Carl Maria von Weber an Gottfried Weber in Darmstadt
Dresden, Montag, 15. Dezember 1823

Lieber Bruder, ich hätte Dir gleich wieder geantwortet*, wenn ich nicht mit meiner Ankunft den 10. Nov. unmittelbar in ein Meer von Dienstgeschäften gestürzt wäre. Morlachi reiste den Tag meiner Ankunft nach Venedig ab, mein anderer College Schubert ist krank, und somit liegt aller Dienst auf mir allein, und obendrein habe ich die Aussicht, dass es den ganzen Winter so fortgeht, wenn nicht ein Deus ex machina kommt: und auf den hoffe ich wirklich. Ja lieber Bruder freue Dich mit mir, ich hab es dahin gebracht, dass Se. Majestät die Anstellung unsers Gänsbacher als Musikdirektor, genehmigt hatT. Jede Stunde erwart ich nun seine Antwort ob ers annimmt, und wann er kommen kann. Welch ein Trost für mich, mit einem so braven Kerl vereint wirken zu können, und ihn der Kunst wieder gegeben zu haben, die ihm nun eine lebenslängliche, ruhige Existenz sichert. Vor der Hand ists aber noch ein Geheimniss […]

Mein Junge, Max, vor der Hand noch der Einzige, leidet sehr am Zahnen, und meine sehr ängstliche Frau denn mit, und ich wieder durch beide. -- Gott segne deine Studia: Hast wohl jetzt schon No. 8! Meine herzlichsten Wünsche für das Wohl der Mutter und des Kindes. Ja! wären wir beisammen. --

Also Schott eine musikalische Zeitschrift?* […]

Schlesinger in Berlin giebt auch eine heraus zum Neujahr*. […]

Gratulire zur Vollendung der 2ten Auflage*. Ist sie viel anders? muss ich sie haben?

Die Wirkung die die Euryanthe hervorbringt ist ganz so wie ich es mir gedacht habe. Meine übertriebene Freunde gaben diessmal meinen Feinden die Hand, indem beide lächerlicher weise verlangen, dass die Euryanthe eben so die Masse anziehen soll, als der Freyschütz. Wie thöricht! als ob -- sans comparaison, -- eine Iphigenia, ein Don Carlos irgendwo Zugstücke geworden wären. Die 3 ersten Vorstellungen in Wien, die ich dirigirte, wurden wirklich mit einem unglaublichen Enthusiasmus aufgenommen, die 4te, die ich in einem Logenwinkel hörte, eben so, und ich wurde auch wieder 3mal hervorgerufen, in allem 14 mal. Bis zur 12ten Vorstellung* war nun der Beifall immer derselbe, bei mässig besetztem Hause. So weit gehen meine Nachrichten. Der [...] hat sich wie ein wahrer Rezensenten-Schuft benommen: in seine Zeitung, in die Moden-Zeitung und in den Sammler zugleich geschrieben, und herunter zu ziehen gesucht was er konnte, und selbst die offenbare Lüge nicht gescheut, oder listiges Verschweigen angewendet, um den Erfolg als zweifelhaft darzustellen*. Auf Neid muss man gefasst seyn. Die freymüthig mir dargebrachten Achtungsbeweise aller tüchtigen Künstler haben mich dafür überreichlich entschädiget.

Nun Punktum. Gott erhalte Euch alle gesund. Ewig Dein Weber.

Apparat

Zusammenfassung

klagt über Arbeitslast; freut sich, dass der König Gänsbachers Anstellung bewilligt hat, dessen Antwort er erwartet; beider Familien betr.; erwähnt neue Zeitschriften bei Schott u. Schlesinger; fragt, ob er die 2.Auflage von G's Theorie kaufen solle; über die Wirkung der Euryanthe; beschwert sich über üble Machenschaften der Rezensenten

Incipit

Lieber Bruder, ich hätte dir gleich wieder

Verantwortlichkeiten

Übertragung
Eveline Bartlitz; Joachim Veit

Überlieferung

  1. Verbleib unbekannt

    Dazugehörige Textwiedergaben

    • Anonym: "Eine Reihenfolge von Briefen C.M.v.Webers" in: Caecilia Bd. 7 (1828), Heft 25, S. 27–28
    • Bollert/Lemke, S. 86

Textkonstitution

  • Unleserliche Stelle
  • Unleserliche Stelle
  • Unleserliche Stelle

Einzelstellenerläuterung

  • „… hätte Dir gleich wieder geantwortet“auf den Brief von Gottfried Weber, den er am 21. November erhalten hatte.
  • „… Also Schott eine musikalische Zeitschrift?“Ab 1824 erschien bei Schott die Cäcilia. eine Zeitschrift für die musikalische Welt.
  • „… auch eine heraus zum Neujahr“Die Berliner musikalische Zeitung, redigiert von A. B. Marx, erschien von Januar 1824 bis Dezember 1830 bei Schlesinger in Berlin.
  • „… Vollendung der 2 ten Auflage“Gottfried Weber, Versuch einer geordneten Theorie der Tonsetzkunst zum Selbstunterricht. Zweite durchaus umgearbeitete Auflage, 4 Bd., Mainz: Schott, 1824.
  • „… Bis zur 12 ten Vorstellung“Bis zu diesem Zeitpunkt hatten zehn Vorstellungen der Euryanthe in Wien stattgefunden (25., 27. und 29. Oktober 1., 14., 19., 23. und 30. November sowie 5. und 12. Dezember 1823), zu Webers Lebzeiten folgten nur noch zwei (am 30. Dezember 1823 sowie 17. Januar 1824).
  • „… den Erfolg als zweifelhaft darzustellen“Zu Webers Verdacht bezüglich der Autorschaft der Euryanthe-Kritiken in der Wiener Allgemeinen musikalischen Zeitung, dem Sammler sowie der Wiener Modenzeitschrift vgl. Weber-Studien 10, S. 152.

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