Carl Maria von Weber an Friedrich Samuel Gerstäcker in Kassel
Dresden, Freitag, 27. Juli 1821 (Entwurf)

Ihren Brief, mein sehr lieber Freund vom 19t habe ich d: 24t richtig erhalten, und mit Freuden daraus ihre glükliche Ankunft, Gesundheit und was die Hauptsache ist, – Zufriedenheit – ersehen. Ich kome nun vor allem auf den Punkt, der mir Ihre stets warme Theilnahme so schön beweißt.

Mit Dank erkenne ich das Vertrauen welches man mir Ihrem Briefe zu Folge in Kaßel schenkt*. Allerdings habe ich hier mit manchen Verdruß, manches Hinderniß, der Kunst nicht so thätig nüzlich sein zu können, als ich wohl den Wunsch und vielleicht auch die Kraft in mir fühle. Aber, wo giebt es in unserem Fache nicht Verdruß? nicht hemmende Verhältniße jeder Art? in Dresden kenne ich diese wenigstens schon. in Kaßel müßen sie sich erst neu gestalten. wer kann da das wie, voraussehen. Jeder billig denkende wird zugeben, daß es Unrecht wäre ohne vollwichtige Gründe, und bedeutend überwiegende Vortheile mit leichtem Sinn einen Hof zu verlaßen, den man innigst verehren und lieben muß, wenn man ihn kennt, und eine Kapelle deren Ruf in Europa anerkannt ist. Ich muß also erwarten ob geehrteste S: K: H: der Churfürst geneigt wären sind*, mich so zu stellen, daß sowohl mein künstlerischer Wirkungskreis als die pekuniären Bestimmungen* von der Art sind wären, daß es mir zur Pflicht würde gegen mich selbst würde sie anzunehmen, und ich mich dadurch vor den Augen der Welt und meines allergnädigsten Monarchen gerechtfertigt wäre, nicht blos einer Wechsellaune gefröhnt zu haben. Ich bin überzeugt das S: K: H: der durchl: Churfürst gewiß diese Gesinnungen nicht mißbilligen werden, und selbst sich nicht der Aquisition eines Künstlers erfreuen könnten, der mit zu großer Leichtigkeit seine DienstVerhältniße zu wechseln im Stande ist.

Mein Gehalt besteht dermalen aus 1500 rh: ich kann aber mit Gewißheit voraussehen, daß er sich bis Michaeli zu 2000 heben wird.

Mit großen Erwartungen sieht allerdings ganz Deutschland auf die neue KunstAnstalt*, die mit so großartiger Liberalität und Kunstliebe begonnen wird, und es muß dem H. GeneralD: Feige ein erhebendes Gefühl sein, den Aufbau eines solchen Werkes leiten zu können. ich bitte Sie lieber Freund demselben meine Achtungsvollen Grüße und besten Glükwünsche zu seinem schwierigen Geschäfte darlegen zu wollen, und daß ich weiteren freundlichen Eröffnungen von Seiten der geehrten GeneralDir: entgegen sehe.

ich schließe für heute. herzliche Grüße an das liebe dikke Frauchen, Mutter und Kinder. Gott erhalte Euch Sie gesund und zufrieden, und glauben Sie daß immer mit treuer[?] alter Freundschaft an Sie denkt Ihr
CMvWeber

Apparat

Zusammenfassung

trotz der Unzufriedenheit in Dresden, fällt es ihm schwer, sich einen Wechsel nach Kassel vorzustellen, die Gründe müßten schon sehr überzeugend sein; ganz Deutschland sehe mit Spannung auf die neue Kunstanstalt;

Incipit

Ihren Brief, mein sehr lieber Freund vom 19t habe

Generalvermerk

Verantwortlichkeiten

Übertragung
Joachim Veit

Überlieferung

Textzeuge

Entwurf: Hilden (D), In Privatbesitz

Quellenbeschreibung

  • 1 Bl. (2 b.S.)
  • auf Rückseite Rest des Bach-Artikels KS 147 u. Webers Danksagung wegen Freischütz vom 19. Juni 1821 (Kopie aus Berliner Intelligenz-Blatt)

Überlieferung

  • Kölner Antiquariatsmesse 1995

Textkonstitution

  • "vor allem": durchgestrichen.
  • "mit": durchgestrichen.
  • "und vielleicht auch die Kraft": Hinzufügung am Rand.
  • "zugeben": "einsehen" überschrieben.
  • "ohne vollwichtige Gründe, … bedeutend überwiegende Vortheile": Hinzufügung am Rand.
  • " S: K: H: der Churfürst": "die" durchgestrichen.
  • "geehrteste": durchgestrichen.
  • "wären": durchgestrichen.
  • "die": Hinzufügung.
  • " sind": durchgestrichen.
  • "würde": durchgestrichen.
  • "mich": durchgestrichen.
  • "der": Hinzufügung.
  • "zu": Hinzufügung.
  • "im Stande ist.": "Lust bezeigt." überschrieben.
  • "svollen Grüße": durchgestrichen.
  • "freundlichen": durchgestrichen.
  • "Euch": durchgestrichen.
  • "treuer?": durchgestrichen.

Einzelstellenerläuterung

  • "… zu Folge in Kaßel schenkt": Demnach enthielt Gerstäckers Brief wohl den ersten Hinweis auf die Planungen, Weber als Hofkapellmeister nach Kassel zu verpflichten. Den entsprechenden offiziellen Antragsbrief erhielt Weber laut Tagebuch erst am 10. August 1821.
  • "wären sind": ursprünglicher Text: sind, durch wären ersetzt, danach ursprünglicher Text durch darunter gesetzte Punkte wieder gültig
  • "künstlerischer Wirkungskreis als die pekuniären Bestimmungen": Weber notierte am 10. August 1821 den Empfang des Briefes von Karl Feige vom 6. August, in dem ihm 2500 th. Jahresgehalt zugesichert werden.
  • "neue KunstAnstalt": Das Kassler Theater wurde 1821 umgebaut und erhielt wieder ein eigens Ensemble, vgl. MGG, Bd. 7, Sp. 727–728.

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