Carl Maria von Weber an Gottfried Weber in Darmstadt
Dresden, Montag, 22. April 1822

Herrn Herrn

Gottfried Weber

Wohlgebohren

zu

Darmstadt

Wie soll ich dir mein herzlieber Bruder die Freude beschreiben mit der dein lieber Brief mich so überraschend überschüttet hat. So mancher herrliche unverdiente Erfolg den mir der Himmel geschenkt, hat mich nicht so erfreut, und durch und durch belebend aufgeregt und erheitert. du kannst mich nur dann begreiffen, wenn du weißt wie unendlich lieb ich dich habe, und daß ich deine Liebe ganz für mich verlohren glaubte*.      Gott sey Dank daß es nicht so ist. du bist wieder der Alte, ich habe es nie aufgehört zu sein, und ich möchte dich nur da haben, um dir so recht aus voller Seele zeigen zu können, welchen wahrhaften Lichtblik du meinem Leben wieder giebst.

Aber wo soll ich anfangen, wo aufhören. Es wird eine Weile brauchen ehe man sich nur wieder das Nothwendigste erzählt hat. Es ist gar lange lange Zeit verfloßen.      doch nun will ich erst deinen Brief beantworten, dann noch hinkrazzen was mir eben einfällt.      Habe Dank für deine Zufriedenheit mit meinem Freyschützen. des Beyfalls tüchtiger Männer die ich ehre und anerkenne bedarf ich, um mich weiter zu ermuntern und zu kräftigen. denn es wird mir manchmal ganz Angst bei der Höhe auf die sich der Beyfall hinauf gewirbelt hat, und ich meyne immer es müße nun wieder abwärts gehn. Nun, ich werde ehrlich meynend meinen Weg weiter gehn wie bisher, und thun was ich nicht laßen kann.

Das mit dem Schott ist eine dumme Geschichte, ich kann mich aber nicht wohl drein mengen. der Teufel verhindre allen Nachstich*. Wenn er aber wirklich meine Partitur stechen will, werde ich ihn in allen Zeitungen als Dieb blamiren*. ich habe öffentlich angezeigt daß die Partitur auf rechtlichem Wege nur von mir zu haben wäre. wer sie also anderst erhält ist unrechtlich.      du dummer Kerl, da hätt ich viel zu thun wenn ich jedem der die Partitur kauft noch ein Werkchen drein geben sollte*. ich habe nichts, und H: Schott begehrt es auf eben so insolente als freche Weise.      da du dich | der Sache schon so freundlich angenommen, so hoffe ich auch blos von dir das Beste dabei. H: Maurice hat mir auch darüber geschrieben, hält aber die Sache schon für ganz abgemacht zu seinen Gunsten.

Die Papiere die du mir geschikt, habe ich vor der Hand dem Hofrath Böttiger mitgetheilt, und werde dir seiner Zeit das weitere darüber berichten.

ich war 14 Tage in Wien recht krank, habe auch hier 3 Wochen das Zimmer gehütet, und gehe erst seit 10 Tagen wieder aus. Anfangs May zieh ich aufs Land da wirds wohl alles wieder gut werden.      Meine Frau wird hoffentlich Ende May entbunden werden. 3 Kinder hat mir der Himmel wieder genommen*; Gott gebe daß ich endlich eines erhalte.

Der Frau Baaß küße ich nicht blos die Hand, nein ich umarme Sie recht herzlich, welches ich auch für dich bei meiner Frau ausgerichtet habe, die Euch bestens grüßt.

Also mit meinem lieben Freund Hoffmann wohnst du zusammen? da möcht ich auch einmal wieder dabei sein.      ist aber so bald keine Aussicht dazu. die nächste Reise geht wieder nach Wien, zur Aufführung meiner neuen großen Oper Euryanthe. dann muß ich wohl ein Jahr still sizzen. ach und wer weiß denn wie lange man lebt.

Meyerbeer ist ganz Italien verfallen. –– Wohin sind unsre schönen Träume? –– Seine neue Oper l’Esule di Granada hat in Mayland sehr gefallen*.

Gänsbacher ist noch immer Oberlieutenant in Insbruk, und wirkt da kräftig für das Gedeihen der Kunst. |

Was treibst du denn jezt? Darf man auf eine Fortsezzung deiner trefflichen Theorie hoffen?*

Da fällt mir eben was ein. Wenn Schott sich mit mir verständigen will, so kann er in Gottes Nahmen die Partitur stechen*, und ich will ihm jezt keinen abschrekkenden Preiß mehr sezzen. willst du ihm wohl das mittheilen?

Nun ade, für heute. du Glüklicher, 6 liebe Geschöpfchen umgaukeln dich.

Grüße mir auch innigst das ganze Haus. der arme Hoffmann, hat immer viel zu leiden. Sein Onkel wird ihn bald besuchen.

Und nun mein geliebter Bruder drükke ich dich innigst an mein Herz, mit allen alten Mannheimer Gefühlen der Liebe, Achtung und Dankbarkeit, behalte auch mich lieb und schreibe bald wieder deinem unveränderlich treuen Bruder Weber.

Hast mir nicht einmal deine Adresse geschrieben, mußt dich also mit dem nakten Gottfried begnügen.

Die Zentner habe ich in Wien viel gesehen. Es geht ihr gut da, im Hause des Grafen Festetisch. Sie ist ganz die alte Enthusiastin.

Apparat

Zusammenfassung

Freude über Nachricht von Gottfried; dankt für dessen Zeilen zum Freischütz; erwähnt Ärger mit Schott; hat von G. mitgesandte Papiere an Böttiger weitergeleitet; Privates; Plan der Wienreise; Neues von Meyerbeer und Gänsbacher; hofft auf Fortsetzung v. G’s "Theorie"; er solle Schott mitteilen, daß sie die Partitur des Freischütz für einen niedrigen Preis stechen können.

Incipit

Wie soll ich dir mein herzlieber Bruder die Freude

Verantwortlichkeiten

Übertragung
Eveline Bartlitz; Joachim Veit

Überlieferung

  1. New Haven (US), Yale University, Beinecke Rare Book and Manuscript Library (US-NHub), Frederick R. Koch Foundation

    Quellenbeschreibung

    • 1 DBl. (4 b. S. einschl. Adr.), Siegelrest
    • PSt: DRESDEN 22. Apr. 22
    • am Kopf der recto-Seite Vermerk: „beantw. 3 May“ (später im Vorfeld der Caecilia-Edition gestrichen und weitere Hinweise ergänzt)

    Provenienz

    • Stargardt Kat. 630 (1983), Nr. 1005

    Dazugehörige Textwiedergaben

    • Anonym: Eine Reihenfolge von Briefen C.M.v.Webers in: Caecilia Bd. 7, Heft 25 (1828), S. 21–24
    • Bollert/Lemke 1972, S. 82–83

Einzelstellenerläuterung

  • „… ganz für mich verlohren glaubte“Beim Besuch bei Gottfried Weber in Mainz im November 1817 hatte C. M. von Weber eine Entfremdung von seinem langjährigen Freund beklagt; danach gab es bis zum April 1822 weder Begegnungen beider noch Korrespondenz zwischen ihnen. Möglicherweise waren die Berichte über den überwältigenden Erfolg des Freischütz an vielen Theatern bzw. die bevorstehende Einstudierung in Darmstadt der Auslöser für die Wiederaufnahme der Korrespondenz durch Gottfried Weber.
  • „… der Teufel verhindre allen Nachstich“Beim Verlag Schott war vor Mai 1822 der Klavierauszug des Freischütz „mit leichter Clavier Begleitung | eingerichtet von Carl Zulehner“ erschienen (vgl. HbmL 1822, S. 56), was für den Originalverleger Schlesinger große Einbußen bedeutete (vgl. dazu dessen Stellungnahmen). Zunächst wollte Weber sich in die Auseinandersetzung der Verleger nicht einmischen (vgl. auch Gottfried Webers Brief an den Schott-Verlag vom 30. April 1822), auf Schlesingers Bitte hin verfasste er dann im August 1822 aber doch eine Erklärung, dass er allein Schlesinger die Veröffentlichungsrechte eingeräumt habe.
  • „… allen Zeitungen als Dieb blamiren“Schott hatte bei Weber eine Partiturkopie des Freischütz bestellt (vgl. die diesbezügliche Korrespondenz), Weber schickte das für das Darmstädter Hoftheater vorgesehene Manuskript aber direkt dorthin (vgl. den Brief an K. J. Wagner vom 10. Februar 1822), wohl auch, um Schott den Zugang zur Partitur und somit eine mögliche Partiturausgabe zu erschweren.
  • „… ein Werkchen drein geben sollte“Zur Forderung des Verlages vgl. Webers Brief vom 10. Februar 1822 an K. J. Wagner.
  • „… mir der Himmel wieder genommen“Die erste Tochter war mit vier Monaten gestorben; außerdem erlitt Caroline von Weber am 30. September 1819 in Dresden sowie im Herbst 1820 in Hamburg Fehlgeburten.
  • „… hat in Mayland sehr gefallen“Vgl. u. a. den Bericht in der AmZ, Jg. 24, Nr. 16 (17. April 1822), Sp. 255–259.
  • „… Fortsezzung deiner trefflichen Theorie hoffen?“Nach den drei Bänden der ersten Auflage der Versuch einer geordneten Theorie der Tonsezkunst (1817/18/21) erschien 1824 eine überarbeitete vierbändige Neuausgabe.
  • „… Gottes Nahmen die Partitur stechen“Eine gedruckte Partiturausgabe des Freischütz in der originalen Fassung erschien erstmalig im Sommer 1849 bei Schlesinger in Berlin (PN: S. 3512.), zuvor legte Castil-Blaze lediglich seine Freischütz-Bearbeitung Robin des Bois in Partitur vor (Paris 1825, PN: C. B. 20.).

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