Johannes Friedrich Müller an Max Maria von Weber in Dresden
Chemnitz, Mittwoch, 7. Mai 1862

[Überschrift von F. W. Jähns:]
Schreiben
des Bürgermeister Müller
zu Chemnitz (Königr. Sachs.)
an Max von Weber
wegen seines Vaters Carl Maria’s von Weber’s
Aufenthalt zu Chemnitz 1800-2. Copie nach dem Original.

Ew: Hochwohlgeboren

theile ich ganz ergebenst mit, daß ich zwar Acten, welche die gewünschte Auskunft über den Aufenthalt ihres Vaters u. Großvaters in hiesiger Stadt in den Jahren 1799 – 1801 geben, nicht aufgefunden habe, daß es mir aber gelungen ist, doch wenigstens etwas auf andere Weise auszumitteln. Ich habe mich zunächst an den, mehrere 80 Jahre alten Kaufmann und Partikulier Kunstmann gewendet, der durch sein ganzes Leben ein großer Freund der klassischen Musik und deren Schöpfer war, der insbesondere auch mehrere gute Sachen componirt hat und vielseitige Erfahrung hat als Fachmann. Dieser hat die ihm vorgelegten Fragen durch seine Tochterin der Weise beantworten lassen, wie Sie dies aus dem beifolgenden Briefe entnehmen wollen.

(NB. Der Brief lautet nach dem Original, wie folgt:)

Herrn Bürgermeister Müller
Wohlgeboren

„Im Auftrage meines Vaters, der leider nicht mehr selbst schreiben kann, beantworte ich Ihnen Ihr werthes Schreiben so genau wie möglich. – Franz Anton von Weber nebst seinem Sohn hat sich allerdings zu der | angegebenen Zeit hier aufgehalten. Der Zweck ihres Hierseins war nach meines Vaters Wissen kein anderer, als daß C. M. v. Weber an einem kleinen Orte seinen Musikstudien ungestört leben sollte. Sein Vater befand sich in dürftigen Verhältnissen und gab vor, ein holländischer Hauptmann zu sein. Von hier wendeten sie sich nach Freiberg. Eine Schauspielergesellschaft unter Leitung eines gewissen Nitzsche* war damals hier anwesend.“

Mein Vater empfiehlt sich Ihnen hochachtungsvoll
Ergebenst Tony Jahn
(geb. Kunstmann)

Außerdem habe ich persönliche Rücksprache genommen mit dem emiritirten Cantor Kurzwelly Eine Inscription von Kurzwelly in Weber’s Stammbuch siehe hier in der Sammlung in Classe hier, 92 Jahre alt, dessen Angaben im Ganzen genommen mit den Kunstmann’schen harmoniren. Dieser erklärte nach den von mir sofort niedergeschriebenen Notizen:
Carl Maria von Weber u. dessen Vater Anton von Weber kamen zu Ausgang des vorigen Jahrhunderts mit der Stenz’schen Bürgermeister Müller macht hiezu die Randbemerkung: „Der im Kunstmann’schen Briefe genannte Nitzsche war vielleicht der Musikdirector bei der Stenz’schen Truppe.“ Schauspieltruppe* hieher nach Chemnitz, waren aber bei dieser Truppe nicht engagirt. Der Vater Anton v. W. soll sehr musikalisch gewesen sein. Man nannte den Vater „bayerischen Hauptmann“ a. D. oder wohl auch Major. Sie hielten sich länger hier auf und hatten Aus- und Eingang bei dem griechischen Kaufmann Dobritz allhier, wo viel musicirt wurde. Häufig bin ich mit C. M. v. W. in Gesellschaft gewesen u. habe ihm vorgesungen, er hörte mich gern. Beide hielten sich bis circa 1802 hier auf;* in welchem Hause sie gewohnt haben, weiß ich nicht. Darauf wurde der Sohn als Musikdirector nach Breslauberufen; er | kam aber nach circa einem Jahr noch einmal auf ganz kurze Zeit nach Chemnitz zurück, wo er bei mir wohnte. Dies war 1802 oder 1803. wohl gewiß Irrthum des alten Mannes; keine Nachricht weist auf W’s Aufenthalt in diesen Jahren in Chemnitz hin.* Er war nur ganz kurze Zeit bei mir u. ging dann über Freiberg nach Dresden. Er hatte während seines ersten Hierseins mir Compositionen von sich gegeben, Variationen; er nahm sie aber zurück, weil sie ihm nicht genügten; er wollte mir andre dafür geben, was aber nicht geschehen ist. Später stand ich nicht weiter mit ihm in Verbindung. Der Vater muß in ärmlichen Umständen gewesen sein, er sprach mich selbst um ein Capital an; leider konnte ich es ihm nicht gewähren.“ –

Hienach werden Sie selbst ermessen, daß nur in wenigen Puncten Widersprüche in den Angaben des Kunstmann u. des Kurzwelly vorhanden sind, die ich freilich wenigstens nicht sofort beseitigen kann. Ob „bayerischer“ oder „holländischer“ Hauptmann? Darauf wird wohl nicht viel ankommen.

Sollten Sie noch näheres zu erfahren wünschen, so erwarte ich gefällige Angabe, u. Sie können auf mich um so mehr rechnen, als ich ein sehr warmer Verehrer des seel. Maria v. W. bin. pp. –
Ihr
ergebenster
Bürgermeister Müller.

So vielerlei Unsicheres u. auch Unrichtiges die obigen Aussprüche von Kunstmann u. Kurzwelly enthalten, was sich seit der Zeit dieses Briefes aufgehellt u. berichtigt hat –, so wollte ich diese Aussprüche für die Sammlung „Weberiana“ doch nicht unterdrücken, weil sie von den äußerst selten gewordenen Personen jener Zeit die einzigen waren, K. u. K. waren leider beide schon | verstorben, als ich 1865 über Weber in Chemnitz Nachforschungen anstellte, namentlich über seine 2te Jugendoper, die 1800 in Chemnitz (5. Dez.) gegeben wurde. Besonders verwunderlich erscheinen obige Aussprüche dadurch, daß keiner jener Beiden dieser Oper „Das Waldmädchen“ erwähnt; um so verwunderlicher, als das Andenken daran leicht wach erhalten sein konnte, durch eine damals heftige Polemik über diese Oper von Freiberg aus,* wo sie ebenfalls, aber schon am 24. Nov. d. J. gegeben wurde. Diese Polemik wurde in Chemnitz fortgesetzt u. war damals ein Ereigniß, weil sie leider für den Componisten vom Vater desselben in höchst ungehöriger Weise geführt ward. Siehe zunächst Jähns: Weber in seinen Werken. pag. 413 u. ff. Dann in dieser Sammlung: Die Polemik selbst in Classe I No I als Beilage zum Noten-Autograph aus dem „Waldmädchen“. Abschrift des ganzen Original-Materials der Polemik.

F. W. Jähns.

Apparat

Zusammenfassung

betr. Weber und Chemnitz (Waldmädchenstreit)

Incipit

Generalvermerk

Verantwortlichkeiten

Übertragung
Eveline Bartlitz

Überlieferung

Textzeuge

Berlin (D), Staatsbibliothek zu Berlin – Preußischer Kulturbesitz (D-B)
Signatur: Weberiana Cl. V (Mappe XVIII), Abt. 4 B, Nr. 14 D

Quellenbeschreibung

  • Wiedergabe des Briefes nach einer Abschrift von Friedrich Wilhelm Jähns mit dessen Annotationen

Textkonstitution

  • "Copie nach dem Original.": Hinzufügung am Rand.
  • "Eine Inscription von … Sammlung in Classe": Hinzufügung am Rand.
  • " Bürgermeister Müller … Stenz’schen Truppe.“ ": Hinzufügung am Rand.
  • "wohl gewiß Irrthum … Chemnitz hin.* ": Hinzufügung am Rand.

Einzelstellenerläuterung

  • "… unter Leitung eines gewissen Nitzsche": Hier liegt offenbar ein Erinnerungsfehler vor: Die Theatergesellschaft von Friedrich Nitzschke eröffnete 1806 das neuerbaute Theater in Chemnitz. Franz Anton und Carl Maria von Weber kamen statt dessen mit der Gesellschaft von Steinsberg nach Chemnitz, welche dort von November 1800 bis Februar 1801 auftrat.
  • "… der Stenz ’schen Truppe. Schauspieltruppe": Der Pächter des Vaterländischen Theaters Johann Freiherr von Stenzsch war 1797 nach dem Sommergastspiel in Karlsbad mit dem dortigen Teil seiner Gesellschaft nach Chemnitz und dann nach Leipzig gewechselt, während der Teil der Truppe, der in Teplitz gespielt hatte, nach Prag zurückging und dort von Steinsberg übernommen wurde. Diese Übernahme ist wohl der Grund für Kurzwellys falsche Angabe, die Webers wären mit der Stenzschen (statt Steinsbergschen) Truppe nach Chemnitz gekommen. Die Teilgesellschaft, mit der Stenzsch 1797 von Karlsbad nach Chemnitz und Leipzig ging, wurde von Direktor Karl Friedrich Krüger übernommen, der wiederum von August bis Oktober 1798 in Chemnitz spielte (wohl letztmalig). Bald nach den Auftritten im benachbarten Freiberg (Januar bis Mai 1800) ging die Krüger-Truppe in Teplitz in Konkurs.
  • "… bis circa 1802 hier auf;": Ein Aufenthalt der Webers 1802 in Chemnitz ist nicht dokumentiert und wenig wahrscheinlich; sie reisten im Mai 1801 aus Chemnitz ab.
  • "… diesen Jahren in Chemnitz hin.": Auch für 1803 ist ein Chemnitz-Aufenthalt Webers auszuschließen. Er hielt sich in diesem Jahr zunächst in Augsburg auf, um im August nach Wien zu reisen, wo er seinen Unterricht bei Vogler begann. Denkbar wäre lediglich, dass sich Weber auf der Reise von Augsburg (Abreise 14. Juni 1804) nach Breslau (frühester gesicherter Auftritt dort am 17. Juli 1804) in Chemnitz aufhielt, also kurz vor der Übernahme der Musikdirektorenstelle in Breslau, die auch Kurzwelly erwähnt.
  • "… diese Oper von Freiberg aus,": Vgl. die Schriften A031037, A031100, A031035, A030821, A031026, A031101, A030806, A030837, A031038, A031096 und A031102.

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