Carl Maria von Weber an Caroline Brandt in Prag
Berlin, Montag, 2. und Dienstag, 3. Dezember 1816 (Folge II, Nr. 6)

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An Herrn Herrn

von Mamsell Muks*

genannt Schneefuß.

gebohrener Schwermüthiger

Hanswurst

dermalen

allda

Willkommen in Prag, und Muth und Ausdauer für vielleicht so manches Wiederwärtige, daß im Laufe mehrerer Monate das Menschenleben bedrohen kann. So muß ich dir gleich zurufen wenn du das alte finstre Nest betreten hast.      ich wollte gerne gleich der erste sein der dir freundlich die Hand entgegenstrekt, damit dir doch gewiß zwei Sachen die du liebst dir erheiternd entgegenkommen, die guten Junghs, und ein Brief von Muks, den Du hoffentlich den Tag nach Deiner Ankunft erhalten sollst. Mein lezter Brief mußte so eilig abgehen, daß ich ihn gar nicht einmal mehr überlesen konnte, es ist mir also als hätte ich dir noch so vieles zu sagen vergeßen, als hätte ich dir nichts geschrieben. Heute drängt es mich unwiederstehlich und voll Sehnsucht mit dir zu plaudern ehe ich an die Arbeit gehe, damit ich doch etwas beruhigter dann denken und schaffen kann. d. 30t Abends 9 Uhr gieng ich noch zur Koch, fand sie aber nicht zu Hause, und gieng dann zu Gubiz mit dem ich bis 11 Uhr plauderte. vom 1t Januar an giebt er eine Zeitschrift heraus, zu der ich auch Beiträge liefern soll*. Gestern, d: 1t Xber [war] fast den ganzen Tag ein Kopist bei mir, der bringts ins Klare, was ich nehmlich componirt habe*, und somit gewinne ich wieder Zeit für andere Arbeiten. Mittags konnte ich nicht zu Hothos gehen, weil ich den Mann nicht so lange allein laßen wollte, und gieng also zu Dallach und aß da. ließ mir auch Austern geben, und ward so weich dabei, daß ich beinah geschloßhundet hätte, auch alle Noth hatte ehe ich die 12 Dinger hinunterbrachte. ich bin vielleicht der erste Mensch dem bei Austern eine solche Empfindung anwandelt, aber es war eine süße schöne Errinnerung in dem die ganze Zeit deines Aufenthaltes in Berlin vor meiner Seele vorüber gieng. beim Dallach war ja einer der ersten Abende wo du den größern Kreis froher Menschen sahst.      dann arbeitete ich noch bis 8 Uhr und gieng mit Lichtenstein zu Hothos wo der Geh: Legations Rath Jordan war, und ich viel singen und spielen mußte, worüber die Leute große Freude hatten.      Während dieser Zeit warst auch du beschäftigt mein geliebter Muks, und Heute spielst du zum leztenmal in Dresden*. Wenn Du gutes Reise Wetter bekämst, es ist hier so Glatteis und Thauwetter, das wäre recht fatal über die Berge.

Du mußt mir ausführlicher schreiben über deine Rollen*, was besonders gefallen hat pp wie dir auf dem kleinen Theaterchen zu Muthe war pp      Der Cesario hätte wegbleiben können*, – nun item, legen wir ihn zu dem übrigen. – daß dir die Zeit in Dresden lang wurde konnte ich mir denken, zumal du da eigentlich gar niemand hattest dem du gerne und froh hättest sein können, und der Herz und Kopf wie der hiesige Zirkel so auf dem rechten Flekke stehen hätte.      Rochliz hat mir einen ausführlichen, lieben Brief geschrieben, und preißt mir auch Dresden an, und zwar mit recht klaren, ächten Gründen wie ich mir sie längst selbst vorgelegt habe. – Es ist aber doch entsezlich daß es so lange dauert. – Es freut mich daß auch du über manches was dir nicht recht schien, | beruhigt worden bist, denn du sollst für mich nicht unruhig sein, ich werde mich schon durchbeißen.

Es geht mir wie dir lieber Muks, so eine gute Sehnsucht habe ich noch nie nach Dir gehabt als wie diesesmal, wenn so die Hausleute sich bußen, und sie an ihm kuschelt, da muß ich wegsehen vor Wehmuth und doch machts mir Freude. Nun es wird ja auch werden und dann wollen wir es nachholen. 4 Wochen sollst gar nicht aus Ett kommen. Der graue Joppel läßt die Hand küßen, befindet sich sehr wohl, thut herrliche Dienste, und wird von allen Leuten bewundert. Nun ist’s aber Zeit daß ich an die Arbeit gehe. Gott segne dich mein viel geliebtes theures Leben sey brav und heiter und fett, auch dein Muks ist recht gesund und liebt über alle Maßen seine liebe Lina. Millionen Bußen.

Nachmittags.

So eben bringt der Briefträger deinen Brief Nro. 4 vom 29t 9b der mich sehr traurig machte, weil ich anfangs glaubte daß mein Brief No. 3 vom 26t verlohren gegangen ist, und Du in Sorge um mich wärst, in der Mitte des Briefes aber sprichst Du von dem Brief der Schopf, den habe ich dir ja eben in No: 3 geschikt. habe – was bist du also für ein confusions Rath, oder hat die Schopf direkt nach Dresden an dich geschrieben. – Wie es nun sein mag, so hoffe ich dich in diesem Augenblik beruhigt, wo ich sehr beunruhigt bin. Hast du aber Confusion gemacht so wirst du schön Haue kriegen. Zugleich wiederhole ich dringendstens was ich mich erinnere dir schon in früheren Zeiten geschrieben zu haben, ja nicht sich zu ängstigen wenn einmal der Brief nicht zur bestimmten Zeit ankömt. Es giebt der Nachläßigkeiten und Irrungen in diesem Fache so viel daß man sich nur unnüz quält. freylich ist das leichter gerathen als gethan, und ich würde mich auch schön ängstigen, und habe es wohl schon gethan. – ich bin recht neugierig auf deinen nächsten Brief der mir hoffentlich alles aufklären wird.      Also auch der Cesario gut überstanden. Nun Glük zu. Die Königin ist gar eine liebe edle Dame, und ganz die Schwester des Königs von Bayern in diesem Punkte.      Du hast also die KunstSchäzze durchflogen die wir einst ruhiger genießen wollen. – Daß das Repertoir alle Augenblikke geändert wird ist recht dumm, da habe ich dir nun gestern umsonst den Daumen gehalten.      Mit der Rechnung im Engel mußt Du Dich auch geirrt haben für 3 Tage ohne Wein und Abendeßen 17 rh: ist unmöglich. Aber, a propos, ist das gut gelebt? heißt das Wort halten? Kein Wein, nichts Eßen – da wirst du wieder mager werden, nimm dich in acht, sonst mag ich dich nicht.      Was das Weißzeug betrifft muß ich wohl ein | Auge zudrükken, aber nur nicht zu viel!      Ach Gott, wenn ich nur jezt schon wieder einen Brief von dir hätte. ich bin so unruhig darüber daß du unruhig bist. – ich muß schließen, adieu mein liebes Herz, sei ruhig und heiter, und spiele heute brav, den Savoyard Schlingel*; da bist du so recht in deinem Eße, du paziger Muks. Gott segne dich. +.

d: 3t Morgens.

Guten Morgen theures geliebtes Herz. wie hast du auf den Savoyarden und Schawl Lorbeern geruht? hoffentlich ebenso gut als dein Mukenkönig, der geschlafen hat wie ein Oz. Gestern habe ich mich abermals den ganzen Tag nicht aus dem Neste gerührt, und was tüchtiges weggearbeitet. Stelle dir vor Abends pakte mich die Dichterwuth, und ich schrieb an dem ersten Kapitel vom KünstlerlebenT ein tüchtiges Stükchen, las es dem Lichtenstein vor, |: der sich hatte Blutigel sezzen laßen :| und sprach über das Ganze. nachher wurde ich aber auf einmal von einer solchen Wehmuth überfallen, daß ich mich ihrer kaum erwehren konnte, und um 11 Uhr noch zu meinem lieben Phantasus* meine Zuflucht nahm, um 12 endlich entschlief, und heute guter Dinge aufstand.      Schleßinger hat seinen Wechsel gestern Vertragsmäßig bezahlt, und somit habe ich abermals eine Sorge vom Halse.      Das Wetter ist elend, Thau und Glatteis, wie wird es dir übermorgen gehen armer Schneefuß da wirst Du wohl Deinen Namen verdienen.      Das Wetter ist so schlecht und ich soll jezt anfangen täglich Visiten zu laufen, um mir Briefe auf die weitere Reise zu sammeln, – ach und ich habe so gar keine Lust dazu, ich könnte ein rechter Stubenhokker werden. Die Koch habe ich noch nicht zu sehen gekriegt.      Nun guten Morgen altes Vies, wirst wohl jezt in der Probe hoken, gelte? Ett empfiehlt sich zu Gnaden und ist ganz einsam und traurig, wenn es nicht den grauen Joppel hätte, hätte es gar nichts liebes dran. ich küße dich 100 000mal. ja, die rothen Bußen sind freylich besser. – – – ach – – ach!!!

Abends.

Nun schließen. ich habe was ehrliches zusammen gekrazt, sollte dir dieser Brief zu lang sein, so ließ ihn nicht, als nur allenfalls vor Schlafengehen. – warte nur, das sollst Du noch oft hören. – Mein geliebter Muks ich seegne dich von Herzen, auf daß dir Gott, Ruhe, Gelaßenheit, Geduld, und Heiterkeit zu Deinem Aufenthalt in Prag schenke, Er lenkt alles zum Guten, Vertraue ihm, und deinem festen reinen Willen. Grüße mir die Mutter aufs freundlichste, seid Verträglich. Grüße an alle Freunde und Bekannte. Schreibe bald, oft und viel, deinem dich einzig über alles liebenden treuen Carl, Millionen Billionen Küße.

Viele Extra Grüße von Hothos.

Editorial

Summary

habe seine jüngst entstandenen Kompositionen von einem Kopisten abschreiben lassen; klagt über Ungewißheit in Bezug auf seine Anstellung in Dresden; betr. Gastspiel Carolinens in Dresden; habe an "Tonkünstlers Leben" gearbeitet; habe von Schlesinger Honorar erhalten

Incipit

Willkommen in Prag, und Muth und Ausdauer für

Responsibilities

Übertragung
Eveline Bartlitz; Joachim Veit

Tradition

  • Text Source: Berlin (D), Staatsbibliothek zu Berlin – Preußischer Kulturbesitz, Musikabteilung (D-B)
    Shelf mark: Weberiana Cl.II A a 1. 23

    Physical Description

    • 1 DBl. (4 b.S. einschl. Adr.)

    Corresponding sources

    • Muks, S. 267–272

Text Constitution

  • “habe”added above.
  • “habe”crossed out.

Commentary

  • “… von Mamsell Muks”dreifach unterstrichen.
  • “… ich auch Beiträge liefern soll”Gemeint ist die von Gubitz herausgegebene Zeitschrift Der Gesellschafter oder Blätter für Geist und Herz, Jg.1(1817)-34(1850).
  • “… was ich nehmlich componirt habe”Gemeint sind mit hoher Wahrscheinlichkeit die Stichvorlagen für die Klavier-Sonate Nr. 3 und für Heft 3 von Leyer und Schwert, die Weber laut Tagebuch am 4. Dezember 1816 bezahlte.
  • “… du zum leztenmal in Dresden”Offenbar hatte Caroline Brandt Weber zunächst nur ihre Gastrollen bis einschließlich 2. Dezember mitgeteilt. Ihre beiden nachfolgenden Auftritte in Dresden wurden möglicherweise erst nachträglich aufgrund ihres Erfolges bei den ersten Vorstellungen ausgehandelt: Sie spielte am 3. Dezember die Käthe in Welcher ist der Bräutigam? sowie am 5. Dezember den Joseph in den Savoyarden.
  • “… ausführlicher schreiben über deine Rollen”Caroline Brandt Dresdner Gastspiel begann am 25. November; sie spielte die Gurli in Die Indianer in England.
  • “… Der Cesario hätte wegbleiben können”Am 28. November gab Caroline Brandt in Dresden die Julie.
  • “… heute brav, den Savoyard Schlingel”Caroline Brandt spielte am 2. Dezember in Dresden die Rolle des Joseph in den Savoyarden sowie die Wilhelmine in Der Shawl.
  • “… noch zu meinem lieben Phantasus”Ludwig Tieck, Phantasus, 3 Bd., Berlin 1812/1816. Vgl. auch die Bezugnahme auf Bd. 2 im Brief vom 21.-24. Januar 1817.

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