Aufführungsbesprechung: „Deodata" von A. Kotzebue mit Musik von Bernhard Anselm Weber am 4. August 1811 in München

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Dramaturgische Bruchstücke.

Sonntag, den 4ten August. Zum Erstenmale, Deodata, Schauspiel mit Gesang in 4 Akten von Kotzebue, mit Musik von dem königl. preußischen Kapellmeister Bernhard Anselm Weber in Berlin.

In diesem Produkte hat Hr. von Kotzebue ein würdiges Seitenstück zu seiner früheren Oper, des Teufels Lust-Schloß* geliefert, – in dem es wo möglich noch bunter drunter und drüber geht. In Deodata findet der Schau-Lustige jeder Klasse etwas für sich. Gefahren ohne Zahl, – mißlungene Rettungen, – Wahnsinn, – Edelmuth, – Bärenhöhlen, – Kerker, – Kämpfe, – Gift und Dolch – etc. und am Ende noch ziehtΔ den Verf. ein unwiderstehliches Wahrheitsgefühl dazu, das Ganze in Feuer und Rauch aufgehen zu lassen und so ahnungsvollΔ sein künftiges Schicksal anzudeuten. Doch übergenug von dem Texte; gehen wir zu dem Erfreulichern, zu der Musik und der hiesigen Darstellung über.

Die Musik bezeichnet durchaus den vielerfahrnen, gewiegten Meister, der nebst richtiger Declamation und Ausdruck, alle Künste einer effektvollen Instrumentation, mit einer ausgezeichneten Kenntnis der Szene in sich vereinigt. Die Charaktere seiner Personen sind vorzüglich wahr gehalten. Zum Beyspiel stellt Ref. nur alles ¦ auf, was der Narr zu singen hat. Besonders sein erstes Liedchen: "Wer da will blasen was ihn nicht brennt, der ohne Noth in sein Unglück rennt," wo die originelle Begleitung einer Oktav-Flöte ungemein glücklich gedacht ist.

Am meisten hat Ref. das kleine Duettchen angesprochen, mit dem die beiden Mädchen als Zigeunerinnen auftraten, "aus dem fernen Morgenlande"; dieß ist sehrΔ originell behandelt. Von den größern Musikstücken hebt Ref. besonders das Lied des blinden Mannes mit einfallendem Marsch, und dann die Scene im Kerker im 3ten Akt aus, wo der Gesang der Deodata, dieΔ sich in den leidenschaftlichsten Accenten zu Gott erhebt, im Contrast mit dem ruhig fortschreitenden Chor in der Kapelle von großer, ergreifender Wirkung ist.

Der Ouverture hat Ref. keinen Geschmack abgewinnen können. Sie besteht aus veralteten Formen, und in allem, besonders aber in der Instrumentation, ist das Studium älterer Meister, vorzüglich Glucks, zu auffallend vorleuchtend. Überhaupt scheint der Grund, wenn diese Musik nicht allgemein wirkt, obwohl sie alle technische Kunstfoderungen in hohem Grade befriedigt, wohl darin zu liegen, daß ihr trotz aller oben berührten Vorzüge doch der allerwirkendste fehlt – blühende Phantasie.

Der Musikstücke sind im ganzen auch zu viel, und einige schleppen die Handlung unglaublich, z. B. in der Scene des 3ten Aktes, wo Rüdiger einschläft, dann das Lied was Deodata im Kerker zu ihrem Theobald singt etc.

Was die Darstellung selbst betrifft, so muß man gestehen, daß nichts gespart wurde, um das Stück von allen Seiten zu erheben. Fr. von Fischer gab die Deodata sehr gelungen und einzelne Stellen, wie z. B. die Scene wo Rüdiger einschläft und sie sich seiner Schlüssel bemächtigt, – trefflich. Die einzige Scene zwischen Rüdiger, Theobald und ihr, wo sie Theobald ihre Liebe zum Schein aufkündigt, schien Ref. etwas zu stark aufgetragen.

An Rüdigers Charakter ist nichts zu vergreifen und nichts zu greifen, man kann also weiter nichts sagen, als daß ihn Hr. Tochtermann mit gewohntem Fleiße gab, eben so Hr. Kürzinger den so durchaus edeln Theobald.

Der Narr ist der beste Charakter im Stück, und Hr. Mittermaier faßte ihn sehr brav, er gab ihn launigt, herzlich und nicht gemein, was bey solchen Rollen oft Δ verfehlt wird.

Die übrigen Personen des Stücks wandeln, kommen und gehen, und man kann weiter nichts von ihnen sagen, als daß – sie da waren.

Vor allem verdienen die HH. Krux und Quaglio den besten Dank des Publikums. Ersterer durch sein vortreffliches Arrangement (besonders der Kampf Scene) und letzterer für seine herrlichen Decorationen, besonders war es eine große überwundene Schwierigkeit, eine so complicirte Decoration wie die des Kerkers mit der Kapelle, mittelst einer bloßen Verwandlung aufzustellen. Mögen diese beiden noch lange der Kunst und unserer Bühne leben, und in würdigen Zöglingen neu erblühen.

Das Orchester unter Leitung des Hrn. Konzertmeisters Moralt griff mit Feuer und Leben in einander, und Hr. Kapellmeister Weber hätte gewiß einen hohen Genuß gehabt, seine Musik so vortragen zu hören, wozu Ref. aber leider noch voraussetzen muß, daß er manchen Chor hätte hören müssenΔ.

Simon Knaster.

Apparat

Zusammenfassung

ausführliche Besprechung des Werkes, Hervorhebung einzelner Nummern; die Komposition sei jedoch ohne Fantasie ausgeführt; lobt die sängerischen Leistungen und die herrliche Dekoration

Generalvermerk

vgl. Webers Aussage zu B. A. Webers Kompositionen im Brief an G. Weber vom 9. Oktober 1811

Entstehung

6. August 1811 (laut TB)

Verantwortlichkeiten

Überlieferung in 2 Textzeugen

  • 1. Textzeuge: Gesellschaftsblatt für gebildete Stände, Jg. 1, Nr. 62 (7. August 1811), Sp. 503–504
  • 2. Textzeuge: Entwurf: Berlin (D), Staatsbibliothek zu Berlin – Preußischer Kulturbesitz, Musikabteilung (D-B)
    Signatur: Mus. ms. autogr. theor. C. M. v. Weber WFN 6, (IV) Bl. 35a/v - 35b/r

    Quellenbeschreibung

    • über dem Manuskript "Dramaturgische Bruchstükke."; "Sonntag d: 4t August. zum erstenmale, Deodata Schauspiel mit Gesang in 4 Akten von Kozebue, mit Musik von dem Königl: Preußischen KapellMster: Bernhard Anselm Weber in Berlin"; keine Datierung
    • auf Bl. 1v bis Bl. 2r des DBl. nach 1811-WeS-15 (Bl. 2v = leer), Format 33,1x20,4 cm hoch, WZ: Lilienblüte, Gegenmarke: MH, Kettlinien 2,7–3 cm; Weber Pag. 52–53, Text mit Blei durchgestrichen

    Dazugehörige Textwiedergaben

    • HellS II, S. 80–84
    • MMW III, S. 44–46
    • Kaiser (Schriften), S. 115–118 (Nr. 32)

    Einzelstellenerläuterung

    Lesarten

    • Textzeuge 1: zieht
      Textzeuge 2: zog
    • Textzeuge 1: ahnungsvoll
      Textzeuge 2: ahndungsvoll
    • Textzeuge 1: sehr
      Textzeuge 2: ungemein
    • Textzeuge 1: die
      Textzeuge 2: der
    • Textzeuge 1: Text nicht vorhanden.
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      Textzeuge 2: gehört hätte

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