lina, hast mich recht freudig gerührt durch manche schöne Stelle deines Briefes. Gott sei Dank wenn diese Scheu endlich schwindet, sie war das einzige was zuweilen noch fremd zwischen uns trat. O es giebt nichts erhebenderes, beruhigenderes und doch dehmuthsvolles, als das Gefühl des eigenen Willens gut zu sein, und die fühlbaren Fortschritte in diesem Streben. Schreite fort mein geliebtes Leben, und gerne will ich dann mich dann an deinem Urtheil und Glauben anschmiegen, wie du sonst an das Meine. Ich wuste es ja wohl daß diese Zeit endlich kommen muste, und daß selbst diese Trenung von mir dich erst ganz dich dir selbst, durch dich selbst wiedergeben muste, und du aus eigener Ueberzeugung auch meine Liebe und mein Handeln richtig überschauen und beurtheilend erkennen mustest. Jenes herrliche Vertrauen der einzige wahre Grundstein alles häuslichen Glükes und Zufriedenheit, um das ich dich /: errinnerst du dich? :/ so oft flehentlich bat, – Gott | sei dafür gepriesen, – du hast es jezt ausgesprochen. Ein heiliges Unterpfand eine wichtige Verschreibung hast du mir dadurch gegeben, mich stets vertrauungsvoll zu lieben, nie zu zweifeln, nie zu grüblen, immer offen zu fragen. dem Weibe gegenüber hat der Mann kein Geheimniß, der Geliebten gegenüber wird er oft dazu von ihr gezwungen. doch auch das habe ich nicht gethan, ich habe dir immer offen alle Gründe und alle Maaßregeln vorgelegt und gesagt, die ich zu deiner Sinnes und AnsichtsÄnderung und zu unserm Heil für nothwendig hielt. ich mag dich manchmal selbst dadurch irre gemacht haben, aber Gott sei Dank, alles hat reichlich gewuchert, herrliche Blüthen versprechen die köstlichsten Früchte, die unser Ganzes Leben hindurch uns nähren und erquikken sollen. was sind dagegen ein paar trübe Jahre. die sind hinter uns. heiter liegt die Zukunft vor uns.     Bin ganz weich geworden. Gieb mir einen Buß.     [Kußsymbol]     so. du altes liebes Herz. – –

Es ist nicht so arg mit der Undine, und du kannst es immer riskiren, im Ganzen genommen liegt sie doch in den Mitteltönen*. das ist wieder ein recht dummes Geschwäz. Hoffmann kennt den Tomaschek gar nicht, die Oper ist in Berlin geschrieben pp      das wäre traurig wenn die G: ihre Stimme verlöhre. aber sie hat wirklich Zeit sich zu schonen.

Ich habe gar keine Ursache aus dem Berliner Antrag ein Geheimniß zu machen, also kannst du wenn es dir Spaß macht es immer erzählen, doch nur gelegentlich, damit es nicht aussieht als wolle man damit prahlen. Hier habe ich es aus mehreren Ursachen nur Wenigen gesagt, aber in Prag sind ja gar keine Rüksichten zu nehmen.      Geyer wird doch kein Narr sein, und die Direction übernehmen wollen?* so dumm ist er nicht.

Das wegen dem Percal werde ich besorgen. aber du für dich, könntest das alles laßen bis du hier bist, da hast du die Wahl, und kannst das wohlfeilste und beste abwarten.     Das ist ja recht fatal mit dem Bestehlen. –      Wollte ich hätte mich so auf einmal zwischen euch sizzen können auf der Insel*, das wäre schön gewesen. Ist denn die Schwarz in Prag engagiert?* wenn sie in den nächsten Rollen auch gefällt, so hätte ich große Lust gleich an sie zu schreiben.

     Nun gute Nacht, lieber Muks, bin müde und muß noch gurgeln, Gott segne dich + + + bleib brav, gesund und heiter, Grüße an Alle, und behalte lieb deinen dich über alles liebenden treuen Carl.

Guten, guten Morgen meine geliebte Mukkin! wünsche daß du eben so gut geschlafen habest als ich, der beinah etwas zu lange geduselt hätte denn es war 3/4 auf 7 Uhr als ich aufstand, und um 7 Uhr komt schon der SprachMeister. schlafen schmekt mir jezt gar zu gut, und ich könnte den ganzen Tag schlafen. übrigens ist mir aber recht wohl, Halserl giebt sich zur Ruhe, und die Pillen sollen so nach und nach alle Galle, Schleim pp wett nehmen. das beste für mich wäre gewiß alle Jahre ein paar Wochen in ein Bad gehen. aber dazu fehlt es an Zeit und an Geld. der Himmel wird auch schon so helfen, wenn er sieht daß es mir an denen 2 Dingen fehlt.     Heute habe ich abermals großen | Posttag nach München pp ist d: 15t Bärmanns Nahmenstag da muß ich ihm gratuliren. muß überhaupt jezt ein paar Tage dran wenden die rükständige Correspondenz wieder einmal abzuarbeiten, denn ich habe wenigstens 30 unbeantwortete Briefe liegen, oder zu schreiben. Auch drängen mich die versprochnen Arbeiten für Schlesinger der sich sehr honett benommen hat, und den 1t Aprill die 50 Louisdor bezahlte, ohne mich um die Sachen zu mahnen. erst vor ein paar Tagen hat er es sehr höflich und bescheiden gethan. solche Delikateße weiß ich zu ehren, und muß auch wieder etwas dafür thun. Sodann liegt mir eine Rezension von Fescas Quartetten schon Jahr und Tag auf dem Herzen, und die Anzeige über die Lodoiska muß ich auch dieser Tage schreiben. Manchmal wird mir ganz brühsiedend heiß wenn ich so alles zusammenrechne. Muß nur einen tüchtigen Anlauf nehmen und einmal mit Gewalt alles abschütteln, bis es sich wieder von selbst anhäufft. Jezt gehts in die SezPr. von Lodoiska. also lebe wohl. ich sehe auch eben ein paar PlageGeister die Allè heraufkommen die mich doch am Schreibtische stören. Gieb mir also geschwind noch eine Million Bußen, doch halt, hab da so schöne rothe Dinte zum corrigiren, vielleicht schmekten die rothen Bußen beßer, also –
40 Millionen gute frische Bußen!

Wenns noch in der ersten schmacht und Mondscheins Zeit wäre, so müste das wenigstens Blut!! sein, aber -– so dum waren wir doch nie. gelte? wir waren immer so gewiß solid verrükt.

Nun, Gott erhalt uns dabei. Grüß mir die Mutter und Drs: aufs beste. Sei brav, und heiter, denke recht viel an deinen alten Hamster König
Carl.

Apparat

Zusammenfassung

habe Hellwig Korrekturen für Schlesinger nach Berlin mitgegeben; habe noch keine Nachricht aus Berlin erhalten; Privates; wolle dringend an die Schlesinger zugesagten Kompositionen gehen, für die er am 1. April im voraus 50 Ldor erhalten habe; erwähnt versch. zu schreibende Rezensionen

Incipit

Wenn Du heute keinen langen Brief bekömst

Verantwortlichkeiten

Übertragung
Eveline Bartlitz; Joachim Veit

Überlieferung

  • Textzeuge: Berlin (D), Staatsbibliothek zu Berlin – Preußischer Kulturbesitz, Musikabteilung (D-B)
    Signatur: Mus. ep. C. M. v. Weber 107

    Quellenbeschreibung

    • 1 DBl. (4 b. S. einschl. Adr.)
    • Rötel- und Bleistiftmarkierungen von Max Maria von Weber

    Dazugehörige Textwiedergaben

    • Muks, S. 432–437

Textkonstitution

  • „Geb“überschrieben
  • „dann“überschrieben
  • „dich“überschrieben
  • „es“über der Zeile hinzugefügt
  • „… Millionen gute frische Bußen !“Diese Zeile ist groß, mittig, mit roter Tinte geschrieben.

Einzelstellenerläuterung

  • „… Lodoiska . vorher ital: Lection“Webers Italienisch-Unterricht (17. Februar bis 5. September 1817).
  • „… erst fort müßen. Abends Oper“Vgl. den Bericht in der Abend-Zeitung vom 24. Juli 1817.
  • „… sie doch in den Mitteltönen“Caroline Brandt plante wohl, die Titelpartie in der Undine zu ihrem Benefiz zu geben; vgl. auch Webers Brief vom 5. bis 7. Januar 1817. Eine Einstudierung des Werks in Prag kam jedoch bis zu ihrem Bühnenabgang (30. Oktober 1817) laut Tagebuch der deutschen Bühnen nicht zustande. Tomášek hatte Caroline Brandt offenbar gewarnt, die Partie der Undine sei für ihre Stimme nicht geeignet.
  • „… und die Direction übernehmen wollen?“L. Geyer stand nach dem nicht zustande gekommenen Prag-Gastspiel Anfang Juli weiter mit der dortigen Direktion in Kontakt, was schließlich zu Gastauftritten vom 30. September bis 10. Oktober 1817 führte; vgl. dazu den Kommentar zu Webers Brief vom (29./)30. Juni 1817. Möglicherweise war ihm bei seinem kurzen Pragbesuch (vor der Weiterreise nach Karlsbad) ein entsprechendes Angebot unterbreitet worden.
  • „… sizzen können auf der Insel“Offenbar hatte Caroline Brandt gemeinsam mit Carl und Julie Schwarz einen Ausflug auf eine der Prager Moldauinseln gemacht.
  • „… Schwarz in Prag engagiert ?“Julie Schwarz gastierte im Juli 1817 gemeinsam mit ihrem Vater am Prager Ständetheater; sie trat am 7. (Titelpartie in Toni, 9. (Ioni in Die Mohrin von Ziegler), 10. (Jerta in Die Schuld), 13. (Bertha in Die Ahnfrau), 16. und 19. (jeweils Titelpartie in Tankred), 20. (Rosalie in Clementine von Aubigny von Weidmann), 22. (Beatrice in Die Braut von Messina) sowie 24. (Victorin in Die Waise und der Mörder) auf und wurde nachfolgend engagiert (Fach: erste Liebhaberinnen und sentimentale Rollen, singt auch in der Oper); vgl. Tagebuch der deutschen Bühnen (1817, S. 227, 344f.).

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