Carl Maria von Weber an Johann Gänsbacher in Innsbruck(?)
Dresden, Donnerstag, 12. Dezember 1822

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Ich habe einen gut und bösen Sommer verlebt. Gut war er weil Gott mein Haus mit Gesundheit seegnete, und die stillende Mutter gedieh wie der kleine wilde Max, der vor einigen Tagen schon sein erstes Zähnchen bekam. -- schlimm war er, weil ich fast gar nichts arbeiten konnte, da der häufige Dienst durch die Krankheit des Kirchen Compositeur Schubert allein auf mir lag, und da ich bei Pillnitz auf dem Lande wohnte, 2 Stunden von hier, so war ich immer auf der Landstraße, und vertrödelte Geld und Zeit. nun ist gar Morlachi auch krank geworden und der italienische Dienst auch auf mich gestürzt. nebst allen Festlichkeiten die die Vermählung des Prinzen Johann herbeiführte*, ja sogar die Cantate die Morlachi comp: hatte mußte ich aufführen.      Es war daher gar nicht daran zu denken daß ich mein Versprechen meine Euryanthe diesen Herbst in Wien zu geben halten konnte, und ich verliehre dadurch ein ganzes TheaterJahr.      Uebrigens stellen sich aber meine Verhältniße hier, täglich beßer, und ich gewöhne mich schon an den Gedanken hier zu leben und zu sterben.      dieß lezte fatale Wort, Sterben, ist eigentlich meine nächste Veranlaßung dir heute zu schreiben. das ewige Kränkeln des Schubert läßt mich fürchten, daß er nicht lange mehr auf Erden wandeln möchte. Ich kann dem mich so beglükenden Plane noch immer nicht entsagen dich bei mir leben zu wißen. ich würde auf dem Gipfel der Zufriedenheit stehen, wollte Gott mir diese Freude gewähren.      ich habe erst gestern wieder ausführlich mit meinem Cheff darüber gesprochen, und darf überhaupt hoffen daß man auf das was ich sage einige Rüksicht nimmt. Man hat die Idee hier 2 Musikdirektoren anzustellen wovon jeder 6 bis 700 Thaler sächsisch. Gehalt haben würde, die sollten dem KapellMster an die Hand gehen, und allen Dienst mit Ihm theilen, vorarbeiten, in Abwesenheit übernehmen p p.      Ich bitte dich daher inständigst, mir, wenn du die für meinen König bestimmte Meße noch nicht fertig hast; einiges | deiner früheren Kirchen Comp:  auch Ouverturen p p in Partitur zu schikken*; und mir baldigst zu schreiben ob du auf eine solche Stelle eingehen würdest oder nichtT. Leben davon könntest du gewiß ganz ordentlich, deine Arbeiten würden sich von hier aus beßer verbreiten. Mein Haus wäre das deinige, und auch dein Gehalt würde mit der Zeit steigen.

Ich vermuthe daß sich in deinem Landel noch nichts bestimmtes für dich entschieden hat, weil du mir gewiß diese Beruhigung über dein Schiksal nicht verschwiegen haben würdest, und gehe also ruhig in Vorarbeiten für meinen Lieblings Plan fort.

Innig betraure ich deine unglüklichen Familien Verhältniße*, Gott stärke dich du treuer Bruder. von D moll höre ich auch nichts. Man sagt Sie wolle Fanny an Ihren Wirthschafts Rath verheyrathen, - und munkelt allerley darüber.      Angst geht es nicht sehr gut. -

Meine Lina grüßt dich herzinnigst, und kennt auch nur den Wunsch dich bei uns zu wißen. Möge doch der Himmel diese schuldlose Bitte erhören.
Ich müßte mich schämen von dem Vereine noch Kopiegebühren nehmen zu wollen*. ich lege dir hier einen Brief bei.      Antworte mir gleich, und glaube mit der innigsten Liebe dir ergeben deinen ewig treuen
CMvWeber.

Apparat

Zusammenfassung

Überlastung durch Festlichkeiten und Morlacchis Krankheit verhindern Vollendung der Euryanthe; dauerhafte Krankheit Schuberts läßt ihn an Gänsbacher als Nachfolger denken; bittet diesen dringend um Übersendung von Kompositionen, mit denen er sich eventuell für die Stelle qualifizieren könne

Incipit

Ich habe einen guten und bösen Sommer verlebt

Verantwortlichkeiten

Übertragung
Eveline Bartlitz; Joachim Veit

Überlieferung

  • Textzeuge: Wien (A), Gesellschaft der Musikfreunde in Wien, Bibliothek (A-Wgm)
    Signatur: Weber an Gänsbacher 52

    Quellenbeschreibung

    • 1 Bl. (2  b. S. o. Adr.)

    Dazugehörige Textwiedergaben

    • Nohl 1867, S. 283–284

    Einzelstellenerläuterung

    • „… Vermählung des Prinzen Johann herbeiführte“Im Rahmen der Feierlichkeiten anlässlich der Hochzeit des Prinzen Johann (21. November 1822) hatte Weber am 22. November die Tafelmusik zu dirigieren, am 23. und 24. November die Musik in der Hofkirche, am 25. November die Festkantate von Morlacchi sowie am 28. November die eigene Festspiel-Musik.
    • „… p in Partitur zu schikken“Weber erhielt die erbetenen Musikalien laut Tagebuch am 9. Januar 1823 (vgl. den Kommentar dort).
    • „… ich deine unglüklichen Familien Verhältniße“nachdem Gänsbachers Schwager Joeph Mitterwurzer (um 1777–1845) seine Anstellung verlor, hatte dessen Frau, Gänsbachers Schwester (Maria) Magdalena Mitterwurzer (1785-nach 1837), große psychische Probleme. Gänsbacher musste für seine Schwester und deren Kinder finanziell aufkommen; vgl. Gänsbacher, Denkwürdigkeiten, S. 97f.
    • „… noch Kopiegebühren nehmen zu wollen“Die Kopiegebühren für die Kantate Kampf und Sieg, bestimmt für den Innsbrucker Musikverein als Dank für die verliehene Ehrenmitgliedschaft, vermerkte Weber am 2. Juni 1822 im Tagebuch; unmittelbar darauf dürfte der Versand erfolgt sein.

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