Carl Maria von Weber an Caroline von Weber in Dresden
Ems, Donnerstag, 11. bis Sonntag, 14. August 1825 (Folge 1, Nr. 15)

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An die Hochwohlgebohrne

Freyfrau, Carolina von Weber.

zu

Dresden

Guten Morgen mein vielgeliebtes Leben. Habe sehr gut geschlafen, bin aber mit Kopf und Zahnweh aufgestanden welches aber jezt etwas nachgelaßen hat. Hingegen war mein Husten heute recht brav, wenig, und gar nicht krampfig. Also offenbar Beßerung seit einigen Tagen, denn nach dem gestrigen Tage hätte ich mich billig schlimmer fühlen müßen. Gewöhnlich kömt dann immer alles zusammen. Kaum hatte ich meinen Brief an dich abgesendet, so kam Kemble, und mit ihm der Director des Philarmonical Concerts. Smart.      zugleich aber ein Billet der Gräfin Perponcher noch Vortische zu ihr zu kommen wegen der Kronprinzeßin. Kemble konnte nur bis zum Abend bleiben, du kannst also denken wie mir das den Kopf einnahm. wir aßen zusammen, sprachen viel, und viel intereßantes, aber das beste, die Bewilligung großer Summen, — fiel weg, und er beharrte auf seinem Gebot*. — —

Mündlich werde ich dir alles genauer auseinander sezzen. von Livius brachte er mir eine artige goldne Dose*, und der Director Hawes in London schikt mir mit dem nächsten Courier ein Stük Silber.      für Preciosa gab er mir 30 £ Sperling, die ich verlangte. Uebrigens gefiel er mir sehr wohl, ein gerader, offner, sehr liebenswürdiger Mann. Der Smart ein ächter Engländer, der im 7b nach Dresden komt, und mir in London sehr nüzlich sein wird. um 6 Uhr ließ ich sie nach Coblenz fahren, zog mich um, und gieng zur Perponcher, wo die Kronprinzeßin, Markgraf und Gräfin von Baden, und mehrere andere Prinzliche Häupter waren.      Man überschüttete mich mit Artigkeit, und ich mußte natürlich spielen. um 1/2 9 Uhr aber hoffte ich sollte alles vorüber sein da die Kr: Prinzeßin um diese Zeit immer ihr Tuschbad nimmt, aber sie vergaß alles, und ich kam erst gegen 10 Uhr ganz ermüdet und mit tüchtigem Kopfweh nach Hause.      Die freudigste Erholung gab mir nun heute Dein lieber No: 10 vom 4t August, wo denn nur immer das beglükkendste für mich ist, daß Euch Gott Alle so gesund erhält. Nur dieses, und alles übrige findet sich.      Dieser Brief von dir enthält schon die Antwort auf Manches was ich dir gestern geschrieben habe, und ich freue mich daß Du auch haben willst ich soll langsam zurük reisen. ob ich es aber aushalte wenn es dazu komt, bezweifle ich sehr. Von hier gehe ich auf jeden Fall über Coblenz, St. Goar, und Bingen, dann durch das Rheingau nach Frankfurt, und vielleicht auf 1 oder 2 Tage nach Darmstadt. Was fällt dir ein zu glauben daß ich in Frankf: dirigieren werde. Gott bewahre. Die Euryanthe hören soll ich. Doch glaube ich auch nicht daß es dazu kömt, denn ich zeige meine Ankunft nicht an, obwohl ich es versprochen habe.      in Weimar bleibe ich auch einen Tag, sonst aber halte ich mich nirgend auf, d: 20t denke ich abzureisen. /: o!! schönstes Wort !!! :/ und da kann also wohl d: 2t oder 3t Sept: herankommen, bis ich wieder Dresden erreiche.

d: 13t Schönen guten Morgen, herzliebste Mukkin, da komme ich erst heute wieder zu Dir.      Gott! was hat man für Geschäfte!!! — Dem Himmel sei Dank, heut über 8 Tage gehts — Futsch — —.

Seit ein paar Tagen habe ich Abends und die halbe Nacht einen fatalen Besuch. nehmlich von sehr heftigem Zahn und Gesichtsreißen, das sich leise anfangend leis zum entsezlichsten Schmerz steigert, und dann nach einer 4tel Stunde ohngefähr sich wegzieht, wie man ein Tuch langsam vom Gesicht zieht. Dieß wiederholt | sich so 4-5 mal, und dann schlafe ich aber so süß, daß ich meistens verschlafe, und mich an den Brunnen tummeln muß. Troz dem geht es mir aber wirklich beßer, und ich hoffe alles von der Zukunft. Alle Ärzte hier kommen darin überein, daß ich eigentlich eine vortreffliche obgleich für alle Eindrükke höchst empfängliche Natur hätte, /: die aber eben so schnell vorüber giengen als sie kämen :/ und wo ich hauptsächlichst mich ganz gesund erhalten könne, durch Ruhe ohne Gebrauch anderer Heilmittel.      Nun ist aber diese Medizin gerade die, die ich am wenigsten nehmen kann, und alles, was du mir schreibst läßt mich gar nicht drauf hoffen.      Nun, ich habe mir fest vorgenommen, mich zu schonen wo ich nur kann. wird denn etwas anderes auch nur anerkannt? —

Unser Wetter ist noch immer trefflich, obgleich seit 8 Tagen etwas veränderlich, doch nicht in dem Grade daß es im mindesten zur Kur störend wäre. Da hat mich dießmal der Himmel sehr begnadigt. wie er ja immer thut.      Große Parthien mache ich nicht mit, und Nachmittags laßen sich schon immer ein paar gute Stunden zum Gehen, Eseln, oder fahren, heraussuchen.

ich kann mir recht denken, wie viel ihr von der Hizze gelitten habt in dem Treibhause. ich habe mich recht behaglich braten laßen.      Der Max ist doch ein seltsames Gemüth. wie das mit dem Klavierspielen aufs Neue beweißt. der wird uns noch zu schaffen machen.      Auf diesen Brief kannst du mir auch noch nach Weimar antworten. ja, ja! ich kann dir nicht helfen, nur drauf los geschrieben, es macht mir gar zu große Freude über Euch beruhigt zu sein. Meinen nächsten Brief aber kriegst du gratis, und ich überflügle dich dießmal tüchtig in der Zahl.      An Lüttichau will ich wo möglich heute Abend schreiben. du hast ganz recht, obwohl ich ihm buchstäblich gar nichts zu schreiben habe.      Also Hauser hat solche Mukken? es ist möglich, aber — bedenke wie es auch zugehen mag und daß Mosje Marschner nicht der Mann ist ihm zu imponiren.      Die Idee mit dem Buschbade ist gar nicht übel, aber, wenn ich einmal so nahe bin, will ich doch gern ganz wieder in die alte, wohlthuende Ordnung. Doch will ich mir es noch recht genau überlegen, und weiter darüber schreiben, aber glaube mir, mein innig geliebtes Leben, obwohl man mich buchstäblich auf den Händen trägt, und Herren und Damen des ersten Ranges auf jeden Wink lauern mir zu dienen, so ist mir doch nirgend ganz wohl als wo die Buben bläken, die Mukkin brummt, und ich die Mägde fortschikken und den Ali hauen kann, wenn sie es zu toll machenT. Auch darf ich ja hoffen daß die Lina jezt viel braver ist. ich hoffe es von mir gewiß, denn ich bin ja gesund, und über meinen Hals auch sehr beruhigt, selbst wenn er nicht ganz curirt werden sollte.      Also, laßt uns fröhlich und guter Dinge sein, und das Leben fest halten mit allem Guten was uns Gott so freygebig geschenkt hat, vor Tausenden.      ade, für heute. Morgen krieg ich wieder ein Briefel vom Muks. Gott segne Euch + + +. ade, ade ade. |

d: 14t Sonntags.

So eben erhalte ich No: 11 vom 6t huj: meiner herzlieben Mukkin, mit der ich aber wahrlich recht zanken muß. Du lernst und lernst nicht glauben. was ich sage ist wahr, ich verschweige dir nicht das geringste Unwohlsein, und erzählte dir jedes bißel Zahn und Kopfreißen, und du kannst solchen albernen Geschwäzzen auch nur einen Augenblik Gehör schenken, da du darüber lachen solltest indem du den Beweiß vom Gegentheil in den Händen hast. Ja! wenn dergleichen Gerüchte früher zu dir kommen könnten als meine Briefe, oder einmal einer ausbliebe, da wäre es begreifflich daß Du dich ängstigest, so aber, — nimm mirs nicht übel, aber das verdient Haue, nichts zu eßen, und in Bett!! — So! nun hast Du dein Theil, und nun will ich auch wieder gut sein. Da hast einen guten Buß [Kußsymbol]!

Auch diese Nacht hat mich der Gesichtsschmerz heimgesucht wie ich kaum eingeschlafen war. aber den Tag über ist er weg, und ich bin wahrlich im Ganzen so gesund als ich es nur wünschen kann, und wo ich wenn es so bleibt für immer mich glüklich preisen muß. also sei die Madam kein Oz!!! aber freylich, wie jener Jude sagte, Oz! bleibt O.! gratulire dem Herrn Lex zum 1t Suppel. Die Lene schikk fort, so hat das Ding ein Ende. Mitbringen will ich gerne was, aber was? das ist immer die Frage. Du kriegst nitz! hab nitz. Allerdings muß man Johanns Frau Geld geben. ich hab’s ihm gesagt. Mailath’s Sache ist nicht so wichtig, gräme Dich drum nicht. hole der Henker das ganze Komödianten Wesen. — Je öfter ich deinen Brief lese, je mehr ärgere ich mich über das dumme so ganz grundlose Geschwäz! Was kann doch eine unnüzze Theilnahme der Menschen quälen. Die armen Blutigel haben wahrlich nicht geglaubt so wichtige Personen zu sein. Unwohl bin ich ja keinen Augenblik gewesen, nur baden konnte ich ein paar Tage nicht, bis der Pops heile Katz war. Kurzum ich ärgere mich doch mehr als billig ist. — Dieß ist denn der vorlezte Brief von hieraus. und einen bekomme ich noch von dir, wo du hoffentlich wieder ganz brav sein wirst, und Deinem Carl nicht wieder den Kummer machen, lieber alles unwahrscheinliche und Hirnlose zu glauben, als ihm und seinen Berichten.

Ich umarme Euch innigst, Ihr Einziggeliebten. Gott segne Euch + + +. und erhalte Euch gesund, damit nichts unser baldiges, so Gott will fröhliches und glükliches Wiedersehen störe.      in meinem nächsten Brief bezeichne ich dir vielleicht noch genauer meine Reise, damit du deinem Carl hübsch Schritt vor Schritt folgen kannst. ich weiß nicht warum, aber ich meyne ich müßte nach Darmstadt. doch nun lebt wohl. Millionen innige Küße! bald in Euren Armen. Dein dich über alles liebender
Carl.

Alles herzliche an Roth, Kellers ppp

Apparat

Zusammenfassung

berichtet vom erwarteten Besuch des Engländers Kemble, der gemeinsam mit Sir Smart kam, von beiden hatte er einen guten Eindruck, letzterer werde im September nach Dresden kommen; allerdings gab es keine Erhöhung des von Kemble vorgeschlagenen Honorars für die für London zu schreibende Oper; Kemble brachte eine goldene Dose von Livius für ihn (Weber) mit; Besuch bei der Gräfin Perponcher in Anwesenheit der Kronprinzessin, eine Aufforderung zum Klavierspiel konnte er nicht ablehnen, hat gegenwärtig Probleme mit Zahnschmerzen und Gesichtsreißen; rät seiner Frau, seinen Berichten über sein Befinden und nicht den Dresdner Schwätzereien zu glauben

Incipit

Guten Morgen mein vielgeliebtes Leben. Habe sehr

Verantwortlichkeiten

Übertragung
Eveline Bartlitz; Joachim Veit

Überlieferung

  • Textzeuge: Berlin (D), Staatsbibliothek zu Berlin – Preußischer Kulturbesitz, Musikabteilung (D-B)
    Signatur: WFN - Mus. ep. C. M. v. Weber 197

    Quellenbeschreibung

    • 1 DBl. (4 b. S. einschl. Adr.)
    • Siegelloch
    • Rötel- und Blaustift-Markierungen von Max Maria von Weber

    Dazugehörige Textwiedergaben

    • Joachim Veit, Eveline Bartlitz und Dagmar Beck (Hg.), „...die Hoffnung muß das Beste thun.“ Die Emser Briefe Carl Maria von Webers an seine Frau, München 2003, S. 97-100 (mit Faks.)

Textkonstitution

  • „Sperling“sic!
  • „… schönstes“dreifach unterstrichen
  • 14„13“ überschrieben mit „14

Einzelstellenerläuterung

  • „… er beharrte auf seinem Gebot“Zu Kembles Angebot (500 £ für Partitur und Klavierauszug des Oberon mit Eigentumsvorbehalt für England, Schottland und Irland) vgl. u. a. Brief an Hinrich Lichtenstein vom 4. September 1825 sowie Leaves from the Journals of Sir George Smart, hg. von Hugh Bertram Cox und C. L. E. Cox, London 1907, S. 71f.
  • „… mir eine artige goldne Dose“ Weber verkaufte die Schnupftabakdose laut Tagebuch am 18. November 1825 für 60 rh.

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