Aufführungsbesprechung, Prag: Erwähnung verschiedener Ausführenden und Werke, September 1816

Tonkunst.

Prag. Den 6. Sept. hatten wir das Vergnügen, den berühmten Guitarrespieler, Herrn Giuliani, hier zu hören, und diese Ausstellung seiner seltenen Kunst hat ganz den großen Erwartungen entsprochen, die sein vorhergegangener Ruf erregt hatte. In einem brillanten Concert von seiner eigenen Composition legte Herr Giuliani seine ganze Gewalt, die er über dieß Instrument besitzt, an den Tag. Es sind darin die größten Schwierigkeiten aller Art mit zarten melodischen Sätzen so schön verwebt, daß in uns ein ganz anderes Gefühl sich regte, als wir sonst beym Anhören einer Guitarre zu empfinden gewohnt sind. Ein rauschender, enthusiastischer Beyfall lohnte den Künstler. Mad. Grünbaum und Herr Stöger unterstützen Herrn Giuliani auf das wirksamste, erstere mit einer Arie und Scene von Nicolini, in deren Vortrag sie durchaus nichts mehr zu wünschen übrig ließ, und letzterer sang eine Arie vom Capellmeister Hummel aus der Oper: Mathilde von Guise, mit Auszeichnung.

Ein Potpourri für zwey Guitarren, gleichfalls von der Erfindung des Herrn Giuliani, welches ihm Herr Sellner, Mitglied des hiesigen Orchesters, äußerst präcise und bescheiden accompagnirte, machte den Beschluß. Dieses Tonstück enthielt zwar, wie es sein Nahme ausspricht, meistens bekannte Melodien, welche aber der Componist auf eine annehmliche Weise fließend an einander reihte. Wir bewunderten an Herrn Giuliani insbesondere seinen überaus lieblichen und zarten Vortrag, der im Augenblicke vergessen macht, daß er ein so stiefmütterlich ausgestattetes Instrument behandelt, und wir müssen es ihm zugestehen, daß er selbes mehr als je einer vor ihm zum Gesange erhebt.

Auch hörten wir hier in einer neuen Ouverture von Herr Tomaschek, die zum ersten Mahl aufgeführt, und womit das Concert eröffnet wurde, ein dieses denkenden Tonsetzers ganz würdiges Product.

Am 19. Sept. gab uns die seit langer Zeit durch ihr großes Talent so rühmlich bekannte königl. preuß. Kammersängerinn, Dlle. Schmalz, eine erfreuliche Kunstausstellung. Der erste Moment derselben war eine äußerst geregelte Scene von Portogallo, welche der Componist bloß geschrieben zu haben scheint, um einer Sängerinn Gelegenheit zu verschaffen, daß sie den ganzen Reichthum ihrer Kunst entfalten könne. Noch mehr erregte die Künstlerinn die Bewunderung durch eine Scene von Herrn Capellmeister ¦ Gürrlich, worin sie sich als vollendete Sängerinn beurkundete, und die sie trotz der Länge der, übrigens gediegnen Composition mit einer außerordentlichen Kraft der Stimme bis an’s Ende vortrug, und durch einen enthusiastischen Beyfall belohnt wurde. Wir bemerkten darin einen Umfang ihrer Stimme von B bis zum dreymahl gestrichenen Es. Fürwahr eine Seltenheit unserer Zeit! Wir nahmen daher keinen Anstand, das Urtheil zu unterschreiben, daß Dlle. Schmalz eine der größten Sängerinnen Teutschlands ist, die durch ihren ehemaligen Aufenthalt in Italien sich den reinsten und edelsten italienischen Geschmack zu eigen gemacht hat. Wir bemerkten Schwierigkeiten, die sie mit einer Präcision und Reinheit executirte, die nicht der Profane, wohl aber der Kunstverständige zu beurtheilen im Stande ist. Den Beschluß des Concerts machte sie mit Variationen (o dolce contento), welche der Sage nach von der vor einigen Monathen in Nordteutschland über alle Nachtigallen, Seraphim und Cherubim erhaben und vergötterten Catalani componirt und gesungen worden seyn sollen. Wir wollen, statt über den Werth dieser Variationen ein Urtheil auszusprechen, uns hier auf den Gegenstand beschränken, daß das Publicum bis zur Stunde noch in der Ungewißheit schwebt, welche Melodie eigentlich dem Thema zum Grunde liege. Auf jeden Fall waren sie nicht das schönste Lorberreis in dem Kranze der Künsterlinn.

Dlle. Schmalz ward unterstützt von unserm so braven jungen Virtuosen, Carl Maria von Bocklet, der ein Violinconcert von Rode spielte. Dieser talentvolle junge Künstler legte dießmahl zu Tage, daß mit dem physischen Wachsthume seines Körpers auch die Kraft seines Spieles auffallend zugenommen habe. Wir übergehen hier die Reinheit, Präcision und besondere Fertigkeit, welche das Spiel des jungen Künstlers auszeichnen, und bemerken nur noch die Reichhaltigkeit seines Bogens und die Zartheit seines Vortrags im Adagio. Ein einstimmiger Beyfall lohnte das schöne Streben des jungen Künstlers im vollsten Maße.

Wien. Der rühmlich bekannte Violinspieler, Herr Friedrich Wilhelm Pixis, Professor am Conservatorium der Musik zu Prag, wird gegen Ende dieses Monaths hierher kommen, und hier, unterstützt von seinem Bruder, dem hier wohnenden Virtuosen auf dem Pianoforte, Johann Peter Pixis, eine musikalische Akademie geben, welche gewiß allen Freunden der Tonkunst einen reichen Genuß darbiethen wird.

Apparat

Entstehung

Verantwortlichkeiten

Übertragung
Jakob, Charlene

Überlieferung

  1. Der Sammler. Ein Unterhaltungsblatt, Jg. 8, Nr. 126 (19. Oktober 1816), S. 520

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