Aufführungsbesprechung Prag, Ständetheater, 19. März – 10. April 1814

Theater.

Prag. – Den 19. März zum ersten Mahl: Hedwig, Drama in 4 Acten von Th. Körner. – Dieses mehr genial gedachte, als organisch durchgeführte Werk des liebenswürdigen Jünglings, der sich durch die absolute Übereinstimmung in Wort und That so herrlich verklärt hat, fand sehr geringen Beyfall. Wirklich ist es der Mängel zu viele, und selbst das vortreffliche Spiel der beyden Hauptpersonen (Mad. Löwe, Hedwig, und Hr. Bayer, Rudolph) war nicht im Stande, ihren schwach gezeichneten Charakteren die nöthige Rundung und Haltung zu geben. Es wird sich schwerlich lange im Repertoire unserer Bühne erhalten.

Den 27.: Fanchon, das Leyermädchen, Liederspiel von Hrn. v. Kotzebue, mit Musik von Himmel. – Die Aufführung dieses, in andern Städten Teutschlands schon verschollenen Singspiels ist ein neuer Beweis, daß die 57 Singstücke, welche darin enthalten sind, durchaus nur gespielt zu werden brauchen. Hr. Wilhelmi gab den Abbe, und Hr. Polawsky den St. Val mit ausgezeichnetem Beyfall, und ihr Spiel ließ uns bey beyden den Mangel an Stimme gar nicht bemerken. Dlle. Brand als Fanchon war bezaubernd, und diese Rolle gelang ihr fast noch besser als Aschenbrödel. Hr. Grünbaum sang den Eduard sehr brav; auch Hr. Allram als Tapezier entfaltete wieder sein echt komisches Talent. Dlle. Bach gab den jungen Savoyarden Andre mit vieler Natur, und es hat den Anschein, als könne sie sich in männlichen Kleidern freyer als in weiblichen bewegen. Mad. Allram als Florine war brav; nur Hr. Bachmann als Bertrand, Hr. Neumayer als Augustin, und Mad. Herold als Tante machten eine sehr traurige Figur, und schwächten den Eindruck des Ganzen.

Den 29.: Das Vehmgericht, Trauerspiel in 5 Aufzügen von Aug. Klingemann. – Mad. Schröder gab die Adelheid als Gastrolle, und riß durch ihr tiefgedachtes, und doch von aller Manier freyes Spiel hin. Im Ganzen gefiel das Stück so wenig, als bey seiner ersten Erscheinung, so brav auch Mad. Löwe, Hr. Bayer, Wilhelmi und Reinecke ihre schwierigen Rollen darstellten.

Den 31.: Zum Besten und Abschiede des Hrn. Brückel: Der Taubstumme, oder: Abbé de l‘Epée. Schauspiel in 5 Aufzügen von Hrn. Kotzebue. – Hr. Brückel, welcher die Bühne verläßt, um sich zu seiner Familie nach Rußland zu begeben, wählte zum Abschied diese Rolle, in der er sich seit vielen Jahren der Zufriedenheit des Publicums erfreut, und fand auch dieß Mahl wieder lebhafteste Theilnahme. Er ward nach dem Schluß des Stückes hervorgerufen, und nahm in einigen selbst verfaßten, recht herzlichen und rührenden Stanzen von dem Publicum Abschied, dem er den größten Theil seines Künstlerlebens gewidmet hatte. Wegen Krankheit der Mad. Brunetti hatte Dlle. Brand die Rolle des Julius übernehmen müssen, und erhielt so lebhaften als gerechten Beyfall.

Den 1. Aprill: Das Intermezzo, oder: Der Land¦junker zum ersten Mahl in der Residenz, Lustspiel in 5 Aufzügen von Hrn. v. Kotzebue. – Herr Löwe gab den Junker Hans von Birken zum ersten Mahl, und bewies, welche große Erwartungen im komischen Fache wir von ihm zu hegen berechtiget sind; möchte er doch alle Rollen mit so viel Fleiß und Theilnahme geben, gewiß würde stets ungetheilter Beyfall sein Talent belohnen und ermuntern! Die übrige Rollenbesetzung war wie gewöhnlich, mit der einzigen Ausnahme, daß Mad. Brede statt Mad. Brunetti die Rolle der Schauspielerinn übernommen hatte, und auch recht artig durchführte.

Den 4.: Große musikalische Akademie zum Besten des Herrn Capellmeisters und Operndirectors Carl Maria von Weber. – Die Erwartungen auf diesen Abend waren sehr gespannt, aber leider schien das alte teutsche Sprüchwort: Ein Unglück kommt nicht allein, eintreffen zu wollen, um selbe zu täuschen. Erstens war Mad. Grünbaum schon in den Wochen, und endlich erkrankte Hr. v. Weber selbst den Tag vor der Production, welche meistentheils aus den Werken vaterländischer Tonkünstler bestand. Hr. Clement übernahm die Direction, und war leider nicht im Stande, das Orchesterpersonale zusammen zu halten; wir hörten ein Stück aus der Oper: Kanzema, Königinn von Surandid, von F. D. Weber, Director des Conservatoriums der Musik zu Prag. Eine Symphonie und ein Gesangstück: Heloise in Abälards Grab, von W. T. Tomascheck, und das erste Stück einer Symphonie, von J. Wittasek; aber die Aufführung dieser Tonstücke war so durchaus verunglückt, daß es die größte Ungerechtigkeit wäre, selbe, deren große Vorzüge man mehr errieth als ausnahm, nach einer solchen Production beurtheilen zu wollen. So lobenswert die Bescheidenheit des Hrn. v. Weber und seine Anerkennung fremder Talente, welche stets ein giltiger Bürge für das eigene ist, aber auch seyn mögen, so hat das Publicum gleichwohl Ursache, damit unzufrieden zu seyn, daß er so äußerst karg mit seinen eigenen Werken ist, welche doch gewiß von den Kennern der Kunst nach ihrem großen Verdienst anerkannt werden würden.

Den 5.: Große musikalisch-declamatorische Akademie im Redoutensaale zum Besten der barmherzigen Brüder, veranstaltet von Herrn Doctor und Professor J. Chr. Mikan. – Auch dieses zweyte Tonfest, welches mit dem Kunstgenusse zugleich einen so schönen wohlthätigen Zweck vereinte, litt durch die Krankheit des Hrn. v. Weber und der Mad. Grünbaum. Den höchsten Reiz gewährte die seelenvolle Declamation der Mad. Schröder, welche nebst zwey der schönsten Gedichte des verewigten Körner, wovon sie das eine: Mein Vaterland, wiederhohlen mußte, und nachher das erläuternde Schillersche Gedicht: Thekla, eine Geisterstimme.

Den 10.: Zum Besten der hiesigen Tonkünstler-Witwen und Waisensocietät: Die vier Jahrszeiten, großes Oratorium von J. Haydn. Wurde mit vielem Beyfall aufgenommen.

Apparat

Entstehung

Verantwortlichkeiten

Übertragung
Ina Klare

Überlieferung

  1. Der Sammler. Ein Unterhaltungsblatt, Jg. 6, Nr. 94 (12. Juni 1814), S. 376

Textkonstitution

  • „ist“Unsichere Lesung.
  • „T.“sic!

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