Korrespondenz-Nachrichten Dresden, 24. Juli bis 1. August 1817

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Dresden. Am 26sten July führte die italien. Gesellschaft Mozarts berühmte Oper, Cosi fan tutte, auf. Das geniale, kunst- und lebenvolle Werk bewährte auch diesmal seinen grossen Ruf: es machte auf das ganze, so zahlreich, wie im Sommer höchst selten, versammlete Publicum die schönste Wirkung. Aber es ward auch trefflich gegeben, im Gesang, im Spiel, und vom Orchester. Mad. Sandrini, als Fiordiligi, spielte durchaus, und sang auch ihre Arien – Come scoglio – im 1sten Aufzuge, und das grosse Rondo: Per pietà – im 2ten – sehr schön. Noch mehr Wirkung auf das Publicum würde sie damit gemacht haben, hätte sie nicht, wie wir schon öfter, bey ähnlichen Veranlassungen angemerkt haben, ihre Stimme in Anstrengung übernommen. Ihre Schwäche der Kehlorgane, durch zu häufiges Singen entstanden, wird – wie sie doch zu glauben scheint, und ihr vielleicht von des Singens nicht genug kundigen Rathgebern gesagt wird – nicht durch übermässiges Anstrengen gehoben; sie nimmt dadurch eher zu. Diese Organe, haben sie einmal eine Schwäche erlangt, die nicht von bald vorübergehender Unpässlichkeit herrührt, sondern dauernd ist, erlangen die vorige Kraft fast niemals wieder: mässige und bedachtsame Uebung erhält sie jedoch, da hingegen übermässige, gewaltsame Anstrengung auf sie zu wirken pflegt; wie gänzliches Unterlassen aller Uebung. Wir meynen es wahrlich gut mit dieser wackern Künstlerin, indem wir wiederholt dies ihr zurufen – Hr. Benelli, als Ferando, war sehr brav; im Gesang zeichnete er sich vornämlich durch die Cavatine: Un aura amorosa – im 1sten Aufzuge aus. Er trug sie mit aller Präcision und Haltung, in halber Stimme vor, wie dies eine Musik dieser Art so gut zulässt; und fand verdienten Beyfall. Hr. Bassi, als Guglielmo, stellte den Charakter trefflich dar, und gefiel dem Publicum vorzüglich in der Arie des 2ten Aufzugs, wo er seinen Vorgänger, Hrn. Quillici, in jeder Rücksicht übertraf. Mad. Mieksch, als Dorabella, und Dem. Hunt, als Despinetta, spielten sehr gut, besonders die letztere. Hrn Benincasa endlich, als Don Alfonso, fasste, wie gewöhnlich, seinen Charakter richtig, und stellte ihn treu und erfreulich dar.

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Am 1sten August führte die deutsche Gesellschaft Cherubinis erste heroische Oper, Lodoiska, auf. Diese charakteristische, originelle, kunstreiche, für Declamation und theatralische Handlung so vorzüglich gearbeitete Musik ist zu bekannt, als dass wir uns darüber zu verbreiten nöthig hätten. So rühmlich sich unser trefflicher Kapellm., Hr. Mar. v. Weber, bemühete, in die Ausführung Geist und Leben zu bringen, so brav das Orchester seine schwere Partie ausführete: es blieb doch, im Ganzen, eine der schlechtesten Vorstellungen. Frau von Biedenfeld, als Lodoiska, zeichnete sich jedoch sehr vortheilhaft aus; und wenn sie auf das Publicum nicht noch mehr wirkte, als geschah, so lag das wol nur daran, dass sie ihre ohnehin starke Stimme gar zu sehr angriff, und mehrmals – ists erlaubt, ganz gerade heraus zu reden – sogar schrie. Lisinska (Dem. Hunt) war gut. Den Grafen Floresky gab Hr. Bergmann. Zu einer solchen Rolle gehört aber ein tüchtiger Schauspieler, der in seiner Declamation und Action Leben und Feuer zu zeigen, auch in den meist gespanneten Situationen sich so zu nehmen weiss, dass die Zuschauer mit gespannet werden; das fehlt aber, leider, Hrn B. bis jetzt gänzlich; so musste die schöne Rolle, und mit ihr ein Haupttheil des ganzen Werks, ja, für den Totaleffect, der entscheidenste, zu Grunde gehen. Farbel war besetzt mit Hrn. Metzner; Durlinsky, mit Hrn. Genast; Altamor mit Hrn. Helwig; Lisikan mit Hrn. Wilhelmi; Talma mit Hrn. Hoecker u. s. w. Nur Frau von Biedenfeld und Dem. Hunt retteten sich aus dem Sturme. Es müsste aber auch mit Zauberey zugehen, wenn eine solche Oper von einer Gesellschaft, wie die deutsche jetzt noch ist, zur Befriedigung eines für Musik so gebildeten Publicums ausgeführt werden sollte. Mit schwachem, grösstentheils unbewaffnetem Heer gewinnt auch ein trefflicher Feldherr keine Schlacht.

Kirchenmusik. Am 24sten liess uns Hr. Kapellm., Ritter Morlacchi, in der kathol. Kirche eine neu von ihm gesetzte Messe hören, welche unter allen, die wir von ihm gehört haben, uns die beste scheint, sowol dem Styl nach, als auch in der Wirkung überhaupt. Sie wurde denn auch mit grossem Beyfall aufgenommen, und nach vollendeter Aufführung ärndtete der Componist allgemeines, gebührendes Lob ein. Wir fanden in dieser Musik Gedanken, die eben so schön erfunden und neu, als zweckmäßig auf Wirkung in ¦ unsrer Kirche berechnet sind, zumal da sie mit Klarheit geschrieben und nur mit musikal. Figuren bereichert sind, wie sie hieher passen. Das Kyrie fängt mit einem Canon all’ unisono in C moll an:

Wendung der Fuge:

Wendung des Canons:

Die Vereinigung der Fuge und des Canons zusammen, brachte eine gute Wirkung hervor; wie wahrer Kirchenstyl hier immer. Das Christe ist ein Andante in As dur für 4 Solostimmen und Instrumente; es hat schöne Harmonie, ist andächtig und erreicht seine Absicht. Das Gloria ist ein Allegro moderato, und diesmal führte die Lebendigkeit des Meisters ihn nicht in den Theaterstyl, sondern er blieb im kirchlichen, beobachtete auch die gehörige Kürze und wirkte durch beydes trefflich. Das Domine Deus, ein Cantabile für den Sopran, ist in schönem Gesange, mit guter Harmonie und andächtig geschrieben; es machte einen sehr angenehmen Eindruck. Das Thema der, nach dem Antiphonarium mit einem fortlaufenden Basse geschriebenen Fuge, Cum sancto spiritu, ist dieses:

Ihre grösste Wirkung ist in der Zusammenziehung, wenn sich der Tenor in der Terz mit dem Basse vereinigt; welche Vereinigung, in Verbindung mit der Antwort des Soprans und Alles, ein schönes Finale bildet. Das Credo fängt mit einem tema di canto fermo an:

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Originell und rühmenswürdig ist darin, dass Hr. M. Tenor und Bass im Thema des Canto fermo unisono singen, und Sopran und Alt über dasselbe figuriren, und credo, credo, antworten lässt; wobey die Violinen in den höchsten Tönen die Figuren des Soprans und Altes begleiten. Es gab dies eine schöne Harmonie und war von guter Wirkung. Das in Des dur gesetzte Et incarnatus ist ein sehr wirksames Adagio, das dem Compositeur Ehre macht. Die ungewohnte, herrliche Tonart, deren eigenthümlicher Charakter gut gehalten war, und die düstere Behandlung des sepultus est, schienen auf die Zuhörer die meiste Wirkung zu machen. Et resurrexit war das nämliche Thema, wie im ersten Allegro, und die Fuge: Et vitam venturi saeculi, in demselben Metrum, wie die, Cum sancto spiritu. Das Sanctus zeichnet sich nicht sonderlich aus: desto mehr aber das Benedictus, in F dur; ein andächtiges, harmonisches Duett der Nachahmung in der Quinte, zwischen Sopran und Tenor. Im ersten und letzten Allegro ist jedoch der Compositeur dem Kirchenstyle nicht ganz treu geblieben; auch bemerkten wir darin, so wie auch in manchen andern der vorhergegangenen Stücke, Accorde, die sich nicht mit den Gesetzen der Harmonie vertragen. Das Agnus Dei ist ein sehr anziehendes Stück, mit frommen Gefühl geschrieben, und frommes Gefühl einflössend. Es ist blos für die Singstimmen; nur dann und wann hört man einige Accorde der Violinen, der Orgel und der Blas-Instrumente, welches, ausserdem, dass es von guter Wirkung ist, auch noch die Sänger im Ton erhält, und um so nöthiger war, da einige unserer Bassisten den Fehler haben, zuweilen um einen guten Viertelton unterzuziehen. – Hr. M. wird aus diesem unserm Berichte sehen, mit was für Aufmerksamkeit wir sein Werk gehört, und dass wir es mit derselben Unparteylichkeit und Aufrichtigkeit beurtheilt haben, welche wir uns stets zur Pflicht machen. Mit Achtung und Freude erkennen wir seine Vorzüge, wo wir deren entdecken; aber keineswegs mögen wir uns zu seinen Schmeichlern gesellen, die ihm, so übertriebene Lobsprüche zurufen, dass sie von Kunstverständigen eher für Tadel, und von Ununterrichteten für Ironie gehalten werden müssen. Die Ausführung dieser Musik sowol ¦ vom Orchester, als von den Sängern, konnte nicht besser seyn. Die Stimme des Sopranisten, Hrn. Sassaroli, die seit geraumer Zeit nicht so blühend war, als in dieser Messe, entzückte die Zuhörer. Mit Freuden schreiben wir auch dieses Lob hin. Hr. Benelli zeichnete sich im Duett des Benedictus aus; besonders bewies er seine Kunst und bekannte Einsicht dadurch, dass er seine Stimme mit der, des Hrn. Sassaroli, in jenem Satze so vollkommen zu vereinigen wusste.

Notizen. Der Hr. Ritter Morlacchi ist nach Neapel berufen worden, um die erste Herbstoper für das Theater S. Carlo zu schreiben; so wie auch nach Mayland, um die erste Frühlingsoper für das Theater alla Scala daselbst zu componiren. Der Ruf ist ehrenvoll für ihn, sollten auch die ungeheuren, zum Theil ganz widersinnigen Lobsprüche, die, von hier nach Italien gesandt, mitunter auf Erzählungen von hiesigen Ehrenbezeigungen gebaut sind, die geradezu unwahr sind und hier nie stattgefunden haben – sollten auf ihn, diesen Ruf, auch diese Unbesonnenheiten u. Abgeschmacktheiten bedeutenden Einfluss gehabt haben. Der König, der den jungen, talentvollen und fleissigen Künstler mit seiner Gunst beglückt, hat ihm einen achtmonatlichen Urlaub bewilligt, und er wird in wenigen Tagen abreisen. Möge es ihm glücken, seinen Ruf in Italien durch seine Werke besser zu bewähren, als durch jene Manipulationen auf die Dauer möglich ist! Wir wünschen dies nicht nur, sondern wir hoffen es; denn wir kennen seine Fähigkeiten, und sind gewiss, er werde alle Kräfte aufbieten, sie aufs vortheilhafteste anzuwenden, indem er so gut weiss, als wir wissen, dass die Herren Mayländer nicht mit sich spassen lassen, und die Neapolitaner, sind sie gleich weniger streng, doch auch nicht. – Hr. und Mad. Weixelbaum von Carlsruhe sind mit sehr gutem Gehalte auf Ein Jahr bey dem hiesigen königl. Theater angestellt worden.

Apparat

Entstehung

Verantwortlichkeiten

Übertragung
Albrecht, Veit

Überlieferung

  • Textzeuge: Allgemeine Musikalische Zeitung, Jg. 19, Nr. 38 (17. September 1817), Sp. 649–660

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